Die Geschichte ist eigentlich schon mehr als 3 Jahre alt.
Warum erzähle ich sie jetzt erst?
Zuerst fühlte ich mich damals nicht besonders wohl damit. Ehrlich gesagt war es mir lange unangenehm darüber zu reden. Irgendwann bekam ich dann etwas mehr Abstand dazu und konnte darüber lachen. Doch dann war's auch schon nicht mehr aktuell...
Aber irgendwann muss ich's dann doch erzählen. Und weil gerade sonst nichts passiert...
1.: Hintergrund
Ich war gerade erst ein, zwei Monate zum ersten mal in Japan. Dementsprechend lausig war meine Kenntnis von allem. Dementsprechend groß war meine Faszination über selbst die kleinsten Alltäglichkeiten. Alles was man am Straßenrand sehen konnte war interessant: diese kleinen Mini-Autos, die öffentlichen Parks, die in Kanäle gezähmten Flüsse...
Ich verbrachte meine Freizeit vor allem mit "Erkunden". Das heißt: ich ging einfach los und sah dann weiter wo ich wieder heraus kommen würde. Diese Touren wurden logischerweise immer länger und verrückter.
Dann stand plötzlich die "Golden Week" vor mir: ein 5-Tage-Wochenende. Was tut man mit so viel Freizeit?
Wenn man sich die Landkarte von Japan anschaut, fällt einem auf, dass das Land eher lang als breit ist. An manchen Stellen sogar ziemlich schmal. Und hier ist die vielleicht schmalste Stelle: von Osaka bis zur Küste an der anderen Seite sind es nur grob 100km.
Kurz Nachgerechnet... ja, kann ich in den 5 Tagen locker schaffen...
2.: Abmarsch
Ich beende die Arbeit im Labor etwas früher, gehe Heim und packe meinen großen Rucksack. Klamotten für 5 Tage, Handtücher, Regenschutz, Karte, Campinggeschirr, Kompass, Skizzenbuch, Kamera, ...
Irgendetwas bringt mich dazu sogar dazu meine Lederhose einzupacken. Heute weiß ich nicht mehr genau warum, nur dass das Ding reichlich schwer war.
Ich gehe zur Bus-Station und fahre nach Osaka, zum Hafen.
Es ist gar nicht zu einfach ans Meer zu kommen. Erstens weil durch die vielen Kanäle und vorgelagerten künstlichen Inseln die grenze zwischen Land und Meer verschwimmt, und zweitens weil jeder Meter der Küstenlinie von einem Schifffahrt-Konzern belegt ist. Die Mauern sind wohl zum Teil gegen Sturmfluten ausgelegt und mehrere Meter hoch. Die schweren Stahltoren die darin hängen ebenfalls. Doch dann finde ich ein Tor das offen steht, und beschließe einfach "dummer Tourist" zu spielen. Niemand da. Ich hoffe inständig, dass das Tor noch offen ist wenn ich zurück komme...
Ich klettere am Pier auf eine schwimmende Plattform an der ein kleines Boot angelegt hat, kraxle bis zum Wasser herab und schöpfe mir etwas mit meiner Kaffee-Tasse. Die brühe wird zur "Taufe" ins Gesicht gespritzt und ein Photo gemacht. Damit hat das Abenteuer begonnen!
Gott sei dank ist das Tor noch offen als ich zurück komme. So entkomme ich unbemerkt und marschiere in die Nacht.
3.: Die erste Nacht
Osaka ist schon eher eine große Stadt. Man kann das nicht so richtig wertschätzen wenn man mit dem Zug durch rast. Doch wenn man mal versucht von einem Stadtteil in den nächsten zu laufen (was auf der Karte nach einem kurzen Abendspaziergang aussieht) wird einem klar: "von Schwabing bis Sendling" ist ein Witz dagegen. Oder vielleicht bin ich auch nur müde...
Ich marschiere durch Häuserschluchten und wundere mich über eine seltsam verbogene Halle die ich passiere. Jahre später sollte ich wieder hierher kommen und feststellen, dass es der berühmte Kyocera-Dome ist, das Nummer-1 Baseball-Stadion in Osaka. Doch in dieser Nacht sehe ich nur grauen Asphalt-Dschungel, menschenleere Beton-Klötze und Industrieanlagen.
Irgendwann wird es dann heller als ich das Neon-Erleuchtete Stadt-Zentrum erreiche. America-Mura, mit seiner hippen, alternativen Party-Szene ist mein erstes Etappenziel. Nach etwas suchen und fragen finde ich was ich suche: ein Capsule Hotel. Ich habe sogar reserviert, obwohl das normalerweise unnötig ist weil sich Capsule-Hotels an Angestellte richten die spontan oder fahrlässig den letzten Zug verpassen. Ich checke ein, nehme ein Bad, mache noch ein paar Photos und lege mich dann Schlafen.
Das erste kleine Stück von etwa 6km ist schonmal geschafft...
Sonntag, 30. November 2014
Freitag, 14. November 2014
Ver-kleidet
Und weils grad vorletzte Woche war: was war denn mit Halloween?
Ja, kann ich euch schon sagen was war.
Waren nämlich alle da!
Denn, wer hat's nicht gewusst: in Japan ist die Kunst des Verkleidens ganz ganz groß.
Da kann man sich die keineAusrede Chance entgehen lassen!
Interessanterweise wird Halloween hier erst seit ein paar Jahren überhaupt wahrgenommen.
Scheinbar hatte da keiner den Japanern gesagt, dass sie sich verkleiden dürfen. Oder alle waren so angepasst, dass keiner mitmachen wollte, bevor nicht alle anderen mitmachen.
Jetzt wird es jedenfalls immer beliebter, und hat Deutschland schon lange hinter sich gelassen.
Der ganze Spaß geht schon ein 1-2 Wochen vor Halloween los. Sobald die Geschäfte die Deko raus hängen (was natürlich immer reichlich früh passiert), kann man in der Fußgängerzone der Innenstadt vereinzelt Zombies und Hexen sehen. Vor allem Mädchen lassen sich die Chance nicht entgehenetwas mehr Haut zu zeigen Haut auf etwas andere Weise zu zeigen.
Auch immer mehr Bars und Clubs beginnen mit Halloween-Parties und "Verkleidet-kommt-man-kostenlos-rein" Events. Wieder sind Erfahrungsgemäß die Mädels mehr bei der Sache, obwohl sie sowieso kostenlos rein kommen würden.
Das hat auch einen anderen Grund: gut aussehende Kostüme für Männer sind eher Mangelware. Wenn man durch die Geschäfte schlendert, scheint es als gäbe es Richtlinien für alle Verkäufer:
(1) 90% der Kostüme müssen für Frauen sein, und möglichst sexy
(2) die wenigen Männer-Kostüme müssen möglichst dümmlich aussehen.
Man hat also die Wahl zwischen Peter Pan, einem Piraten und dem Zombie.
Oder muss sich so richtig ins Zeug legen und sein eigenes Ding machen.
Und das machen die meisten auch!
Vor allem am Samstag vor Halloween und Halloween selbst (die beiden Haupt-Nächte) kommt man kaum durch die Straßen:
(a) es ist einfach dicht gepackt mit verkleideten Leuten
(b) Sie werden alle 3 Meter stehenbleiben müssen um zu staunen und ein paar Photos zu machen
Dabei muss es nicht immer gruselig zugehen. Eigentlich ist alles erlaubt was die Leute wiedererkennen.
Manchmal ist es dabei aber doch unfreiwillig gruselig. Einfach weil manche Figuren der Japanischen Pop-Kultur niemals in real umgesetzt gehören.
Als ich ihn das erste mal sehe denke ich auch, das er einfach ein perverser Spinner ist, der Glück hat, dass heute zufälligerweise Halloween ist - so wird er nicht verhaftet. Aber als dann immer mehr Leute ein Photo mit ihm machen wollen, muss ich doch nachfragen.
Ja: solche Comic-Helden gibt es in Japan: Hentai Kamen:
Besonders beliebt sind Militär-Uniformen aus aller Herren Länder, aber vor allem auch aus Deutschland....
Ja, sie denken richtig: genau so oft wie die Bundeswehr-Variante ist die Wehrmachts- oder SS-Variante dabei. Das ist kein politischer Idealismus: die Japaner haben da einfach keinen historischen Bezug zu und finden die Uniformen einfach cool. Ich wünschte sie hätten ein bisschen mehr Bezug.
Meine Freundin (der ich zur Vervollständigung ihres Armee-Kostüms meine alte Feldmütze geliehen habe) will natürlich ein Photo mit dem feschen Panzer-Kommandanten haben.
Der streckt unvermeidlich seine rechte Hand in die Luft. Noch bevor meine Kamera ausgelöst hat, muss das Mädel es ihm natürlich gleich tun.
Ich schlucke meine Belehrung herunter und suche mir wieder ein paar politisch neutrale Zombies.
Ich selbst habe meine Lektion von letztem Jahr gelernt.
Da hielt ich mich für sehr clever: auf der Höhe der Finanzkrise klebte ich mir Hörner an die Schläfen, packte meinen schwarzen Anzug aus, füllte einen Koffer mit (falschem) Geld krönte das ganze noch mit stechend blauen Kontaktlinsen und machte mich auf ein paar Seelen zu kaufen.
Ergebnis: keiner hat kapiert was ich darstellen soll, und alle glauben meine natürliche Augenfarbe sei Ultramarin.
Diesmal nehme ich also den Japanischen Weg, lasse mich von einer Künstlerin mit falschen Tatoos bemalen und gehe als Yakuza. Das verstehen die Leute und ich werde weder verhaftet noch von echten Yakuza verprügelt. Also eine ziemlich erfolgreiche Nacht.
Und wenn Halloween dann vorbei ist?
Nun, wer verkatert am Morgen durch die verwaisten Einkaufspassagen schlendert wird sein weißes Wunder erleben: es Weihnachtet sehr!
Da müssen die ganzen armen Angestellten Nachtschicht gehabt haben um bis zum Morgengrauen die ganzen Horror-Kostüme auszutauschen, gegen: ja, gegen Weihnachtsmann-Kostüme und Rentier Masken. Sie können sich schon denken, an welches Geschlecht diese Kostüme vor allem gerichtet sind, welche richtig sexy sind und welche einfach nur dümmlich aussehen.
Ja, kann ich euch schon sagen was war.
Waren nämlich alle da!
Denn, wer hat's nicht gewusst: in Japan ist die Kunst des Verkleidens ganz ganz groß.
Da kann man sich die keine
Interessanterweise wird Halloween hier erst seit ein paar Jahren überhaupt wahrgenommen.
Scheinbar hatte da keiner den Japanern gesagt, dass sie sich verkleiden dürfen. Oder alle waren so angepasst, dass keiner mitmachen wollte, bevor nicht alle anderen mitmachen.
Jetzt wird es jedenfalls immer beliebter, und hat Deutschland schon lange hinter sich gelassen.
Der ganze Spaß geht schon ein 1-2 Wochen vor Halloween los. Sobald die Geschäfte die Deko raus hängen (was natürlich immer reichlich früh passiert), kann man in der Fußgängerzone der Innenstadt vereinzelt Zombies und Hexen sehen. Vor allem Mädchen lassen sich die Chance nicht entgehen
Auch immer mehr Bars und Clubs beginnen mit Halloween-Parties und "Verkleidet-kommt-man-kostenlos-rein" Events. Wieder sind Erfahrungsgemäß die Mädels mehr bei der Sache, obwohl sie sowieso kostenlos rein kommen würden.
Das hat auch einen anderen Grund: gut aussehende Kostüme für Männer sind eher Mangelware. Wenn man durch die Geschäfte schlendert, scheint es als gäbe es Richtlinien für alle Verkäufer:
(1) 90% der Kostüme müssen für Frauen sein, und möglichst sexy
(2) die wenigen Männer-Kostüme müssen möglichst dümmlich aussehen.
Man hat also die Wahl zwischen Peter Pan, einem Piraten und dem Zombie.
Oder muss sich so richtig ins Zeug legen und sein eigenes Ding machen.
Und das machen die meisten auch!
Vor allem am Samstag vor Halloween und Halloween selbst (die beiden Haupt-Nächte) kommt man kaum durch die Straßen:
(a) es ist einfach dicht gepackt mit verkleideten Leuten
(b) Sie werden alle 3 Meter stehenbleiben müssen um zu staunen und ein paar Photos zu machen
Dabei muss es nicht immer gruselig zugehen. Eigentlich ist alles erlaubt was die Leute wiedererkennen.
Manchmal ist es dabei aber doch unfreiwillig gruselig. Einfach weil manche Figuren der Japanischen Pop-Kultur niemals in real umgesetzt gehören.
Als ich ihn das erste mal sehe denke ich auch, das er einfach ein perverser Spinner ist, der Glück hat, dass heute zufälligerweise Halloween ist - so wird er nicht verhaftet. Aber als dann immer mehr Leute ein Photo mit ihm machen wollen, muss ich doch nachfragen.
Ja: solche Comic-Helden gibt es in Japan: Hentai Kamen:
Besonders beliebt sind Militär-Uniformen aus aller Herren Länder, aber vor allem auch aus Deutschland....
Ja, sie denken richtig: genau so oft wie die Bundeswehr-Variante ist die Wehrmachts- oder SS-Variante dabei. Das ist kein politischer Idealismus: die Japaner haben da einfach keinen historischen Bezug zu und finden die Uniformen einfach cool. Ich wünschte sie hätten ein bisschen mehr Bezug.
Meine Freundin (der ich zur Vervollständigung ihres Armee-Kostüms meine alte Feldmütze geliehen habe) will natürlich ein Photo mit dem feschen Panzer-Kommandanten haben.
Der streckt unvermeidlich seine rechte Hand in die Luft. Noch bevor meine Kamera ausgelöst hat, muss das Mädel es ihm natürlich gleich tun.
Ich schlucke meine Belehrung herunter und suche mir wieder ein paar politisch neutrale Zombies.
Ich selbst habe meine Lektion von letztem Jahr gelernt.
Da hielt ich mich für sehr clever: auf der Höhe der Finanzkrise klebte ich mir Hörner an die Schläfen, packte meinen schwarzen Anzug aus, füllte einen Koffer mit (falschem) Geld krönte das ganze noch mit stechend blauen Kontaktlinsen und machte mich auf ein paar Seelen zu kaufen.
Ergebnis: keiner hat kapiert was ich darstellen soll, und alle glauben meine natürliche Augenfarbe sei Ultramarin.
Diesmal nehme ich also den Japanischen Weg, lasse mich von einer Künstlerin mit falschen Tatoos bemalen und gehe als Yakuza. Das verstehen die Leute und ich werde weder verhaftet noch von echten Yakuza verprügelt. Also eine ziemlich erfolgreiche Nacht.
Und wenn Halloween dann vorbei ist?
Nun, wer verkatert am Morgen durch die verwaisten Einkaufspassagen schlendert wird sein weißes Wunder erleben: es Weihnachtet sehr!
Da müssen die ganzen armen Angestellten Nachtschicht gehabt haben um bis zum Morgengrauen die ganzen Horror-Kostüme auszutauschen, gegen: ja, gegen Weihnachtsmann-Kostüme und Rentier Masken. Sie können sich schon denken, an welches Geschlecht diese Kostüme vor allem gerichtet sind, welche richtig sexy sind und welche einfach nur dümmlich aussehen.
Mittwoch, 29. Oktober 2014
Ehrlich jetzt!
Okay, nachdem der letzte Eintrag ein bisschen düster ausgefallen ist, versuche ich das mal mit ein paar positiven Geschichten auszugleichen!
Das Diebstahl und anderes kleinkriminelles Getue sehr selten sind, habe ich ja hier schonmal erzählt.
Aber Es gibt ja Grenzen, oder. Irgendwann ist es ja kein Diebstahl mehr, wenn man keinen Schaden anrichtet und überhaupt gar nicht zahlen könnte selbst wenn man denn wollte.
Doch!
Oder zumindest hält es die Leute nicht vom Ehrlichsein ab.
Ich komme nachts mit dem letzten Zug von Osaka zurück und gehe mein Fahrrad holen. Das habe ich in so einen Fahrrad-Parkplatz gestellt, also einen umzäunten Bereich mit Tor, wo man beim Verlassen am Automaten Entgelt entrichten muss damit sich das Tor öffnet. (Zu Fuß kommt man durch den Seiteneingang rein und raus).
Ich will also (gezwungenermaßen) zahlen, kann aber nicht. Der Automat ist kaputt. Das Tor steht weit offen, man kann also einfach gehen.
Auf dem Automaten liegen, ordentlich in Reih und Glied, kleine Münz-Stapelchen. Und zwar nicht zu knapp!
Die Leute haben also, wenn sie schon den Automaten nicht füttern konnten, einfach das Entgelt dagelassen. Auf die Idee, das ganze Angesammelte Geld mitzunehmen ist auch keiner gekommen, und das obwohl es Mitten in der Nacht und menschenleer ist.
Ich Stapel also meine Münzen daneben und schwinge mich aufs Rad...
Aus Gründen die ich anderswo mal erkärt habe (aber gerade nicht finden kann) muss ich für einen Monat meine eigene Wohnung mieten. Dabei ist mir nicht ganz wohl. Ich habe da Geschichten gehört, dass so manche Vermieter im Nachhinein plötzlich "Schäden" feststellen um den Mieter gehörig über den Tisch zu ziehen. Und so ganz koscher erscheint mir die Firma bei der ich da miete nicht. Ich wappne mich also mit einem Satz "Vorher-Nachher"-Photos und warte ab.
Zwei Wochen nach dem Auszug, nichts.
Doch dann: ein Anruf!
Es ist die Vermieter-Firma!
Natürlich verstehe ich erstmal kein Wort...
Doch dann! Dann kapiere ich: es geht um die Kaution!
Die habe ich vergessen abzuholen, schon über die Deadline hinaus.
Verdammt! Richtig, war doch was!
Und jetzt?
Nah, ich soll kommen und das Geld endlich Abholen!
Es dauert noch eine weitere Woche bevor ich die Chance habe wieder bei der Firma vorbei zu kommen. Sie geben mir ohne ein böses Wort mein Geld und bedanken sich nochmal, dass ich bei ihnen gemietet habe.
Ich bedanke mich für den Anruf, ohne den ich das Geld sicher vergessen hätte.
Natürlich gibt es auch Diebe und Halunken hier. Aber selbst die verhalten sich noch auffällig Anständig. In dem (sehr lesenswerten, aber nicht ganz leicht verdaulichen) Buch "Tokyo Vice" weiß der Autor über so einen Kerl zu berichten. Der war professioneller Taschendieb. Besonders gerne beklaute er Anzugträger die Abends im Zug nach Hause eingenickt waren. Er besorge sich also unbemerkt die Brieftasche seines Opfers und nahm das Bargeld heraus. Dann nahm er das Risiko auf sich, die Brieftasche mit all den Ausweisen, Kreditkarten und was da sonst noch drin war an den Ort zurück zu schmuggeln, von dem er sie hatte.
Als sie ihn dann schließlich doch schnappten, gestand er sofort. Und nicht nur den einen Diebstahl bei dem sie ihn erwischt haben. Alle! Also auch die, die der Polizei gar nicht bekannt waren.
Tatsächlich ist die Selbstanzeige in Japan ein recht gängiges Phänomen.
Als wir an einer Polizei-Station vorbei komme, mach ich einen Spruch über die "Gesucht" Bilder, die dort hängen. Die sind schon dieselben seit ich denken kann. Man sollte meinen irgendwann finden sie die Typen oder die Polizei gibt die Fahndung auf. Doch eine Freundin belehrt mich, dass die Poster seit drei Jahren deutlich kleiner ausfallen. Als nämlich das große Erdbeben und Atomunglück Japan erschütterten, haben sich zahlreiche Kriminelle der Polizei gestellt. Das Leid der Leute hat sie ihr Leben überdenken lassen, sagten sie.
Bleibt zu erwähnen, dass es in Japan nach wie vor die Todesstrafe gibt, und Gefängnisse hier alles andere als komfortable sind. Also sicher keine leichte Entscheidung.
Das Diebstahl und anderes kleinkriminelles Getue sehr selten sind, habe ich ja hier schonmal erzählt.
Aber Es gibt ja Grenzen, oder. Irgendwann ist es ja kein Diebstahl mehr, wenn man keinen Schaden anrichtet und überhaupt gar nicht zahlen könnte selbst wenn man denn wollte.
Doch!
Oder zumindest hält es die Leute nicht vom Ehrlichsein ab.
Ich komme nachts mit dem letzten Zug von Osaka zurück und gehe mein Fahrrad holen. Das habe ich in so einen Fahrrad-Parkplatz gestellt, also einen umzäunten Bereich mit Tor, wo man beim Verlassen am Automaten Entgelt entrichten muss damit sich das Tor öffnet. (Zu Fuß kommt man durch den Seiteneingang rein und raus).
Ich will also (gezwungenermaßen) zahlen, kann aber nicht. Der Automat ist kaputt. Das Tor steht weit offen, man kann also einfach gehen.
Auf dem Automaten liegen, ordentlich in Reih und Glied, kleine Münz-Stapelchen. Und zwar nicht zu knapp!
Die Leute haben also, wenn sie schon den Automaten nicht füttern konnten, einfach das Entgelt dagelassen. Auf die Idee, das ganze Angesammelte Geld mitzunehmen ist auch keiner gekommen, und das obwohl es Mitten in der Nacht und menschenleer ist.
Ich Stapel also meine Münzen daneben und schwinge mich aufs Rad...
Aus Gründen die ich anderswo mal erkärt habe (aber gerade nicht finden kann) muss ich für einen Monat meine eigene Wohnung mieten. Dabei ist mir nicht ganz wohl. Ich habe da Geschichten gehört, dass so manche Vermieter im Nachhinein plötzlich "Schäden" feststellen um den Mieter gehörig über den Tisch zu ziehen. Und so ganz koscher erscheint mir die Firma bei der ich da miete nicht. Ich wappne mich also mit einem Satz "Vorher-Nachher"-Photos und warte ab.
Zwei Wochen nach dem Auszug, nichts.
Doch dann: ein Anruf!
Es ist die Vermieter-Firma!
Natürlich verstehe ich erstmal kein Wort...
Doch dann! Dann kapiere ich: es geht um die Kaution!
Die habe ich vergessen abzuholen, schon über die Deadline hinaus.
Verdammt! Richtig, war doch was!
Und jetzt?
Nah, ich soll kommen und das Geld endlich Abholen!
Es dauert noch eine weitere Woche bevor ich die Chance habe wieder bei der Firma vorbei zu kommen. Sie geben mir ohne ein böses Wort mein Geld und bedanken sich nochmal, dass ich bei ihnen gemietet habe.
Ich bedanke mich für den Anruf, ohne den ich das Geld sicher vergessen hätte.
Natürlich gibt es auch Diebe und Halunken hier. Aber selbst die verhalten sich noch auffällig Anständig. In dem (sehr lesenswerten, aber nicht ganz leicht verdaulichen) Buch "Tokyo Vice" weiß der Autor über so einen Kerl zu berichten. Der war professioneller Taschendieb. Besonders gerne beklaute er Anzugträger die Abends im Zug nach Hause eingenickt waren. Er besorge sich also unbemerkt die Brieftasche seines Opfers und nahm das Bargeld heraus. Dann nahm er das Risiko auf sich, die Brieftasche mit all den Ausweisen, Kreditkarten und was da sonst noch drin war an den Ort zurück zu schmuggeln, von dem er sie hatte.
Als sie ihn dann schließlich doch schnappten, gestand er sofort. Und nicht nur den einen Diebstahl bei dem sie ihn erwischt haben. Alle! Also auch die, die der Polizei gar nicht bekannt waren.
Tatsächlich ist die Selbstanzeige in Japan ein recht gängiges Phänomen.
Als wir an einer Polizei-Station vorbei komme, mach ich einen Spruch über die "Gesucht" Bilder, die dort hängen. Die sind schon dieselben seit ich denken kann. Man sollte meinen irgendwann finden sie die Typen oder die Polizei gibt die Fahndung auf. Doch eine Freundin belehrt mich, dass die Poster seit drei Jahren deutlich kleiner ausfallen. Als nämlich das große Erdbeben und Atomunglück Japan erschütterten, haben sich zahlreiche Kriminelle der Polizei gestellt. Das Leid der Leute hat sie ihr Leben überdenken lassen, sagten sie.
Bleibt zu erwähnen, dass es in Japan nach wie vor die Todesstrafe gibt, und Gefängnisse hier alles andere als komfortable sind. Also sicher keine leichte Entscheidung.
Ein Polizei-Kommando hat einen Yakuza-Mafioso gestellt (erkennbar an den Tattoos).
Okay, das Halloween, aber das Gebäude im Hintergrund ist tatsächlich eine Polizeistation.
Donnerstag, 16. Oktober 2014
Finstere Nacht
Normalerweise schreibe ich hier zwei mal im Monat über die lustigen und interessanten Dinge in Japan. Ich nörgel über Problemchen, zelebriere kleine Erfolge, mache mich über allerhand Zeug lustig.
Doch das ist nicht die ganze Wahrheit.
Es gibt auch Hässliches hier.
Das kann man verschweigen, aber damit fehlt dann auch auch ein wichtiger Teil.
Denn manche Sachen sind gerade in ihrer Hässlichkeit typisch für dieses Land.
Dieser Eintrag handelt von einem dieser Dinge.
Dienstag Nacht in der Haupt-Amüsier-Meile von Osaka.
Warum bin ich Dienstag Nacht ausgegangen?
Ich habe einen Flieger am nächsten Morgen, soll zu einer Konferenz fliegen.
So früh Morgens von meinem Kaff zum Flughafen zu kommen ist Zeitlich fast nicht zu schaffen.
Also halte ich mich für clever und mache die halbe Strecke schon am Vorabend, packe mein Gepäck ins Schließfach und gehe feiern.
Irgendwann habe ich dann Hunger, und gehe zum nächstbesten Konbini.
Für einen Dienstag ist sogar recht viel los.
Nicht so dicht gedrängt wie es hier tagsüber zu geht, aber es sind reichlich Leute da.
Ich komme an der Haupt-Touristen-Brücke vorbei (wenn sie jemals ein Photo von Osaka gesehen haben, dann von dieser Brücke aus).
Da Prügeln sich zwei.
"Prügeln sich zwei", beschreibt die Szene nicht so ganz.
Also einer hat den Anderen am Schopf und haut ihm wiederholt auf die Fresse.
Oder die Nase. Jedenfalls ist sein Gesicht schon voller Blut.
Wehren tut er sich nicht. Er klammert sich nur an der Hand fest die seine Haare gepackt hat.
Keiner tut etwas.
Außer einem Mädel, die wohl die Freundin des Angreifers zu sein scheint, etwas kreischt und versucht ihn weg zu ziehen.
Für eine Sekunde fühle ich diesen Berühmten "Social Proof" Effekt, nachdem jeder auf jemand anderen wartet den ersten Schritt zu machen, und aus der Menge keiner den ersten Schritt machen kann.
Wenn keiner was tut wird das schon einen Grund haben...
Eine Sekunde.
Dann fällt mir auf wie bescheuert das ist.
Ich gehe dazwischen.
Kurze Unterbrechung für zwei Hintergrundinformationen:
(1) bei einer Schlägerrei gibt es keine klaren Fronten "gut" gegen "böse".
Es gibt nur ein Gerichtsverfahren, Monate später, bei dem Anwälte darüber streiten wer mehr Honorar einsackt.
Sie haben bestimmt auch schon Geschichten gehört, wie die Polizei erstmal das Opfer einsperrt,
weil nicht klar war wer jetzt der Agressor ist. Mein Beamten-Japanisch ist jetzt auch nicht toll. Und ich bin stark angetrunken.
(2) Lesen Sie nochmal die Einleitung. Ich muss in wenigen Stunden in ein Flugzeug steigen und das Land verlassen. Das haben Polizisten jetzt überhaupt nicht gern, wenn Verdächtige oder Zeugen versuchen sich ins Ausland abzusetzen.
Von allen Anwesenden kann also gerade ich es mir nicht leisten, von der Polizei eingetütet zu werden.
Ich wechsle also von Plan A (dem Typen das Gesicht an sein Opfer anzugleichen)
zu Plan B: im Weg stehen unddummes Zeug labern beruhigend auf den Aggressor einreden.
Der Beruhigt sich aber nicht, stößt wilde Flüche aus versucht an mir vorbei dem Anderen immer wieder eine zu verpassen.
Was ihm auch gelingt, weil er immer noch dessen Haare festhält.
Das möchte ich gerne ändern, und versuche seine Finger aus der Frisur zu pfriemeln. Aber das Opfer hält mittlerweile meine Hände fest.
Ob er nicht kapiert, dass das NICHT dieselben Hände sind, die er in die Fresse kriegt?
"Entschuldigung! Entschuldigung!", sagt er nur immer wieder.
Er blutet mich voll.
Mich und den Angreifer, der mit seiner Schlag-Hand das Blut auch schön verteilt.
Das hilft insofern, weil Blut ein gutes Schmiermittel ist und ich so meine Hände frei kriege ohne jemandem weh tun zu müssen.
"Ganz ruhig, ganz ruhig", sage ich zum anderen, als ich seine Finger aus den Haaren pfriemel.
Endlich sind sie raus.
Der Andere lässt sich fallen. Das hätte er nicht machen sollen: jetzt ist sein Kopf auf Fußhöhe.
Noch bevor ich etwas machen kann, kriegt er einen Tritt gegen den Schädel.
So ordentlich, dass ich überrascht bin dass er nicht KO ist... oder tot.
Sofort stell ich mich in den Weg. Der andere hat kein Interesse sich mit mir anzulegen und versucht nur an mir vorbei zu kommen.
Endlich kommt auch mal eine vierte Person hinzu. Zu meiner Verwunderung versucht der aber nur mich wieder aus dem Weg zu schieben. So nach dem Motto: ich solle mich doch nicht einmischen.
Das gibt dem Aggressor wieder eine Chance für einen weiteren Tritt gegen den Kopf.
Ich hab langsam die schnauze voll.
Wer ist der dritte Typ jetzt plötzlich?
Warum hilft MIR keiner?
Wo bleibt die Polizei?
Warum rennt der Depp am Boden nicht endlich weg, wenn er noch nicht KO ist?
Ich schiebe jetzt also zwei Japaner herum, um möglichst viel Abstand zwischen Aggressor und Möchtegern-Boxsack zu bekommen.
Gott sei Dank beruhigt der sich endlich.
Er flucht noch ein bisschen, wendet sich dann dem Mädel zu.
Das Opfer steht auf und verbeugt sich erstmal tief.
Nicht zu mir, sondern zum Angreifer. "Entschuldigung!" sagt er nochmal.
"Verpiss' dich endlich!", denk ich mir.
Dann geht er zu seinem Freund und...
ja, einer der Gaffer scheint sein Freund zu sein.
Also nochmal: sein Freund stand die ganze Zeit daneben! Und hat nichts gemacht.
Dann trotten die zwei davon, ohne sich nochmal umzuschauen oder mich auch nur zur Kenntnis zu nehmen.
Ich bleibe allein zurück. Allein mit ein paar Dutzend Gaffern.
Alle schauen mich an.
Mit so einem Blick der sagt: warum hast du dich eingemischt? Ging dich doch nichts an? Blöder Ausländer.
Ich verstehe das alles nicht!
Ich will das alles nicht verstehen!
Ich drehe mich um und gehe weg.
In die falsche Richtung, also gehe ich wieder zurück.
Ich war keine ganze Minute lang weg, aber alle verhalten sich ganz nochmal als ob nichts gewesen wäre.
Das hat den komischen Effekt auf mich, dass ich auch so tue als wäre nichts gewesen und in den Club zurück gehe.
Erst am Flughafen merke ich, dass ich immer noch das Blut von dem Typen auf dem dunklen Hemd habe.
Naja, ich habe ja reichlich Wäsche zum wechseln im Gepäck...
Doch das ist nicht die ganze Wahrheit.
Es gibt auch Hässliches hier.
Das kann man verschweigen, aber damit fehlt dann auch auch ein wichtiger Teil.
Denn manche Sachen sind gerade in ihrer Hässlichkeit typisch für dieses Land.
Dieser Eintrag handelt von einem dieser Dinge.
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Dienstag Nacht in der Haupt-Amüsier-Meile von Osaka.
Warum bin ich Dienstag Nacht ausgegangen?
Ich habe einen Flieger am nächsten Morgen, soll zu einer Konferenz fliegen.
So früh Morgens von meinem Kaff zum Flughafen zu kommen ist Zeitlich fast nicht zu schaffen.
Also halte ich mich für clever und mache die halbe Strecke schon am Vorabend, packe mein Gepäck ins Schließfach und gehe feiern.
Irgendwann habe ich dann Hunger, und gehe zum nächstbesten Konbini.
Für einen Dienstag ist sogar recht viel los.
Nicht so dicht gedrängt wie es hier tagsüber zu geht, aber es sind reichlich Leute da.
Ich komme an der Haupt-Touristen-Brücke vorbei (wenn sie jemals ein Photo von Osaka gesehen haben, dann von dieser Brücke aus).
Da Prügeln sich zwei.
"Prügeln sich zwei", beschreibt die Szene nicht so ganz.
Also einer hat den Anderen am Schopf und haut ihm wiederholt auf die Fresse.
Oder die Nase. Jedenfalls ist sein Gesicht schon voller Blut.
Wehren tut er sich nicht. Er klammert sich nur an der Hand fest die seine Haare gepackt hat.
Keiner tut etwas.
Außer einem Mädel, die wohl die Freundin des Angreifers zu sein scheint, etwas kreischt und versucht ihn weg zu ziehen.
Für eine Sekunde fühle ich diesen Berühmten "Social Proof" Effekt, nachdem jeder auf jemand anderen wartet den ersten Schritt zu machen, und aus der Menge keiner den ersten Schritt machen kann.
Wenn keiner was tut wird das schon einen Grund haben...
Eine Sekunde.
Dann fällt mir auf wie bescheuert das ist.
Ich gehe dazwischen.
Kurze Unterbrechung für zwei Hintergrundinformationen:
(1) bei einer Schlägerrei gibt es keine klaren Fronten "gut" gegen "böse".
Es gibt nur ein Gerichtsverfahren, Monate später, bei dem Anwälte darüber streiten wer mehr Honorar einsackt.
Sie haben bestimmt auch schon Geschichten gehört, wie die Polizei erstmal das Opfer einsperrt,
weil nicht klar war wer jetzt der Agressor ist. Mein Beamten-Japanisch ist jetzt auch nicht toll. Und ich bin stark angetrunken.
(2) Lesen Sie nochmal die Einleitung. Ich muss in wenigen Stunden in ein Flugzeug steigen und das Land verlassen. Das haben Polizisten jetzt überhaupt nicht gern, wenn Verdächtige oder Zeugen versuchen sich ins Ausland abzusetzen.
Von allen Anwesenden kann also gerade ich es mir nicht leisten, von der Polizei eingetütet zu werden.
Ich wechsle also von Plan A (dem Typen das Gesicht an sein Opfer anzugleichen)
zu Plan B: im Weg stehen und
Der Beruhigt sich aber nicht, stößt wilde Flüche aus versucht an mir vorbei dem Anderen immer wieder eine zu verpassen.
Was ihm auch gelingt, weil er immer noch dessen Haare festhält.
Das möchte ich gerne ändern, und versuche seine Finger aus der Frisur zu pfriemeln. Aber das Opfer hält mittlerweile meine Hände fest.
Ob er nicht kapiert, dass das NICHT dieselben Hände sind, die er in die Fresse kriegt?
"Entschuldigung! Entschuldigung!", sagt er nur immer wieder.
Er blutet mich voll.
Mich und den Angreifer, der mit seiner Schlag-Hand das Blut auch schön verteilt.
Das hilft insofern, weil Blut ein gutes Schmiermittel ist und ich so meine Hände frei kriege ohne jemandem weh tun zu müssen.
"Ganz ruhig, ganz ruhig", sage ich zum anderen, als ich seine Finger aus den Haaren pfriemel.
Endlich sind sie raus.
Der Andere lässt sich fallen. Das hätte er nicht machen sollen: jetzt ist sein Kopf auf Fußhöhe.
Noch bevor ich etwas machen kann, kriegt er einen Tritt gegen den Schädel.
So ordentlich, dass ich überrascht bin dass er nicht KO ist... oder tot.
Sofort stell ich mich in den Weg. Der andere hat kein Interesse sich mit mir anzulegen und versucht nur an mir vorbei zu kommen.
Endlich kommt auch mal eine vierte Person hinzu. Zu meiner Verwunderung versucht der aber nur mich wieder aus dem Weg zu schieben. So nach dem Motto: ich solle mich doch nicht einmischen.
Das gibt dem Aggressor wieder eine Chance für einen weiteren Tritt gegen den Kopf.
Ich hab langsam die schnauze voll.
Wer ist der dritte Typ jetzt plötzlich?
Warum hilft MIR keiner?
Wo bleibt die Polizei?
Warum rennt der Depp am Boden nicht endlich weg, wenn er noch nicht KO ist?
Ich schiebe jetzt also zwei Japaner herum, um möglichst viel Abstand zwischen Aggressor und Möchtegern-Boxsack zu bekommen.
Gott sei Dank beruhigt der sich endlich.
Er flucht noch ein bisschen, wendet sich dann dem Mädel zu.
Das Opfer steht auf und verbeugt sich erstmal tief.
Nicht zu mir, sondern zum Angreifer. "Entschuldigung!" sagt er nochmal.
"Verpiss' dich endlich!", denk ich mir.
Dann geht er zu seinem Freund und...
ja, einer der Gaffer scheint sein Freund zu sein.
Also nochmal: sein Freund stand die ganze Zeit daneben! Und hat nichts gemacht.
Dann trotten die zwei davon, ohne sich nochmal umzuschauen oder mich auch nur zur Kenntnis zu nehmen.
Ich bleibe allein zurück. Allein mit ein paar Dutzend Gaffern.
Alle schauen mich an.
Mit so einem Blick der sagt: warum hast du dich eingemischt? Ging dich doch nichts an? Blöder Ausländer.
Ich verstehe das alles nicht!
Ich will das alles nicht verstehen!
Ich drehe mich um und gehe weg.
In die falsche Richtung, also gehe ich wieder zurück.
Ich war keine ganze Minute lang weg, aber alle verhalten sich ganz nochmal als ob nichts gewesen wäre.
Das hat den komischen Effekt auf mich, dass ich auch so tue als wäre nichts gewesen und in den Club zurück gehe.
Erst am Flughafen merke ich, dass ich immer noch das Blut von dem Typen auf dem dunklen Hemd habe.
Naja, ich habe ja reichlich Wäsche zum wechseln im Gepäck...
Freitag, 26. September 2014
Verkehr
Ich bin, was viele nicht wissen, im Besitz einer gewissen Gerätschaft, die mir die Teilnahme am Verkehr ermöglicht.
Ich sage dass, weil ich es nicht Auto nennen mag.
Ich könnte es schon Auto nennen, aber dann würden Sie, wenn sie es sehen, lachen und sagen: "Das ist doch kein Auto! Da hat jemand sein Playmobil liegen lassen."
Man nennt es hier:Keijidōsha, also "Leicht-Automobil". Also: Blech mit Motor drin, vier Sitze.
Das hat den Vorteil, dass Steuern und Versicherung sehr viel billiger sind.
Ich würde gerne schreiben wie schnell das Ding so geht, kann ich aber nicht. Die Geschwindigkeitsbegrenzung hält mich vom Testen ab.
"Geschwindigkeitsbegrenzung, damit ist doch die untere Grenze gemeint!", sagen Sie jetzt. Aber Japan versteht da keinen Spaß. Selbst marginale Überschreitungen werden mit Bußgeldern um die 1000€ Belangt. Nein, ich habe da keine Null zu viel mit dran.
Besonders unfreundlich sind sie, was Alkohol am Steuer angeht:
Null-prozent! Nada. Keinen Tropfen.
Das war wohl nicht immer so: früher war ein Schlückchen vor der Fahrt schon gang und gäbe. Dann übertrieb es natürlich einer, und fuhr dem Vordermann hinten auf. Auf einer Brücke. Hat das andere Auto also ins Wasser geschubst. Das Ehepaar im vorderen Wagen konnte sogar noch gerettet werden. Die drei Kinder auf dem Rücksitz nicht.
Das hat zu einem öffentlichen Aufschrei und drastischer Stigmatisierung von Alkohol am Steuer geführt.
Was ich mit Stigmatisierung meine? Also mein Professor hat mir eingeschärft, dass - sollte ich je einen Unfall unter Alkoholeinfluss haben (sprich: ich das Auto um einen Bambus wickle), mir sofort das Stipendium gezwickt wird und die Uni mich exmatrikuliert. So von wegen: "Schande über den Clan bringen..."
Oh, und weil in Japan Gemeinschaft ganz groß geschrieben wird, werden auch gleich alle im Auto gemeinschaftlich mit-bestraft. Also sollten sie vorher genau schauen ob ihr Fahrer nicht vorher mal am Sake-Schälchen genippt hat.
Überhaupt: in Japan ist Verkehr nicht ganz ungefährlich. Zumindest sehe alle Nase lang Schilder die darauf hinweisen, dass es hier sehr viele tödliche Unfälle geben soll. Gut, ich persönlich werde gerade wegen dieser Schilder zum Sicherheitsrisiko, weil ich versuche die Schriftzeichen zu entziffern.
Was macht das Amt also, damit es auf den Straßen etwas sicherer wird? Klar: Leute ausbremsen. Grüne Welle gibt es hier nicht. Im Gegenteil: sobald Sie auf ihrer Ampel Grün kriegen, können sie sicher sein, dass die nächste Ampel pünktlich für Sie rot macht.
Achja, Ampeln, da war ja was: wer schonmal in Japan war wird gesehen haben dass es einige (immer mehr) Ampeln gibt, die einen eingebauten Count-Down haben. Sie zeigen also an, wann das nächste mal Grün (bzw. Rot) wird. Das gibts allerdings nur für Fußgänger. Autofahrer werden nicht informiert. Stört die Leute auch nicht. Selbst wenn ich, mit meiner sehr ausgeprägten Toleranz für "Dunkel-Gelb" noch über die Kreuzung husche, kann ich mir sicher sein, dass der Hintermann mir noch folgen wird. Sooo Rot war das doch noch nicht....
Eines noch: weil Leute immer fragen wegen Linksverkehr.
Man gewöhnt sich erstaunlich schnell daran, auf der Linken Straßenseite zu fahren.
Woran man sich nicht gewöhnt, ist beim Abbiegen nicht den Scheibenwischer sondern den Blinker zu setzten. Also mit der rechten Hand. Na, die Leute werden schon verstehen was ich meine wenn ich links Wische!
Als ich mal wieder Deutsche Straßen unsicher gemacht habe, hat es auch nur 50 Meter gedauert sich wieder ans Rechts-frahren zu gewöhnen. Diese 50 Meter waren aber peinlich. So mit der gesamten Familie im Auto aus der Ausfahrt zu fahren, und nicht zu wissen auf welche Straßenseite man jetzt muss...
Gott sei Dank hat unsere Straße keinen Mittelstreifen.
Ich sage dass, weil ich es nicht Auto nennen mag.
Ich könnte es schon Auto nennen, aber dann würden Sie, wenn sie es sehen, lachen und sagen: "Das ist doch kein Auto! Da hat jemand sein Playmobil liegen lassen."
Man nennt es hier:Keijidōsha, also "Leicht-Automobil". Also: Blech mit Motor drin, vier Sitze.
Das hat den Vorteil, dass Steuern und Versicherung sehr viel billiger sind.
Ich würde gerne schreiben wie schnell das Ding so geht, kann ich aber nicht. Die Geschwindigkeitsbegrenzung hält mich vom Testen ab.
"Geschwindigkeitsbegrenzung, damit ist doch die untere Grenze gemeint!", sagen Sie jetzt. Aber Japan versteht da keinen Spaß. Selbst marginale Überschreitungen werden mit Bußgeldern um die 1000€ Belangt. Nein, ich habe da keine Null zu viel mit dran.
Besonders unfreundlich sind sie, was Alkohol am Steuer angeht:
Null-prozent! Nada. Keinen Tropfen.
Das war wohl nicht immer so: früher war ein Schlückchen vor der Fahrt schon gang und gäbe. Dann übertrieb es natürlich einer, und fuhr dem Vordermann hinten auf. Auf einer Brücke. Hat das andere Auto also ins Wasser geschubst. Das Ehepaar im vorderen Wagen konnte sogar noch gerettet werden. Die drei Kinder auf dem Rücksitz nicht.
Das hat zu einem öffentlichen Aufschrei und drastischer Stigmatisierung von Alkohol am Steuer geführt.
Was ich mit Stigmatisierung meine? Also mein Professor hat mir eingeschärft, dass - sollte ich je einen Unfall unter Alkoholeinfluss haben (sprich: ich das Auto um einen Bambus wickle), mir sofort das Stipendium gezwickt wird und die Uni mich exmatrikuliert. So von wegen: "Schande über den Clan bringen..."
Oh, und weil in Japan Gemeinschaft ganz groß geschrieben wird, werden auch gleich alle im Auto gemeinschaftlich mit-bestraft. Also sollten sie vorher genau schauen ob ihr Fahrer nicht vorher mal am Sake-Schälchen genippt hat.
Überhaupt: in Japan ist Verkehr nicht ganz ungefährlich. Zumindest sehe alle Nase lang Schilder die darauf hinweisen, dass es hier sehr viele tödliche Unfälle geben soll. Gut, ich persönlich werde gerade wegen dieser Schilder zum Sicherheitsrisiko, weil ich versuche die Schriftzeichen zu entziffern.
Was macht das Amt also, damit es auf den Straßen etwas sicherer wird? Klar: Leute ausbremsen. Grüne Welle gibt es hier nicht. Im Gegenteil: sobald Sie auf ihrer Ampel Grün kriegen, können sie sicher sein, dass die nächste Ampel pünktlich für Sie rot macht.
Achja, Ampeln, da war ja was: wer schonmal in Japan war wird gesehen haben dass es einige (immer mehr) Ampeln gibt, die einen eingebauten Count-Down haben. Sie zeigen also an, wann das nächste mal Grün (bzw. Rot) wird. Das gibts allerdings nur für Fußgänger. Autofahrer werden nicht informiert. Stört die Leute auch nicht. Selbst wenn ich, mit meiner sehr ausgeprägten Toleranz für "Dunkel-Gelb" noch über die Kreuzung husche, kann ich mir sicher sein, dass der Hintermann mir noch folgen wird. Sooo Rot war das doch noch nicht....
Eines noch: weil Leute immer fragen wegen Linksverkehr.
Man gewöhnt sich erstaunlich schnell daran, auf der Linken Straßenseite zu fahren.
Woran man sich nicht gewöhnt, ist beim Abbiegen nicht den Scheibenwischer sondern den Blinker zu setzten. Also mit der rechten Hand. Na, die Leute werden schon verstehen was ich meine wenn ich links Wische!
Als ich mal wieder Deutsche Straßen unsicher gemacht habe, hat es auch nur 50 Meter gedauert sich wieder ans Rechts-frahren zu gewöhnen. Diese 50 Meter waren aber peinlich. So mit der gesamten Familie im Auto aus der Ausfahrt zu fahren, und nicht zu wissen auf welche Straßenseite man jetzt muss...
Gott sei Dank hat unsere Straße keinen Mittelstreifen.
Mittwoch, 17. September 2014
Jungfern-Arbeit
"Sie haben Glück!", sagte er zu mir. "Nächstes Jahr ist da diese in München! Da können sie einreichen."
Die genannte Konferenz ist die renommierteste in meinem Gebiet. Also: Top-Liga.
Wahrscheinlich hat er selber einfach nicht geglaubt, dass das klappen kann.
So nach dem Motto: wenn Studenten nach den Sternen greifen, erreichen sie vielleicht wenigstens Mutters Rockzipfel.
Und mit "Mutter" meine ich "Professor".
Und mit "Rockzipfel" meine ich "Hochschulabschluss".
Aber ich wusste da ja noch nicht worauf ich mich Einlasse.
Ich Acker also wie ein blöder.
Gott sei Dank ist Co-Autor #4 (stehen insgesamt 5 Personen als "Autor" auf meiner Arbeit"), also der ist ein Profi! Was Verbesserungsvorschläge angeht.
Man kann jedes Meeting so zusammenfassen:
"Das Paper ist zu lang, aber es muss noch viel mehr Zeug rein!"
Ich schreibe das Paper noch ein paar mal um.
Wochenende, Nachts im Labor. Wenigstens bin ich nicht der einzige der sich so einen Stuss zumutet.
Nachricht von Freundin: "Oh, du arbeitest so hart! Mach mal ne Pause! Ich komm' rüber und geb' dir ne Nacken-Massage."
"Hey, dass ist voll Lieb von dir, aber das brauchts echt net. Sind nur noch wenige Tage bis zur Deadline. Da muss ich jetzt durch"!
Um Mitternacht machen wir dann kurz Pause, hohlen wir dann den Finnischen Schnaps aus dem Kühlschrank.
Hat mir wirklich gerade ein Mädchen angeboten, eine Stunde mit dem Zug in die Pampa zu fahren, um mir den Rücken zu massieren?
Habe ich das wirklich abgelehnt?
Ich nehme noch einen Tiefen Schluck vom Schnaps! Dann arbeite ich weiter....
Co-Autor #2 meines Papers ist eigentlich nicht direkt in den Schreibprozess involviert. Das er überhaupt "Autor" ist, hat Labor-Politische Gründe. Anders gesagt: er braucht den Ruhm.
Dafür ist er Ansprechpartner wenn ich Hardware für den Prototypen brauche.
Das hat einen Haken: er ist (a) Japaner und (b) ...ähm... kein besonders ... "organisierter Arbeiter". (Sagen wirs mal so).
Ja solche Leute gibts.
Leider.
Denn (a) neigen Japaner dazu, zu allem erstmal "Ja" zu sagen um Konflikte zu vermeiden, und später einfach höflich so zu tun als hätten sie nichts gehört, und (b) verschludert er auch einfach oft Dinge.
Wenn man bei ihm etwas anfordert, weiß man also nie ob man es auch irgendwann bekommt. Und wenn man es nicht bekommt, weiß man nicht ob es abgelehnt oder einfach vergessen wurde.
Ich will also Micro-Controller haben. Die kommen.
Dann will ich leitfähigen Faden haben. Der kommt.
Dann will ich LEDs haben.... die kommen nicht.
Ich will sie nochmal haben, weil: sind echt wichtig. Kommen immer noch nicht.
20cent LEDs?! Das kann doch nicht so schwer sein? Doch sie kommen immer noch nicht.
Ich gehe nach Osaka, in einen Club zum, ...ähh... entspannen.
Da geben sie so Blinke-Blinke Spielzeug an die Kunden aus. Das sind einfach Schaumstoff-Röhren, die in verschiedenen Farben leuchten. Die kann man zumTakt Beat Lärm in der Luft wedeln oder andere Gäste damit hauen um ein Gespräch anzufangen. Naja, das Gespräch besteht dann darin sich mit Schaumstoff-Röhren zu hauen, aber man kann so ganz gut Leute kennen lernen.
Also, ich schnapp mir so ein Teil von einem Mädel das so aussieht als würde sie nicht dringend LEDs für ihre Forschung brauchen. Ich tanze noch kurz mit ihr, und verschwinde dann auf der Herrentoilette. Paranoid schaue ich mich nochmal um - ignoriere dann aber einfach dass Leute da sind - rupfe die Elektronik aus dem Schaumstoff, stopfe sie in die Hosentasche und entsorge dieÜberreste Schaumstoff-Leiche im Müll.
Das Spiel wiederhole ich vier, fünf mal, bis ich fürchten muss, dass jemand mitkriegt was ich da tue.
Ich komme Heim, mache mich fertig fürs Bett, ziehe die Hose aus - da Blinkt es mir aus den Hosentaschen entgegen.... endlich!
Monate später erkläre ich Leuten auf der Konferenz wie das Ding funktioniert.
Lauter renommierte Leute mit hohen Forschungs-Budgets.
Ich will ihnen fast sagen wo die LEDs her sind.
Nach der Konferenz kommt der Co-Autor #4 zu mir: "Gute Arbeit! Dein Prototyp war sogar für den Best Demo Award nominiert".
Ich hätte die Leute im Club in meiner Master-Thesis in den Acknowledgements unterbringen sollen...
"ich Danke der mit dem Halstuch für das BlinkeBlinke Spielzeug...".
Auf der Konferenz treffe ich dann endlich auch Co-Autor #3 meines Papers. Mir fällt auf, dass ich ihn nicht mehr gesehen habe seit bevor ich überhaupt mit dem schreiben angefangen habe. Auch meine emails hat er immer mit Nachdruck ignoriert (so dermaßen lautes Schweigen, da verstehen sie ihre eigene Wortlosigkeit nicht mehr). Ich gehe davon aus, dass er auch gar nicht weiß was drin steht. Aber hey! Jetzt ist er ja da um sich wenigstens die Präsentation anzuhören!
...
Na gut, im Publikum sehe ich ihn dann nicht mehr...
Die genannte Konferenz ist die renommierteste in meinem Gebiet. Also: Top-Liga.
Wahrscheinlich hat er selber einfach nicht geglaubt, dass das klappen kann.
So nach dem Motto: wenn Studenten nach den Sternen greifen, erreichen sie vielleicht wenigstens Mutters Rockzipfel.
Und mit "Mutter" meine ich "Professor".
Und mit "Rockzipfel" meine ich "Hochschulabschluss".
Aber ich wusste da ja noch nicht worauf ich mich Einlasse.
Ich Acker also wie ein blöder.
Gott sei Dank ist Co-Autor #4 (stehen insgesamt 5 Personen als "Autor" auf meiner Arbeit"), also der ist ein Profi! Was Verbesserungsvorschläge angeht.
Man kann jedes Meeting so zusammenfassen:
"Das Paper ist zu lang, aber es muss noch viel mehr Zeug rein!"
Ich schreibe das Paper noch ein paar mal um.
Wochenende, Nachts im Labor. Wenigstens bin ich nicht der einzige der sich so einen Stuss zumutet.
Nachricht von Freundin: "Oh, du arbeitest so hart! Mach mal ne Pause! Ich komm' rüber und geb' dir ne Nacken-Massage."
"Hey, dass ist voll Lieb von dir, aber das brauchts echt net. Sind nur noch wenige Tage bis zur Deadline. Da muss ich jetzt durch"!
Um Mitternacht machen wir dann kurz Pause, hohlen wir dann den Finnischen Schnaps aus dem Kühlschrank.
Hat mir wirklich gerade ein Mädchen angeboten, eine Stunde mit dem Zug in die Pampa zu fahren, um mir den Rücken zu massieren?
Habe ich das wirklich abgelehnt?
Ich nehme noch einen Tiefen Schluck vom Schnaps! Dann arbeite ich weiter....
Co-Autor #2 meines Papers ist eigentlich nicht direkt in den Schreibprozess involviert. Das er überhaupt "Autor" ist, hat Labor-Politische Gründe. Anders gesagt: er braucht den Ruhm.
Dafür ist er Ansprechpartner wenn ich Hardware für den Prototypen brauche.
Das hat einen Haken: er ist (a) Japaner und (b) ...ähm... kein besonders ... "organisierter Arbeiter". (Sagen wirs mal so).
Ja solche Leute gibts.
Leider.
Denn (a) neigen Japaner dazu, zu allem erstmal "Ja" zu sagen um Konflikte zu vermeiden, und später einfach höflich so zu tun als hätten sie nichts gehört, und (b) verschludert er auch einfach oft Dinge.
Wenn man bei ihm etwas anfordert, weiß man also nie ob man es auch irgendwann bekommt. Und wenn man es nicht bekommt, weiß man nicht ob es abgelehnt oder einfach vergessen wurde.
Ich will also Micro-Controller haben. Die kommen.
Dann will ich leitfähigen Faden haben. Der kommt.
Dann will ich LEDs haben.... die kommen nicht.
Ich will sie nochmal haben, weil: sind echt wichtig. Kommen immer noch nicht.
20cent LEDs?! Das kann doch nicht so schwer sein? Doch sie kommen immer noch nicht.
Ich gehe nach Osaka, in einen Club zum, ...ähh... entspannen.
Da geben sie so Blinke-Blinke Spielzeug an die Kunden aus. Das sind einfach Schaumstoff-Röhren, die in verschiedenen Farben leuchten. Die kann man zum
Also, ich schnapp mir so ein Teil von einem Mädel das so aussieht als würde sie nicht dringend LEDs für ihre Forschung brauchen. Ich tanze noch kurz mit ihr, und verschwinde dann auf der Herrentoilette. Paranoid schaue ich mich nochmal um - ignoriere dann aber einfach dass Leute da sind - rupfe die Elektronik aus dem Schaumstoff, stopfe sie in die Hosentasche und entsorge die
Das Spiel wiederhole ich vier, fünf mal, bis ich fürchten muss, dass jemand mitkriegt was ich da tue.
Ich komme Heim, mache mich fertig fürs Bett, ziehe die Hose aus - da Blinkt es mir aus den Hosentaschen entgegen.... endlich!
Monate später erkläre ich Leuten auf der Konferenz wie das Ding funktioniert.
Lauter renommierte Leute mit hohen Forschungs-Budgets.
Ich will ihnen fast sagen wo die LEDs her sind.
Nach der Konferenz kommt der Co-Autor #4 zu mir: "Gute Arbeit! Dein Prototyp war sogar für den Best Demo Award nominiert".
Ich hätte die Leute im Club in meiner Master-Thesis in den Acknowledgements unterbringen sollen...
"ich Danke der mit dem Halstuch für das BlinkeBlinke Spielzeug...".
Auf der Konferenz treffe ich dann endlich auch Co-Autor #3 meines Papers. Mir fällt auf, dass ich ihn nicht mehr gesehen habe seit bevor ich überhaupt mit dem schreiben angefangen habe. Auch meine emails hat er immer mit Nachdruck ignoriert (so dermaßen lautes Schweigen, da verstehen sie ihre eigene Wortlosigkeit nicht mehr). Ich gehe davon aus, dass er auch gar nicht weiß was drin steht. Aber hey! Jetzt ist er ja da um sich wenigstens die Präsentation anzuhören!
...
Na gut, im Publikum sehe ich ihn dann nicht mehr...
Sonntag, 24. August 2014
Verlängerung
Er klang so gut!
Den Master ein halbes Jahr vorziehen und dafür sofort in den Doktor-Kurs rein.
Stipendium läuft weiter, also bekomme ich über die drei Jahre grob 5 Millionen Yen (36.000 Euro), plus Studiengebühren, die ich ja nicht zahlen muss. Gut, jeden einzelnen Monat sind 1000 Öcken dann auch wieder nicht so viel wie ich als Arbeitnehmer bekommen würde, andererseits will ich eh lieber ein Start-Up gründen als arbeiten... wobei mir die Uni wiederum helfen würde.
Und überhaupt! Doktor! Ich! Muahahaha.
Also: Antrag gestellt. Antrag genehmigt gekriegt! Super!
Doch was man sich vorher nicht so genau überlegt hat, muss man sich halt im Nachhinein durch den Schädel schieben lassen.
Ein auf und ab des "war-das-jetzt-so-eine-gute-Idee"?
Ich mache einen Monat Praktikum in Tokyo. Endlich mal weg aus der Isolation des Land-Campus.
Dann ist der Monat rum und ich denke mir: gut, jetzt bin ich auch wieder bereit für die ruhige Umgebung, wo man sich gescheit auf die Arbeit konzentrieren kann und nicht pendeln muss. Sauber und geräumig.
So mach ich mich auf den Heimweg. Und zwar sehr schnell.
Nein, so sehr zieht es mich dann doch nicht zurück.
Ich habe andere Sorgen: den letzte Bus! In Nara werden Abends recht zeitig die Gehsteige hochgeklappt, und ich habe keine Lust mit meinem ganzen Gepäck am Bahnhof gestrandet zu stehen.
Der weg bis Kyoto ist kein Problem: der Shinkansen-Schnellzug rast in Rekordzeit durch die Abenddämmerung.
Von Kyoto bis zum nächstbesten Bahnhof am Campus nehm' ich extra noch den teuren "Limited Express", denn so komme ich gerade noch rechtzeitig!
Ich springe aus dem Zug, hieve mein Gepäck die Treppe hoch, keine Zeit auf den Aufzug zu warten, renne zur Bushaltestelle, verschwitzt aber zeitig.... okay, wo ist der Bus?
Kein Bus.
Neuerdings fahren nach 8 überhaupt keine Busse mehr zum Campus.
Ich nehme den letzten Bus der zumindest noch etwas näher an die Uni hin fährt.
Der Bus nimmt meine Bus-Karte nicht an.
In Tokyo hatte ich meine alte Karte verloren und eine neue gekauft.
"Funktioniert die auch in ganz Japan?", habe ich gefragt,
"In ganz Japan", hat sie gesagt, "nur in einigen ländlichen Gebieten kann es sein, dass sie nicht akzeptiert wird."
Ich dachte sie meint irgendwo in Hokkaido oder auf Okinawa. Aber Nara zählt wohl schon als letztes Hinterland.
Wilkommen Zuhause! Dein Reisfeld wartet!
Am Campus wird ein Symposium abgehalten. namhafte Wissenschaftler aus aller Herren Länder kommen angereist, Vorträge werden gehalten, Bankett wird gegessen, Ausgetauscht wird sich.
Sie schauen sich sogar meinen Prototypen an und geben etwas konstruktive Kritik. Dann trinken wieder alle.
Das wäre doch was! So ein Leben! Ein paar Jahre Forscher. Teil dieser Gesellschaft der Visionäre und Vordenker. Um die Welt jetten! Konferenzen besuchen! Interessante Leute treffen. Zum steten Niederlassen ist es doch noch zu früh!
Auf geht's zu neuen Horizonten!
So eine schlechte Ausgangsbasis ist diese Uni dafür nicht. Vor ein paar Jahren wurde sie im Hochschul-Ranking sogar sie Nummer 1 in Japan. Der Professor hat viele Kontakte. Die Uni hat viel Geld und interessante Austauschprogramme. Warum nicht mal ein halbes Jahr Finland! (den Sommer bitte!) oder Neuseeland (den Winter bitte, weil dann haben die da Sommer).
Steckt doch mehr in so einem Studium als nur 60 Stunden die Woche im Labor...
Wochenende. Der Taifun schließt mich im Labor ein. Es ist unangenehm drückend schwül heiß und dunkel unter dem tief-grauen Himmel. Draußen gießt es wie aus Wok-Töpfen.
Kurze Pause und Fern-Unterhaltung mit einem alten Freund zu hause.
> Und, was machst du so?
> Wir waren gestern im Biergarten.
Biergarten. Da war doch was....? Draußen sitzen. Klare, trockene Luft. Gutes, kaltes Bier. Brezen, Obatzda, Wurstsalat...
Das Heimweh trifft mich wie eine Backfotzn.
Was zur Hölle mache ich hier?
Ich gehör' hier doch gar nicht her!
Mein Körper ist nicht gebaut für dieses Klima, und überhaupt, BREZEN MIT OBATZDA!
Der letzte Kurs. Vermutlich der letzte den ich je in meinem Leben belegen werde. (Im Doktor-Kurs gibt's keinen Unterricht mehr). Und es geht um: Management.
Also: wie man sein Start-Up als Unternehmensgründer managen kann.
Der Kurs ist so-so la-la, aber irgendwie doch interessant und ich freue mich, dass ich fast 60% von dem Inhalt direkt verstehe (ist schließlich Business Japanisch).
Aber etwas ganz anderes beeindruckt mich viel mehr:
Sonst habe ich eher Probleme mich mit den Japanischen Studenten anzufreunden.
Angepasst aber orientierungslos. Nur nichts riskieren und hoffen in eine große Firma reinzurutschen, egal als was. Null Eigeninitiative.
Aber hier tragen nun ein paar Studenten vor, die es wagen wollen ihre Ideen in Unternehmen zu verwandeln. Energetisch, begeistert, offen.
Na, das ist endlich wieder ein Teil von Japan den ich näher kennenlernen will.
Wenig bekannt ist ja, dass Unternehmertum eine alte Japanische Tugend ist. Zumindest laut dem Internet: getroffen habe ich noch keinen.
Bis jetzt...
Ich habe dann diese Woche mal meinen Forschungsplan für den Doktor eingereicht.
Das Abenteuer ist noch lange nicht vorbei!
... wohl oder übel...
Den Master ein halbes Jahr vorziehen und dafür sofort in den Doktor-Kurs rein.
Stipendium läuft weiter, also bekomme ich über die drei Jahre grob 5 Millionen Yen (36.000 Euro), plus Studiengebühren, die ich ja nicht zahlen muss. Gut, jeden einzelnen Monat sind 1000 Öcken dann auch wieder nicht so viel wie ich als Arbeitnehmer bekommen würde, andererseits will ich eh lieber ein Start-Up gründen als arbeiten... wobei mir die Uni wiederum helfen würde.
Und überhaupt! Doktor! Ich! Muahahaha.
Also: Antrag gestellt. Antrag genehmigt gekriegt! Super!
Doch was man sich vorher nicht so genau überlegt hat, muss man sich halt im Nachhinein durch den Schädel schieben lassen.
Ein auf und ab des "war-das-jetzt-so-eine-gute-Idee"?
Was unsere Bibliothek halt so zum studieren hergibt...
Ich mache einen Monat Praktikum in Tokyo. Endlich mal weg aus der Isolation des Land-Campus.
Dann ist der Monat rum und ich denke mir: gut, jetzt bin ich auch wieder bereit für die ruhige Umgebung, wo man sich gescheit auf die Arbeit konzentrieren kann und nicht pendeln muss. Sauber und geräumig.
So mach ich mich auf den Heimweg. Und zwar sehr schnell.
Nein, so sehr zieht es mich dann doch nicht zurück.
Ich habe andere Sorgen: den letzte Bus! In Nara werden Abends recht zeitig die Gehsteige hochgeklappt, und ich habe keine Lust mit meinem ganzen Gepäck am Bahnhof gestrandet zu stehen.
Der weg bis Kyoto ist kein Problem: der Shinkansen-Schnellzug rast in Rekordzeit durch die Abenddämmerung.
Von Kyoto bis zum nächstbesten Bahnhof am Campus nehm' ich extra noch den teuren "Limited Express", denn so komme ich gerade noch rechtzeitig!
Ich springe aus dem Zug, hieve mein Gepäck die Treppe hoch, keine Zeit auf den Aufzug zu warten, renne zur Bushaltestelle, verschwitzt aber zeitig.... okay, wo ist der Bus?
Kein Bus.
Neuerdings fahren nach 8 überhaupt keine Busse mehr zum Campus.
Ich nehme den letzten Bus der zumindest noch etwas näher an die Uni hin fährt.
Der Bus nimmt meine Bus-Karte nicht an.
In Tokyo hatte ich meine alte Karte verloren und eine neue gekauft.
"Funktioniert die auch in ganz Japan?", habe ich gefragt,
"In ganz Japan", hat sie gesagt, "nur in einigen ländlichen Gebieten kann es sein, dass sie nicht akzeptiert wird."
Ich dachte sie meint irgendwo in Hokkaido oder auf Okinawa. Aber Nara zählt wohl schon als letztes Hinterland.
Wilkommen Zuhause! Dein Reisfeld wartet!
Am Campus wird ein Symposium abgehalten. namhafte Wissenschaftler aus aller Herren Länder kommen angereist, Vorträge werden gehalten, Bankett wird gegessen, Ausgetauscht wird sich.
Sie schauen sich sogar meinen Prototypen an und geben etwas konstruktive Kritik. Dann trinken wieder alle.
Das wäre doch was! So ein Leben! Ein paar Jahre Forscher. Teil dieser Gesellschaft der Visionäre und Vordenker. Um die Welt jetten! Konferenzen besuchen! Interessante Leute treffen. Zum steten Niederlassen ist es doch noch zu früh!
Auf geht's zu neuen Horizonten!
So eine schlechte Ausgangsbasis ist diese Uni dafür nicht. Vor ein paar Jahren wurde sie im Hochschul-Ranking sogar sie Nummer 1 in Japan. Der Professor hat viele Kontakte. Die Uni hat viel Geld und interessante Austauschprogramme. Warum nicht mal ein halbes Jahr Finland! (den Sommer bitte!) oder Neuseeland (den Winter bitte, weil dann haben die da Sommer).
Steckt doch mehr in so einem Studium als nur 60 Stunden die Woche im Labor...
Wochenende. Der Taifun schließt mich im Labor ein. Es ist unangenehm drückend schwül heiß und dunkel unter dem tief-grauen Himmel. Draußen gießt es wie aus Wok-Töpfen.
Kurze Pause und Fern-Unterhaltung mit einem alten Freund zu hause.
> Und, was machst du so?
> Wir waren gestern im Biergarten.
Biergarten. Da war doch was....? Draußen sitzen. Klare, trockene Luft. Gutes, kaltes Bier. Brezen, Obatzda, Wurstsalat...
Das Heimweh trifft mich wie eine Backfotzn.
Was zur Hölle mache ich hier?
Ich gehör' hier doch gar nicht her!
Mein Körper ist nicht gebaut für dieses Klima, und überhaupt, BREZEN MIT OBATZDA!
Der letzte Kurs. Vermutlich der letzte den ich je in meinem Leben belegen werde. (Im Doktor-Kurs gibt's keinen Unterricht mehr). Und es geht um: Management.
Also: wie man sein Start-Up als Unternehmensgründer managen kann.
Der Kurs ist so-so la-la, aber irgendwie doch interessant und ich freue mich, dass ich fast 60% von dem Inhalt direkt verstehe (ist schließlich Business Japanisch).
Aber etwas ganz anderes beeindruckt mich viel mehr:
Sonst habe ich eher Probleme mich mit den Japanischen Studenten anzufreunden.
Angepasst aber orientierungslos. Nur nichts riskieren und hoffen in eine große Firma reinzurutschen, egal als was. Null Eigeninitiative.
Aber hier tragen nun ein paar Studenten vor, die es wagen wollen ihre Ideen in Unternehmen zu verwandeln. Energetisch, begeistert, offen.
Na, das ist endlich wieder ein Teil von Japan den ich näher kennenlernen will.
Wenig bekannt ist ja, dass Unternehmertum eine alte Japanische Tugend ist. Zumindest laut dem Internet: getroffen habe ich noch keinen.
Bis jetzt...
Ich habe dann diese Woche mal meinen Forschungsplan für den Doktor eingereicht.
Das Abenteuer ist noch lange nicht vorbei!
... wohl oder übel...
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