Montag, 11. August 2014

Nach-arbeit

Vor gut einer Woche habe ich mein Praktikum bei einer ungenannten aber sehr großen Japanischen Firma in Tokyo beendet. Da bleibt noch etwas Luft für abschließende Bemerkungen und Anekdoten zu Arbeit und Stadt.



Das mit den unmenschlichen Überstunden ist wohl doch nicht so schlimm. Zumindest in meiner Firma wurde rechtzeitig Schluss gemacht, und die Scharen der Anzugträger strömten durch die Gassen zum Bahnhof. Mich eingenommen, ich kann also nicht garantieren ob nicht ein paar Arme Kerle jeden Tag bis in die Nacht hinein geschuftet haben. Die Kollegen haben es jedenfalls bestritten. Waren aber stets Morgens vor mir da und blieben Abends ein bisschen länger.
Jedenfalls kann man der Firma keinen Vorwurf machen. Jeden Tag Pünktlich zu Feierabend kam der Gong und die Drucksage, man solle doch auf seine "Work-Life-Balance" (das Wort haben sie aus dem Englischen eingekauft) achten und ein bisschen mit der Familie plaudern. Das ist ja die alternative Erklärung dafür, dass Japanische Männer erst so spät Heim kommen: sie verbringen nicht so gerne Zeit mit der Familie...



Unweit meiner Bleibe gibt es einen beschaulichen Stadtteil namens "Ebisu".
Kommt der Name bekannt vor? Beim Blog-Lesen fleissig aufgepasst und Notizen gemacht?
Genau: Ebisu ist hier eine bekannte Biermarke. Tatsächlich ist es eines der besten Biere in ganz Japan. Und hier war früher die Brauerei. Dann haben sie irgendwann einen Bahnhof gebaut, um ihr Bier besser vertreiben zu können. Der hieß dann folgerichtig Ebisu-Station. Und als sich immer mehr Leute rund herum ansiedelten (weil: wer will nicht neben der Brauerei wohnen?), haben sie den Stadtteil ausgehoben und Ebisu genannt.
Können wir das auch für München einführen?
Die Brauerei ist mittlerweile weg, der Stadtteil wächst und gedeiht.
Zweimal war ich dort, beide male um Freunde zu treffen (jedes mal andere).
Das erste mal waren wir dann auch Anständig im Ebisu-Restaurant. Dort haben sie zu ihrem japanischen Bier dann Deutsches Essen angerichtet, weil, naja, die Deutschen haben Erfahrung darin zum Bier passendes Essen zu machen. (Oder wollen sie Reis zu ihrer Halben?)
Das zweite mal wanderten wir unverhofft in ein Straßenfest. Super! Da holen wir uns ein Bier einer der Buden und schlendern durch die Nacht! Nur.. ein Problem... ES GIBT KEINEN EINZIGEN STAND FÜR EBISU BIER?! Also bitte...




 Wie Sie vielleicht schon verstanden haben, war Sicherheit und Geheimhaltung bei der Firma ja oberste Priorität. So musste ich bei Arbeitsantritt auch seitenweise Geheimhaltungs-Klauseln unterschreiben. Das sind im Prinzip dieselben NDAs (Non-Disclosure Agreement) die man auch im Westen kennt. Nur das jeder Punkt noch 3 mal genau abgegangen und auf der nächsten Seite nochmal im Detail erläutert wird. Also auch wirklich wirklich wirklich nix verraten, ne!?

So einen Echten Grund hatte das nicht. Die Firma spekuliert nämlich im großen Stil auf Patente. Es gab einfach eine Planvorgabe, wie viele Patente jedes Labor jedes Jahr hervorzubringen hat. Dazu haben sie dann allerhand Hilfsmittel, inklusive eine Wand-Tafel wo jeder Forscher für jede Patent-Idee ein Sternchen bekam. So als Motivation. So wurde das morgendliche "was-haben-wir-gestern-gemacht"-Meeting für die meisten auch zum "an-welchem-Patentantrag-haben-wir-gestern-geschrieben"-Meeting.
Wozu also Geheimhaltung wenn man eh vor hat jede Idee sofort zu Patentieren? Wir erinnern uns: Patente sind öffentlich einsehbar. Man verschenkt also das Geheimnis in der Hoffnung dass der Rechtsstaat einem dann ein Exklusivrecht einräumt.
Einem Kurs an meiner Uni zufolge scheuen viele Japanische Firmen sogar Patente, weil: die sind teuer in Japan, aber nicht so eine sichere Geldanlage wie anderswo. Man weiß also erst nach Jahren teuren Rechtsstreites ob das Patent vor Gericht irgendwas wert ist.

Naja, aus meiner Arbeit geht bestimmt kein Patent hervor, also kann's mir egal sein.


Sonntag, 27. Juli 2014

Seniorensport

Japaner sterben ja bekanntlich bald aus. Hört man zumindest immer wieder. Werden einfach nicht mehr genug neue Japaner geboren. Die Geburtenrate ist ein echtes Problem.
Was dabei oft vergessen wird: selbst wenn in den nächsten Jahrzehnten die Bevölkerung stark zurückgehen wird, es gibt momentan immer noch 1.5 mal so viele Japaner wie Deutsche (beide Länder sind fast gleich groß). Die können es also noch etwas ruhig angehen lassen mit dem Kinder kriegen bis sie so wenige sind wie wir.
Wir stellen also fest: in Japan muss es jede Menge alter Leute geben. Was machen die alle so?
Wenn sie nicht arbeiten (ich werde in Supermärkten an der Kasse gerne mal von alten Omas empfangen oder von rüstigen Opas auf dem Parkplatz eingewiesen)...
SPORT!

Und zwar nicht zu knapp...




Normalerweise benutze ich das Gym am Campus, weil: nah und kostenlos. Also sehe ich vor allem andere Studenten. Doch momentan bin ich nicht am Campus. Also habe ich mich beim örtlichen Spot-Club eingeschrieben. Neben körperlicher Ertüchtigung suchte ich auch soziale Kontakte zu anderen jungen, aktiven Menschen (... ja, ja, bevorzugt weiblichen Geschlechts).
Den Teil mit dem "jung" musste ich dann ganz schnell streichen. Der Altersdurchschnitt wird von den wenigen 40Jährigen noch gedrückt. Gedrückt wird sonst das schwere Eisen, von Opas.
An dieser Stelle würde ich mich gerne über die Senioren Lustig machen. Trau ich mich aber nicht, weil: die drücken mehr als ich!
Kein Scherz. Ich habe Bodybuilder-Opas Gewichte stemmen gesehen, die kein Student am Campus hoch kriegt.
Die alten Damen halten sich eher an die Fitness-Maschinen, machen da aber auch eine gute Figur. Ich will jetzt keine Sprüche über "Kontakte zu aktiven Menschen weiblichen Geschlechts hören"! Die sind alle seit 50 Jahren verheiratet, vermutlich noch mit einem von den Muki-Opas!



Das war auch nicht das erste mal, dass meine Sportlichen Leistungen von Rentnern in den Schatten gestellt wurden. Bereits letztes Jahr am Mount Fuji musste ich gedemütigt feststellen wie viele 80 Jährige einen Berg bezwingen, der noch von der Mittelstation aus höher ist als die Zugspitze... und keine Seilbahn hat. Gut, wenigstens war ich schneller oben.

Seit dem kam das Thema oft im Gespräch mit Japanern auf. Jedes mal habe ich dann meine Gesprächspartner gefragt ob sie auch schon oben waren auf dem heiligen Berg.
Waren sie nicht. Scheinbar geht man in Japan erst auf den Fuji wenn man über 60 ist.
"Sie gehen dann bestimmt auch, wenn Sie mal alt sind", sage ich scherzend.
"Ja, mit dem Hubschrauber", antwortet mein Kollege, nicht ganz so scherzhaft im Angesicht seiner momentanen Figur.

Überhaupt heben sich Japaner Sport gerne fürs fortgeschrittene Alter auf.
Was die suche nach den jungen, aktiven Menschen des anderen Geschlechts immer etwas einseitig macht.
Sie: "Du bist gut in Form! Was machst du denn für Sport?"
Ich: "Kampfsport. Gerade Kung-Fu, aber normalerweise Taekwondo. Oft gehe ich aber auch einfach nur so ins Fitness-Studio. Und du?"
Sie: "ähh.... also als ich in der High-School war...." (was so 5-10 Jahre her ist...)

Dabei gäbe es reichlich Möglichkeiten zur körperlichen Ertüchtigung. Alle paar hundert Meter gibt es in Städten einen "Koen", also einen öffentlichen, kostenlosen Park. Neben dem obligatorischen Kinderspielplatz und Baseball-Feld gibt es dort oft auch Trainingsgeräte, sauber aus rostfreiem Stahl geschweißt. Da kann man dann große, schwere Räder drehen, mit den Beinen Trittflächen schwingen und was den Körper sonst noch zum schwitzen bringt. Natürlich kann man den Park auch zum Joggen verwenden. Wird auch gemacht. Von allen Anwohnern über 50. Vielleicht habe ich ja nur das Schild nicht gesehen, das Jugendlichen den Zutritt verwehrt. Ach ne, Nachts sind die dann doch da. Trinksport, sie wissen schon.




Zur Ehrenrettung der jungen Generation sei noch angemerkt, dass Kinder bis 15 hier auch reichlich Sport treiben. Meine Kung-Fu Klasse ist von mit kleinen Rabauken und am Eingang meiner derzeitigen Muki-Bude muss ich mir den Weg durch eine Meute an Knirpsen bahnen, die zum Schwimm-Unterricht gekommen sind.
Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
Lachend, weil ich denen Fitnessmässig noch was vormachen kann.
Weinend, weil ich die Zeit kommen sehe, wenn sie 16 werden und jegliche Bewegung einstellen werden.
Ich seh' euch dann in 50 Jahren wieder!


Dienstag, 15. Juli 2014

Konzernd

Und weil immer nur Studieren auch langweilig ist, dacht' ich mir: arbeitest halt mal wieder.
Also: Praktikum bei einer nicht genannten, großen Japanischen Firma.
Ja, so groß, dass auch Sie sie kennen würden, wenn ich sie denn sagen würde.
Was ich nicht tue, weil ich Problemen mit den Vorgesetzten aus dem Weg gehen möchte solange ich mein Praktikumszeugnis noch nicht habe.
Und Anonym kann man leichter lästern...



Also bin ich jetzt auch ein Anzug-tragender Sarariman. Zwänge mich jeden morgen brav in den Zug (nein, so schlimm wie das auf den Photos aussieht ist das bei uns glücklicherweise nicht) und marschiere dann vom Bahnhof zum Firmengebäude.

Ich verwende bewusst das Wort "marschiere", denn zusammen mit den Kohorten aus anderen Angestellten marschieren wir brav in 2-3er Reihen die Straßen herunter. Nicht ganz so geordnet wie beim Militär, aber schon beeindruckend.
An jeder Kreuzung steht ein Sicherheits-Mann. Also: von der Konzern-Sicherheit.
Der weist die Leute ein, schön am Straßenrand zu bleiben, stehen zu bleiben wenn Autos kommen, und sogar den ganzen Bogen über die Kreuzung zu gehen. So: abkürzen über die Mitte wäre zwar auch legal, sähe aber nicht so schön aus.

Wir haben dafür auch extra einen Knigge, wie wir uns außerhalb des Konzerngeländes verhalten sollen. Nicht dass da jemand rauchend, essend oder redend das Ansehen der geliebten Firma beschmutzt.

Laut einem bekannten, ehemals Angestelltem war das früher sogar noch schlimmer:
da drückte man ihm einen Wälzer in die Hand mit Regeln bis hin ins kleinste Detail,
wer wo im Aufzug zu stehen hat. (Tipp: der nieder-rangigste Angestellte muss an der Tür stehen und den Aufzug bedienen).
Da hat sich das Klima scheinbar ein bisschen gelockert.




Was dagegen noch ganz groß geschrieben wird ist: SICHERHEIT.
Moment, das war nicht groß genug:
SICHERHEIT!
Bis ich meine eigene Keycard (mit Passbild) hatte, konnte ich nicht einmal alleine aufs Klo gehen.
Also: bis zum Klo kam ich schon, aber nicht mehr zurück: gleich zwei Türen verwehrten unautorisierten Klogängern den Rückweg an den Arbeitsplatz.

Aber hey, das ist das kleinere Problem. Schließlich geht man nur 1-2 mal am Tag aufs Klo.
Das größere Problem ist das der Arbeitsplatz an den man zurück kehrt gar kein Internet hat.
Das macht das nachschlagen von Informationen ziemlich schwierig, vor allem weil die meisten Bücher im Labor Japanisch sind.
Ich verwende also mein Smartphone (also: auf eigene Kosten) um zu finden was ich gerade brauche.
Aber das Smartphone, abgesehen von dem Mini-Bildschirm, hat noch ein ganz anderes Problem: kann keine PDFs anzeigen. Also nix mit Paper lesen.
Die anderen Angestellten können mithilfe eines Passwortes vorübergehend das Internet verwenden. Also frage ich einfach einen Kollegen mir ein paar Dokumente herunter zu laden.
Okay, gemacht, ging ja doch.
Wie krieg ich die jetzt auf meinen Computer 'rüber?
Betretenes schweigen.
USB-stick geht nicht.
Grübeln.
Es muss sich dann noch ein weiter Kollege an meinem PC anmelden, um über einen Shared Server die Datei auf meinen Rechner zu ziehen.
Ich habe dann aufgehört nach Dokumenten zu fragen. Ich zerstöre ja mehr Arbeitszeit als ich leiste...



Da mach ich doch lieber erstmal erquickende Morgengymnastik! Das ist Teil der Firmenkultur: Über den Lautsprecher werden die Anweisungen in alle Räume übertragen. Und jetzt die Arme kreisen, 2, 3, 4, und die Hüfte, 5, 6, 7 ...
Nein, natürlich macht da keiner mit. Naja, geistig vielleicht. Oder eher nicht, weil sich alle geistig schon fit machen fürs Morgen-Meeting. Da müssen alle im Kreis stehen und Report geben: was sie gestern getan haben und was sie heute zu tun gedenken.
Das wird vom Aufseher auch alles in seinem Notizbuch festgehalten.

Montag, 30. Juni 2014

Sommermode

Ja, es ist mal wieder so weit: der Sommer ist da und ich schwitze wie ein Schwein (können Schweine überhaupt schwitzen? Nicht so gut wie ich auf jeden Fall!).
Denn mein Klimaanlagen-Boykott geht weiter! Für die Umwelt und gegen fiese Sommer-Grippe!
Denn solange ich noch etwas ausziehen kann, soll kein tropfen Öl (wir erinnern uns: Japan hat ja ein paar Probleme mit seinem Kernkraft-Programm) für mich verbrannt werden!

Und wie man stilvoll die Hitze übersteht, kann ich mir ja von den Einheimischen abschauen.
Oder eher nicht.
Einblicke in moderne Japanische Sommertracht.

(Nein, das ist sie nicht!)

Der Anzug tragende Sarariman (von engl: Salary-Man) gehört so fest zu Japan, dass ich mir die überfüllten Rush-Hour Züge gar nicht vorstellen kann ohne Anzug-Sardinen.
Das ist teils historisch bedingt. Als sich Japan nach langer Isolation im 19.Jahrhundert öffnete, erkannten sie schnell dass sie, um von den Westlern ernst genommen zu werden, die westliche Kultur zumindest äußerlich übernehmen müssen. Wer würde schon Leute in Samurai-Kostümen ernst nehmen? Das hatte aber eine problematische Seite: Europäische Mode ist für Europäisches Wetter gemacht. Krawatten haben sich aus Halstüchern entwickelt, und der Falt-Kragen war mal dafür da, damit man ihn bei kälte hochschlagen kann (oder besser gesagt: das runter-schlagen war mal ne tolle Idee weil der Stehkragen manchmal selbst für Nordeuropa zu heiß war).
In Japan ist es im Sommer aber eher tropisch schwül-heiß. Dafür ist der Anzug denkbar schlecht geeignet. Wie die Japaner das früher überlebt haben weiß ich nicht, aber sein ein paar Jahrzehnten haben sie ja Klimaanlagen. Damit können sie auch im Japanischen Sommer "Europäischer Herbst" spielen, mit richtig kaltem Wind zum Kragen hochschlagen.

Dummerweise brauchen Klimaanlagen Strom.
Habe ich schon erwähnt das Japan ein paar Probleme mit seinem Kernkraft-Programm hat? Ja?
Die Regierung hat sich da mal etwas einfallen lassen: "Cool-Biz". Eine Moderichtlinie, nach der Jackett, Krawatte und notfalls sogar lange Ärmel im Sommer zu vermeiden sind.
Wer jetzt denkt: wen interessiert schon was Politiker sagen, kennt die Regel-Liebe der Japaner noch nicht. Die Firmen schreiben das so tatsächlich ihren Mitarbeitern vor. So habe ich jedenfalls für mein Praktikum bei einem großen Konzern eine Einführung erhalten, die mich davon abhalten sollte Jackett und Krawatte zu tragen.
Ich persönlich komme ja eher von der anderen Seite, und trage im Sommer auf der Arbeit gar kein Hemd. Da habe ich dann auch keine Probleme mit Schweißflecken, und die Kolleginnen haben auch was zu gucken. Win-win!
Aber die meisten Japaner haben es nicht so mit deutschem Frei-Körper-Kult...
Also doch wieder Hemd und lange Hosen.




Frauen haben es da besser: da kann man einfach Rock tragen, und so die Stoffmenge gewaltig reduzieren. Aber einige Frauen haben da ein ganz anderes Problem:
Blässe.
Sie wollen gerne so weiß wie möglich sein. So ist hier das Schönheitsideal.
Und natürlich hat die Bekleidungs-Industrie da genau das richtige:
tief-schwarze Strumpfhosen, Handschuhe bis zu den Oberarmen, Hüte mit weiten Krempen, Sonnenschirmchen. Also packen sich die Japanerinnen im Sommer so dick ein, dass es selbst den Islamistischen Fundamentalisten eine Freude wäre. Wie sie das bei der Hitze aushalten weiß ich auch nicht.
Ich will nochmal meine "Oben-Ohne" Technik zur Körper-Klimatisierung vorschlagen!
Aus Umweltschutz- und Gesundheitsgründen!


Natürlich geht es in Japan auch "casual".
Eigentlich sogar zu sehr zu oft.
Ich spreche von Crocks!
Japaner lieben Crocks.
Nicht nur für zu Hause, auch zum Ausgehen sind die gut genug.
Vor allem Jungesellen tragen die Dinger gerne.
Habe ich schon erwähnt, dass ich Informatik studiere?
Ja, ich bin von Crocks umgeben.
Wie so oft hat Japan dann aus den luftigen Latschern gleich mal eine Kunstform gemacht. Da gibt es alle Farben (die sie noch nie an ihren Füßen sehen wollten), Formen (die ihre Füße nie annehmen sollten) und Extras. Es gibt ganze Shops sie ausschließlich Crocks verkaufen, natürlich mit Fachpersonal.
Und im Winter? Wohl etwas zu kalt für Plastik-Latschen.
Aber nicht doch: es gibt selbstverständlich auch gefütterte Crocks, mit warmen Kuschel-Flausch innen. Von außen sehen die immer noch genau so aus....



Montag, 16. Juni 2014

Nachbarn

Korea ist von Japan nur durch ein bisschen Meer getrennt.
Polen ist von Deutschland nur durch ein paar Meter Grenzgebiet getrennt.
Das hat sich für beide (Korea und Polen) bekanntlich als Problem heraus gestellt,
als die anderen beiden (Deutschland und Japan) meinten, sie bräuchten etwas mehr Land.
Die Beziehungen sind seit dem etwas frostig, doch während Willy Brandt sich zum Fugen kitten sogar hingekniet hat, muss man Japanische Politiker bis heute schubsen, damit sie so etwas wie eine Verbeugung machen.

Das finden die Koreaner nicht so toll, und so gibt es bis heute in regelmäßigen Abständen Proteste in Korea, um die Japaner daran zu erinnern, dass es da noch etwas zu kitten gibt. Über die Proteste wird in Japan auch jedes mal Berichtet, aber die meisten Japaner sind eher unpolitisch und nehmen das so hin. Echte Konsequenzen bleiben eh jedes Mal aus.



Aber auch die meisten Koreaner sehen das nicht so Eng. Zumal Japaner als Urlauber sehr willkommen sind: viele Verkäufer sprechen ein paar Brocken Japanisch (mehr als Englisch), und erlauben manchmal sogar das Bezahlen mit Japanischem Geld.

Umgekehrt stellen die Koreaner die größte Einwanderungsgruppe in Japan.
In Osaka gibt es ein Viertel namens Tsuruhashi: "Kranich-Brücke".
Das klingt zwar Ur-Japanisch, ist aber das Koreaner-Viertel, was man vor allem an der enormen Dichte an Koreanischen Barbecue Restaurants merkt.
Die sind zwar lecker, aber für Japanische Verhältnisse nicht sehr sauber, und für Koreanische Verhältnisse ziemlich teuer. (Die schlechte Kombination also).

Das tut der Popularität der Restaurants aber keinen Abbruch. Auch das Besteck nicht:
eigentlich bevorzugen Japaner Stäbchen aus Holz, gerne aus Billig-Holz zum danach-wegschmeißen, oder notfalls aus Plastik.
Koreaner verwenden Stäbchen aus Metall, dünn und trotzdem schwer, was etwas Eingewöhnungszeit kostet...




Auch in der Wissenschaft gibt es nicht viele Reibereien: jedes Jahr werden Austausch-Konferenzen zwischen Japan und Korea abgehalten. Die Professoren scheinen beste Freunde zu sein. Überhaupt scheinen diese Konferenzen mehr dazu zu dienen, mit alten Kumpels zu plaudern (auf brüchigem Englisch beiderseits, obwohl sich Japanisch und Koreanisch sehr viel mehr ähnlich sind als Englisch)... und, ähh.. einen Trinken zu gehen.
Allerdings gibt es in Korea keine große Bier-Kultur, was sie noch weiter verschlimmern in dem sie Kartoffel-Schnaps ins Bier mischen - wahrscheinlich um schneller über den fragwürdigen Bier-Geschmack hinweg in die Trunkenheit zu entfliehen....

Ein Saal voller verkaterter Professoren verschläft meinen Vortrag und wacht erst zum Mittagessen wieder auf - denn ein wichtiger Teil der Konferenz (oder: der wichtigste Teil?) ist sich gegenseitig in Gastfreundschaft zu übertreffen und eigne Kultur bestmöglich zu präsentieren, zumeist in Form von Essen.
Tatsächlich ist der kulinarische Unterschied zwischen Japan und Korea deutlich größer als man meinen sollte. Zwar gibt es Überschneidungen (Koreanisches Sushi heißt: Gimbap), aber auch Essen bei der der jeweils anderen Seite der Mund offen stehen bleibt. Sprich: man kriegt das Essen rein, den Mund dann aber nicht mehr zu.
Ein Japanischer Student erklärte auf meine Nachfrage, was ihm denn am besten Geschmeckt hat dann auch: ...der Reis.
Nein der Koreanische Reis schmeckt nicht anders als der Japanische.




Der Fairness halber bleibt anzumerken, dass in dem umfangreichen, oft leckeren und immer interessanten Menü auch ein paar.... "Spezialitäten" beinhaltet waren. Unter anderem ein eingelegter Fisch der so sehr stinkt, dass selbst unser Skandinavier ihn liegen ließ.
Der war aber die Ausnahme - sonst wird jeder der es etwas schärfer mag Korea sehr genießen.
Mahlzeit.

Montag, 26. Mai 2014

Lauter Verrückte

Wer sich ein bisschen mit Medien beschäftigt, der stolpert über den Begriff des "Common Consensus Narrative". Das ist "die Geschichte, auf die sich alle irgendwie geeinigt haben, dass es die Wahrheit ist".  Nachdem also alle glauben, dass der Hund einer Katze ist, ihn wie eine Katze behandeln und jedes katzenartige Verhalten als Beweis sehen, fängt der Hund irgendwann von selbst an zu Miauen.

Warum erzähle ich dass?
Weil ich irgendwie zwei Blog-Einträge pro Monat zusammen kriegen muss...

Nein, ernsthaft: der Punkt ist, dass Japan den Ruf hat, voller Verrückter und verrücktem Zeug zu sein.
Nicht, dass da nicht irgendwo ein wahrer Kern drin stecken würde, aber... sagen wir's so: ich habe mehr "Verrückte Japanische Fernsehsendungen" gesehen, als ich noch in Deutschland war. Keine Ahnung wo die Exporteure das Zeug auftreiben. Im Fernsehen läuft es jedenfalls nicht.

Wie gesagt: ich bestreite nicht, dass es hier reichlich merkwürdiges Volk gibt. Ich meine: hey, Ich studiere Informatik! Muss ich mehr sagen?
Aber auch in Deutschen Informatik-Kursen habe ich so allerhand gesehen. (Man fängt ja nicht deswegen mit Computern an, weil man sozial so super gut reinkommt, oder?).

Aber wie das so ist mit dem Ruf: die Leute hören ihn und kommen.
Ja, ganz genau: dies ist ein Beitrag über all die verrückten Ausländer hier, die Japan sich eingehandelt hat, und die noch jedes Klischee toppen.



Sie! Sie kam von einer der renommiertesten Unis der Welt. Das half ihr kein Stück, da sie weder wirklich programmieren konnte, noch von Algorithmen oder mathematischen Modellen viel verstand.
Wir mussten ein Projekt zusammen machen; ihr einziger Beitrag war, einmal das Projekt kaputt zu machen. Mehr Produktivität war dann nicht mehr drin. Lernresistent war sie auch.
Warum war sie dann da? Sie liebte Japanische Kultur! Also eigentlich nur die Comics.
Na gut - fast jeder hier findet die mehr oder weniger unterhaltsam.
Aber ihre Spezialität war, nur die Comics zu mögen die keiner kannte. Das betonte sie auch explizit. "Habe ich noch nie von gehört", war ein Satz der immer ein breites Lächeln auf ihr Gesicht zauberte. Comics werden scheinbar schlechter je mehr Leute sie mögen.... oder so...
Aber das konnte doch nicht alles sein, was sie an Japan findet, oder?
Nein: die mochte auch.... Perücken.
Jetzt würde ich gerne erklären, was es damit auf sich hat. Berühmte Japanische Perücken-Qualität oder so. Kann ich aber nicht. Sie trug auch nie selbst Perücken. Ich weiß wirklich nicht, was ich dazu schreiben soll...



Ryu. Das war natürlich nicht sein echter Name, aber so stellte sich den Leuten gerne selbst vor. Das war der Name einer bekannten Video-Spiel-Figur. Er sah kein bisschen aus wie "Ryu". Leute, die ihn dann etwas stutzig anguckten (=alle), erklärte er noch, dass das japanisch für "Drache" sei. Das war auch nötig, denn durch seinen starken Amerikanisiert-Australischen  Akzent klang sein rollendes "Rue-You" nicht im entferntesten wie das japanische Wort "ryu". Als er sich dann so dem japanischen Assistenz-Professor vorstellte (ja, wirklich!), versteht der natürlich kein Wort. Verzweifelt versucht der arme Japaner "Rue-You" zu sagen, und wundert sich, in welcher Sprache das bitte "Drache" heißen soll. Und um die Situation noch absurder zu machen, verbeugt sich Ryu dann zum Gruß, und faltet dazu die Hände vor der Brust, wie man es aus Kung-Fu Filmen (und NUR aus Kung-Fu Filmen) kennt.

Er wird nach seinen Hobbys gefragt. Er bezeichnet sich selbst als "Kampfsportler". Er sieht nicht so aus als würde er überhaupt irgendeinen Sport machen. Lässt sich auch im Fitness Studio nicht blicken. Dafür bringt er jeden Tag eine Gitarre mit ins Labor, spielt nicht darauf, nimmt sie wieder mit Heim, manchmal auch mit in den Unterricht. Laut eigenen Angaben spielt er Schlagzeug. Vielleicht ist "Gitarre herumtragen" teil seines Kampfkunst-Trainings.




Hahahaha, jetzt glauben Sie, ich kann das nicht toppen, richtig? Jetzt denken Sie, da hat er den Bogen überspannt. Na, hören Sie sich das an:
Es gibt in Osaka eine beliebte Gaijin-Bar, die Hauptsächlich von Brasilianern betrieben und besucht wird. Einer der Barkeeper hat sich die (Ex)Freundin auf den Körper tätowieren lassen.
Welche (Ex)Freundin?
ALLE!
Der Mann ist eine wandelnde Galerie aus Frauengesichtern. Da ist Ms X auf der rechten Brust, Fräulein Y auf dem Bauch, eine Dame auf der Schulter...
Nein, kein Witz, keine Übertreibung. Selbst gesehen und bestätigt.
Tja, liebe Leserinnen, bewerben sich sich noch Heute um ihren Lieblingsplatz, bevor da schon eine andere hin kommt.

Haha, und Sie dachten Japaner seien verrückt!

Dienstag, 13. Mai 2014

Ganz neue Töne

Ich hatte ja vor langer Zeit schon mal davon erzählt, dass Japaner gern Lautmalereien in ihrer Sprache verwenden. Da kann ich noch ein paar besonders schöne Fundstücke nachlegen.

Es gibt im Japanischen kein echtes Wort für "klebrig", nur die Lautmalerei: beta-beta. Nein, damit ist nicht das unangenehme Gefühl gemeint, dass Software in der Beta-Phase bei Nutzern hervorruft, wobei das gewisse Ähnlichkeit hat. Beta-beta ist alles, was an der Haut klebt und zusammen-pappt. Gerne verwendet man es als Erklärung warum Natto (die vergorenen Bohnen) total ekelhaft sind: die sind soo beta-beta, dass sie lange Fäden ziehen. Sie haben also stinkende, klebrige Fäden im Mund. Bäääh(ta)!



Ich lerne, dass "puni-puni" etwas weiches, verformbares beschreibt, gerne auch Fettgewebe, ... ähm, "Baby-Speck". Ich finde das irre niedlich! Neckisch drücke ich meinem Mädchen meinen Finger in den Oberarm und grinse sie an: "Puni-puni". Sie grinst zurück, drückt mir ihren Finger in den Oberarm und sagt: "Muki-muki".
Ich falle aus allen Wolken und frage unten angekommen noch mehrfach nach bis ich's glaube. Ja, Japaner sagen zu festen, kaum nachgebenden organischen Stoffen "Muki-muki".
Gehen sie also besser in die Mucki-Bude als in die Puni-Bude!




Wenn etwas sehr flexibel ist, eigentlich zu flexibel, und daher vor sich hin wabert, dann könnte man funya-funya dazu sagen, oder? Tut man aber nicht! Funya-funya ist reserviert für Leute die so flexibel sind, dass selbst ein Fähnchen im Wind noch mehr Rückgrat hat. Wenn Leute mich also Fragen, ob mir ein Termin besser passen würde als ein anderer, sage ich ihnen, dass ich da ganz funya-funya bin und mach die entsprechende Armbewegung, die wohl eine Qualle machen würde, wenn sie denn Arme hätte und ihr alles funya-funya wäre. Die Leute verstehen und lachen.




Kennen sie Mikado-Stäbchen? Ich meine die Dinger die man essen kann, mit Schoko. Genau die!
Die heißen nicht Mikado! Die heißen Pocky. Warum heißen die Pocky? Weil dass das Geräusch ist, dass sie machen wenn man sie bricht: "pokki"! Laut Kennern Japanischer Knabbereien machen auch nur die Original Pocky-Sticks so richtig schön pokki! Das ist also das Qualitätsmerkmal. Kopien knacken vielleicht, aber nur Pocky macht echt pokki.
Ich stelle mir das wie eine Weinprobe vor: Gourmets brechen reihenweise Pocky-Stäbchen, versuchen am Klang den Jahrgang zu erraten (noch frisch oder schon funya-funya?) und werfen die Dinger dann weg, weil: auf Diät.