Montag, 18. Juni 2012

Multifunktions-Ki

Hier in Japan gibt es eine Unsichtbare Kraft, die alles Leben durchdringt.

Nein, ich spreche nicht von Gammastrahlung.
Ich meine: das Ki!

Ki ist eine dem Europäer unbenannte und damit unbekannte Energie, die den Japaner und seine Kultur bestimmt.
Man kann sich ihr nur nähern indem man in den Spiegel der Sprache blickt, wo sich in Worthülsen und Redewendungen ihre wundersame Gestalt abzeichnet.

Wenn etwas Ki macht (気がする), dann "hat man da so ein Gefühl". Das ist zwar unschön ungenau, aber wenigstens hat man es nicht "im Urin" wie so manche Deutsche.

Wenn man aber selber einen "auf Ki macht" (気にする) dann geht einem etwas nahe. Zumindest nahe genug, dass es einem nicht egal ist. "Machen sie jetzt einen auf Ki wenn ich rauche?"

Macht man genug auf Ki, wird das Objekt des Anstoßes am Ende selbst zum Ki (気になる). Andererseits würde ich mir ja auch Sorgen machen, wenn Raucher sich nach und nach in Energie verwandeln.

Wenn etwas dann "ins Ki geht" (気に入る),  ist man sehr zufrieden damit. Das ließe sich bestimmt schön als neue Jugendsprache exportieren: "Whoa, Alter, geht mir voll ins Ki was du da sagst."

Man kann Ki auch verteilen (気を配る), sowohl unter Dingen als auch unter den Leuten. Ein Stückchen Ki ist wie ein Stückchen Aufmerksamkeit. Ob einem dass neue Stückchen Ki dann aber auch wirklich voll ins Ki geht, hängt dann doch eher von der Art der Aufmerksamkeit ab.

Unter Umständen merkt man aber nichtmal, dass das gerade nicht so gut beim Gesprächspartner ankam, einfach weil das verdammte Ki nicht angesprungen ist (気がつく). Fast so schön wie das Licht, das einem wieder mal nicht aufgeht...

Deswegen sollte man bei der Verteilung seines Ki sich stets etwas Ki anhaften lassen (気をつけて), dann ist man besonders vorsichtig und aufmerksam.

Das Ki kann auch gerne mal leichter (気軽) oder schwerer (気が重い) ausfallen, je nach Gemütslage.
Bisweilen wird es so schwer, dass man es fallen lässt, dann ist man so richtig am Boden.
Das wird von anderen Japanern mit der Aufmunterung quittiert: "Hey, lass dein Ki nicht fallen!"
Das klingt ein bisschen hart und unherzlich, bis man das nächste mal den Befehl "Kopf hoch" bekommt.

Das Ki einer Person sagt auch recht viel über den Charakter aus:
Leute mit schwachem Ki sind schüchtern, Leute mit starkem Ki haben auch eine starke Persönlichkeit. Das Ki einer Person kann auch lang oder kurz sein, je nachdem wie's mit der Geduld bestellt ist. Damit entspricht es wieder fast unserem Atem.

Wenn man dann grob Verstanden hat, was Ki ist, kann man Anfangen daraus neue Wörter zu basteln:
気分 : Ki-Teil : Gefühl, Stimmung
平気 : Eben-Ki : Coolness, mir doch Wurscht
不気味 : Ohne-Ki-Geschmack : Unheimlich, komisch, seltsam
やる気 : Mach-Ki : der Tatendrang
気体 : Ki-Körper : Gas, Gasförmig
空気 : Leer-Ki : Luft, Atmosphäre
浮気 : Fließend-Ki : Eine Affäre, Untreue
Alles klar?

Schalten sie nächste Woche wieder zu und lernen sie, das die Japaner sprachlich so alles mit Tee kochen!
Außerdem frage ich dann die Vokabeln von heute ab!

Sonntag, 10. Juni 2012

Homophonophobie

Hab mir letztens endlich mal wieder die Haare schneiden lassen. Das ist ziemlich praktisch, weil sie mir jetzt beim Nippon-Kenpo-Training nicht mehr ständig in die Augen hängen.

Zur Feier des Tages hab ich den Blog umbenannt: er heißt jetzt nicht mehr RiyouRi sondern RiyouRi.
Das er vorher mal RiyouRi hieß hab ich 2010 schonmal erklärt, aber jetzt ist das Heim nicht mehr so Vorteilhaft, dafür die Frisur um so mehr.
Darum jetzt nicht mehr: 寮利(was eh falsch geschrieben war) sondern 理容利: Frisur-Vorteil.

Diese Art der neu-interpretierenden Umbenennung ist eine Besonderheit des Japanischen:
es gibt für fast jedes Wort ein paar Homophone.

Die Japaner haben sogar ein Spiel daraus entwickelt: schreib ein Wort mit Versatzstücken aus anderen Worten (also Schriftzeichen), die sich genau so lesen lassen.
Ich versuche den Spaß mal ins Deutsche zu übersetzen *ähäm*:
Phy(sik)+Lehr(er) = PhyLehr.
...
Ein Füller.
Okay, das funktioniert im Deutschen überhaupt mal gar nicht.

Das ist aber auch gut so, weil: dann weiß man wenigstens immer von was man redet.

Im Japanischen kann gerne mal das raten anfangen.

Wenn wir im Unterricht wieder ein neues Wort lernen, dass wieder ganz genau so klingt wie ein bekanntes Wort sagt man uns: das muss man halt aus dem Kontext ableiten.
Als das Thema "Japanische Küche" war, und herauskam dass frittieren ("ageru") genau so klingt wie jdm. etw. geben (ageru) (oder auch: etwas erhöhen (ageru)), konnte man die Unangenehme frage stellen woher ein Japaner eigentlich weiß ob sein Schnitzel frittiert wird bevor er es bekommt.

Mittlerweile ist bei mir eher der gegenteilige Effekt eingetreten: wenn ein Wort nicht in den Kontext passt (oder es einfach nicht genug Kontext gibt) verstehe ich es nicht. Selbst wenn ich ein Wort kenne das so klingt, geht mein Gehirn davon aus, dass es bestimmt ein mir noch unbekanntes Homophon ist.

In der Küche fragt mich letztens jemand ob ich regelmäßig Shinbun lese?
Was zu Hölle soll denn Shinbun sein? Angestrengt versuche ich alle mir bekannten Zeichen in allen Kombinationen durch:
SHIN:                     BUN:
心(Herz)               分(Minute oder Teil)
真(Wahrheit)        聞(hören, fragen)
神(Geist)              文(Satz)
親(Eltern)            ...
新(neu)
...

Herzminute? Ob ich meinen Puls messe? Wahre Sätze? Meint der vielleicht Gedichte?
"NjuusPepaa"!
Er meint 新聞: "Neues hören" also "Zeitung".
Das war eines der ersten Worte ich ich je im Japanischen gelernt habe.

Das Tee ich nur nicht Halt er Tor rund Binse Clou Hals wieso Fort.

Dienstag, 29. Mai 2012

Neue Abenteuer

Zahlenmystikern und Verschwörungstheoretikern (laut einer aktuellen Umfrage 84% meiner Leserschaft) ist es bestimmt schon aufgefallen:
Dieser Blog fing einmal mit einem "A" (Antransport) an und endete mit einem "U" (Unverstanden).
Die Versteckte Botschaft in den Anfangsbuchstaben bezog sich natürlich auf den "A"nfang meiner abenteuerlichen Zeit, sowie die "U"nterbrechung. ("E"nde is net!).
Doch Moment: die letzten Einträge seit meiner Rückkehr fingen auch alle mit einem "U" an?!
Warum zog sich diese "U"nterbrechung bis jetzt hin?

Trotz der physischen Anwesenheit - das Abenteuer fing einfach nicht wieder Feuer.
Alles war schon Vorbereitet, alles Bekannt, alles Routine - eine Vorsetzung der Vorbereitungs-Phase. Zum Amt, zur Bank, zum Unterricht, Hausstand zusammenstellen, Fahrrad kaufen, Welcome-Parties, alles gehabt.

Mit der Zeit wurde mir Bang: war das Abenteuer ausgeteuert?
Heutzutage ist Japan ein westliches Land, und die kulturellen Unterschiede muss man schon mit der Lupe suchen - oder man kennt sie seit Jahren eh schon. Mit Schock ist da nicht viel.
Oder war mein Japanisch schon zu gut um noch ernsthaft in Schwierigkeiten zu geraten?
Oder bin ich einfach alt geworden?

Alles Mögliche habe ich probiert um die Kiste wieder in Fahrt zu kriegen, und immer kamen nur neue Steine in den Weg.

Im Wohnheim: Gäste (auch andere Studenten derselben Uni) dürfen erst mal gar nicht rein, außerhalb der Zimmer darf nicht getrunken werden und Mädchen und Jungs sind strickt getrennt - dagegen war das katholische(!) Studentenwohnheim in Österreich ein Sündenpfuhl. Der einzige Portier (ja, wir haben 24h Überwachung) der Humor hatte, hat gleich mal Ärger bekommen weil er mit uns Karten gespielt hat. Bleibt noch: allein im Zimmer zu sitzen.

Mit Freunden Bergsteigen gegangen - das war das letzte mal doch eine steile Sache! Doch dann wollten die lieber das Cable-Car nehmen. Es sollte zwar nur ein Spruch sein, aber meine Mutter ist wirklich besser zu Fuß als diese Studenten.

Bars in Osaka vorgeschlagen, doch zu nichts ließen sich die Leute motivieren - selbst eine Dachterrassen-Grillparty (!) wurde abgetan mit: zu teuer. Was nicht heißt, dass sie in die "jeder Drink 1,80€" Bar mitgekommen wären.

Und weil trotz "ab-Mitternacht-keine-U-Bahnen-mehr" wohl noch zu viele Leute Spaß hatten, hat die Polizei angefangen Clubs aufzulösen für: Tanzen!
Das Gesetz ist von 1948, und warum die Polizei jetzt plötzlich anfängt das durchzusetzen weiß - laut Türsteher - nicht mal die Polizei. Gerüchte gibt's genug. Dafür immer weniger Läden die einen tanzen lassen.



Nach Tokyo gefahren, andere Deutsche Austausch-Studenten getroffen. Ihr müsst doch auch zergehen vor Bevormundung und Touristen-Tagesplaung?!
Nein.
Die Jugendherberge wurde sicherheitshalber um 11Uhr abgesperrt. Also: man musste um 11Uhr drin sein und wurde bis zum Morgen eingeschlossen.

Was sollte erst werden wenn ich aus Osaka raus auf's Land ziehe (wo meine spätere Uni ist)? 3 Jahre Ausleih-DVDs? War das alles ein großer Fehler? Gibt Japan nur für Spaß für 6 Monate?

Zur Rettung naht: Da Karzel - der wohl einzige Mensch in Japan der noch vernünftig genug ist, mit mir mitten in der Nacht sturzbetrunken zum Hafen zu fähren und sich zwischen den Piers durch zu schleichen. Warum kann es nicht mehr so grund-vernünftige Leute geben?

Und da fällt mir wieder ein, wie ich den Karzel damals kennen gelernt habe: ich bin einfach nach Japan gegangen. Ich habe nicht gewartet, bis jemand aufgetaucht ist, der mir Händchen gehalten hat oder es mir erlaubt hat. Ich bin losgegangen - allein. Und er ist losgegangen - allein. Und dann waren wir die einzigen zwei Hagen-Hügeler die blöd (engl. "bold") genug waren einfach nach Japan zu gehen.

Das ist zwar keine Patentlösung, aber die Erkenntnis: man muss so lange selber einfach losgehen, bis man findet was der Erzählung wert ist; bis man die Leute trifft, die auch einfach losgegangen sind.

Und zum ersten mal sieht die Zukunft wieder Abenteuerlich aus.

Dank der neuen "Atomkraft, kekko desu" Einstellung der Japaner drohen bald Stromausfälle! Osaka - Stadt der Finsternis? Muahaha!

Aus bürokratischen Gründen muss ich aus dem einen Wohnheim raus, einen ganzen Monat bevor ich in das nächste Wohnheim rein darf - vielleicht berichte ich also schon bald aus
Obdachlosen-Heimen. Oder meiner eigenen Wohnung. Oder jeden Tag einem anderen Capsule-Hotel.

Und bis dahin kauf ich mir erstmal jedes Wochenende ein Tagesticket und fahre dorthin wo noch nie ein Gaijin zuvor gefahren ist. Vielleicht sollte ich die Regeln für ein paar japanische Glücksspiele lernen...

Ich meld' mich wieder wenn ich für's Tanzen verhaftet wurde...

Donnerstag, 3. Mai 2012

Unterm Maibaum

Jetzt versetzen's sich doch mal in meine Lage:
Sie sind in Japan.
Der erste Mai steht vor der Tür.
Sie sind Bayer.
Sie haben Münchner Bier im Kühlschrank.
Sie sind net ganz gescheit im Kopf (böse Zungen behaupten, die letzten Punkte könnten zusammenhängen)
Sie kommen auf die Mords-Idee, ein Maifest abhalten zu wollen.

Also fahren sie Einkaufen. Erstmal zum 100Yen-Shop (in dem alles 105Yen kostet - aber dazu später mehr). Sie brauchen einen Maibaum. Die längste Gartenstange die sie finden können ist 2½m und grün. Also kaufen sie weiße und blaue Farbe, einen Pinsel und versuchen nicht alles mit ihrer 2½m Gartenstange kaputt zu schlagen (ja, IHNEN wäre das bestimmt gelungen).
Außerdem etwas das entfernt an ein Spätzle-Brett erinnert, ODER GLAUBEN SIE HIER GIBT'S AN LEBERKAAS?

Dann gehen sie in den Supermarkt. Mit ihrem 2½m Maibaum.
Sie suchen Emmentaler. Sie finden: Gauda, 5Euro das halbe Pfund. Irgendwie finden sie Bratkartoffeln plötzlich die bessere Idee...

Eine Fertigmischung für Pfannkuchen/Palatschinken/Crepes bringt sie auf die Idee das auch gleich zu machen. Das ist eine ganz tolle Backmischung: nur 2€ für 200Gramm, muss man nur noch Milch und Eier hinzugeben ÄH MOMENT MAL!? Mehl gekauft. Es gibt kein Apfelmus. Es gibt aber Äpfel für 2Euro das Stück. Muahahahaha sie nehmen Erdbeermarmelade.
Außerdem Milch zu Preisen die dem Deutschen Bauernverband die Freudentränen in die Augen treiben würden.

Dann machen Sie sich also auf den Heimweg - das Fahrrad ist schon voll beladen, die Tasche schwer, und sie haben noch einen 2½m Maibaum in der Hand.
Ein letzter Funke Menschenverstand gibt ihnen den Rat zu SCHIEBEN.
Um mit beiden Händen das vollbepackte Fahrrad vor dem Umfallen zu bewahren stecken sie sich den Maibaum hinten in den Hemdkragen, durch das Hemd in den Hosenbund und schnallen den Gürtel enger. Niemand schaut sie an.
Auf dem Heimweg bleiben sie an jedem Baum hängen, der über den Gehsteig wächst. Gott sei dank haben sie ihr festes Leinenhemd an, dass kann das ab und gibt nicht nach. Nach dem dritten Baum wünschen sie sich sie hätten ein Baumwoll-TShirt an. Bei den Telephon-Kabeln kriegen sie dann endlich genug Angst um GottVerdammtNochmalAUFZUPASSEN!

Wenig später sitzen sie dann im Garten und malen ihren Maibaum an. Das dauert länger als erwartet: für Verzierungen ist keine Zeit mehr. Also einfach die mitgebrachten Fahnen dran hängen.

 In der Küche zerhackstückeln sie den ins Land geschmuggelten Speck und braten Kartoffeln. Ei drüber, dann geht das schon irgendwie als Tiroler Gröschtl durch.
Dann die Pfannkuchen. Ihnen fällt auf dass sie ein Kind des 21.Jahrhunderts sind weil: sie haben noch nie mit dem Schneebesen Teig angerührt. Irgendwann geben sie auf und akzeptieren Klumpen als festen Bestandteil der Deutschen Küche.

Auch mit der Pünktlichkeit nehmen Sie's nicht mehr so genau - was gut ist, weil: da wären sie der einzige gewesen. Nachteil jedoch dass das Maifest aufgrund unerwarteter Dämmerung in die Küche verlegt werden muss. Gott sei Dank ist die Küchendecke höher als 2½ Meter.

Ihnen gelingt es 10 Menschen aus 7 Nationen an den Küchentisch zu bringen, trotz Blasmusi aus dem Ghettoblaster. (Münchner Bier hilft)
Die sind so begeistert, dass sie schon planen selbst am jeweiligen Nationalfeiertag ein Fest auszurichten.
Die Philippinos lachen: sie hätten sogar ihre Tracht dabei.
"Ja, ich auch" rutscht Ihnen so raus.
Alle schauen Sie an...

Ja, und so, SO ENTSTEHEN NUNMAL SOLCHE PHOTOS:

Freitag, 20. April 2012

Unnütze Geräusche

Japaner lieben Lautmalereien.
Wenn der Regen kommt, und es beginnt zu tröpfeln, dann macht das "PotsuPotsu". Schüttet es dann wie auf Kübeln, dann heißt das "SaaSaa".
Oft gibt es gar kein richtiges Wort mehr - man muss den richtigen Laut kennen um etwas sagen zu können.
Wenn man aufgeregt ist, fällt einem der technische Begriff für "Aufregung" wohl ohnehin nicht mehr ein - also hat "DokiDoki" (der Ton des Herzschlages) den Rang eines vollwertigen, offiziellen Wortes eingenommen. (Auf Deutsch würde man sagen: "steht im Duden").
Dinge die eigentlich gar kein Geräusch machen bekommen notfalls einfach eines angedichtet. Die glitzernde Wasseroberfläche macht "GiraGira".
Und wenn es wirklich so absolut Still ist um einen herum, dann macht diese Stille netterweise "Shiinto", damit man später mit einem Laut beschreiben kann, das es wirklich überhaupt keinen Laut gab.

Im Japanisch-Unterricht wurde uns (aus aktuellem Anlass) ein neues Wort näher gebracht: das Geräusch mit dem die Kirschblüte aufblüht.
Das geht soo schnell, das macht einfach "Pa".
Natürlich dauert es so zwei, drei Tage und macht eigentlich kein Geräusch, aber "Pa" - so erklärt uns der Lehrer - ist einfach das Geräusch das entsteht wenn etwas überraschend plötzlich passiert.

Also liebe Kinder, sagt er uns, findet doch weitere Beispiele für Dinge die so "Pa" plötzlich passieren können!
Erster Vorschlag vom Deutschen Bub: ein Auto könnte so "Pa" mit einem "Pa" kaputt gehen (gefolgt vom gequälten und erfolglosen Anlass-Jodler).
Nein, nein, meint der Lehrer: ein Auto ist etwas technisches und überhaupt gehen die nicht so plötzlich kaputt (so unter Deutschen und Japanern verschweigt man Motorschäden lieber als ihnen Geräusche zu geben.)
Dann vielleicht eine Bombe, meint das türkische Mädchen! Die könnte so "Pa",... naja, wenn es eine wirklich kleine Bombe...
Nein, nein, nein! Bomben machen schon "DOKAN!" sonst wären sie ja keine Bomben.
Vielleicht etwas kleineres? Das Gewehr? Die Pistole? Das Feuerwerk?
Aber das ist mehr so "Doon" oder "Ban" oder...

Schließlich fragen wir: Herr Lehrer, fragen wir, WAS gibt es dann außer der Kirschblüte, das sonst noch "Pa" macht? Fragen wir.

Eine Minute angestrengtes "Shiinto".

Also eigentlich gibt es sonst gar nichts auf der Welt das "Pa" macht - alle anderen Blumen blühen einfach nicht "Pa" genug. Nur die Kirschblüte "Pa"'t so richtig schon "Pa".

Gedanklich werfe ich das Wort schonmal "Pa" in den Papierkorb...

Sonntag, 15. April 2012

Un.Heimlich.Gefährlich.

Als ich zur Bundeswehr ging (jaa, Opi erzählt von der guten alten Zeit), habe ich erwartet von bärbeißigen Unteroffizieren angeschrien, herum-geschubst, durch den Dreck gezogen und durchs Unterholz gejagt zu werden. Doch tatsächlich fand ich mich einer kaum 1,60m großen, blonden zierlichen Unteroffizierin gegenüber, die mich fragte "darf ich Sie anfassen" bevor sie meinen Rucksack nachjustierte. Und mich DANN anschrie, herum-schubste, durch den Dreck zog und durchs Unterholz jagte.

Was lernen wir daraus? Nichts: wir sind Bildungs-Resistent (Danke G9!).

Und so fahren wir Jahre später nach Japan, dem Land der Samurai- und Kamikaze-Kultur und erwarten Todes-verachtende Menschen, der Gefahr ins Angesicht blickend, wohlwissend das jeder Augenblick zwischen Yakuza, Schwertkampf, Erdbeben und Überarbeitung der Letzte sein kann.
Und Wundern uns dann, von Rolltreppen gewarnt zu werden vor - nun - eben der Gefahr von Rolltreppen. Die uns dann vor einem Zeitungs-Stand abliefert der von Yakuza-Schwert-Morden und überarbeiteten Todes-Erdbeben (des TODES!) zu berichten weiß.

Mittlerweile lernfähig geworden (Danke Hochschulsystem) stellen wir also fest: das Vorurteil liegt meist gar nicht so falsch, nur eben etwas daneben.

Tatsächlich sind die Japaner regelrechte Sicherheits-Fanatiker:
Beim Nippon Kempo Probetraining wird mir erst einen zentnerschwere Schutzausrüstung angelegt und dann lang und breit erklärt, dass das immer noch nicht ganz sicher ist: ja, manchmal tut man sich tatsächlich weh beim Gegenseitigen Auf-die-Goschn-Hauen.
Studienkollegen weigern sich Nachts eine kleine, unbefahrene Straße vom Kampus zur nächsten Tankstelle zu gehen: die ist nicht beleuchtet und es könnte ja ein Auto kommen (in 10 Jahren wieder). Rechts und links der Straße sind übrigens Reisfelder - falls man schnell mal zur Seite springen möchte ist also gut 50 Meter Platz dafür.
Maggi-Fix-Kochmischungen mahnen zu Vorsicht beim hinzugeben von Öl. (Warum sagen sie nicht: die Überraschung Öl in eine zu heiße Pfanne zu kippen wollen sie dann doch nicht kaputt machen.)
Und überall im Alltag trifft man auf die geheiligten drei Worte: 注意(chūi:Vorsicht),危険(kiken:Gefahr) und 禁止(kinshi:Verboten) - oft in Kombination, und gern auch an Orten an denen ich mir ums verrecken nicht vorstellen kann, wie man sich da weh tun kann. Zum Beispiel warnen U-Bahn Türen nicht davor, in der sich schließenden Tür stecken zu bleiben, sondern davor in der sich öffnenden Tür stecken zu bleiben: also zwischen Tür und Zug zu geraten (dafür hat man grob einen Zentimeter Platz; Vorschläge bitte).

Aber hier liegt der Entscheidende Punkt: Japanische Sicherheit ist jedem selbst überlassen. Sie wurden Gewarnt. Oft genug. Nach dem Motto: Gefahr erkannt, Gefahr einfach liegen gelassen.

Auch an vielbefahrenen Straßen sind die Fußwege nicht durchgehend ausgebaut, markiert oder überhaupt vorhanden. Passiert schonmal, dass man ohne es zu bemerken plötzlich auf der Straße steht. Ich habe es sogar schon geschafft, zu Fuß auf die Autobahn zu geraten. Der Gehsteig war erst da und dann weniger da und dann mehr weg als da. Einzelfall? Ein Freund hat dasselbe mit dem Fahrrad geschafft - aber er hat's durchgezogen und ist bis zur nächsten Ausfahrt geradelt.
Dafür gibt es an fast allen Straßen offene Gossen/Rinnsteine, grob 30cm breit und 40cm tief. Hab ich schon erwähnt, dass man hier mit dem Fahrrad für gewöhnlich auf dem Gesteig fährt? Also zwischen Fußgängern und Gosse oft noch einen halben Meter Platz hat.
Auf meinem Weg zum Campus gibt es die meiste Zeit keine solchen Gossen: da gibt es direkt neben dem Gehsteig einen offenen Kanal, an manchen Stellen gut zwei Meter tief, der bei gutem Wetter 2cm, bei Regen schöne 40cm Wasser Marke "Sturzbach" führt.
Das Ding ist aus Zement - komplett - mit ein paar Steinen im Zement-Fundament, weil: hey, das ist doch jetzt auch schon Wurscht!
Der Kanal ist vom Gehsteig durch einen Grünstreifen getrennt, der Grünstreifen ist eine 1Meter breite, steile Böschung. Quizfrage: in welche Richtung die die Böschung abschüssig? Die Antwort sehen sie, wenn sie bei Regen versuchen auf dem Fahrrad Fußgängern auf dem Gehsteig auszuweichen.


Die Kinderspielplätze haben hier übrigens auch Kletterparks, für die man in Deutschland noch als Erwachsener eine Einverständniserklärung unterschreiben müsste.
Und wo wir in Deutschland die 3 Meter hohen Bau-Zäune (Marke: Bauherr haftet für alle Deppen) zu Festungen zusammenstellen reicht hier - wenn Verkehrshütchen nicht mehr reichen - ein paar 1.7m Aufsteller aus - müssen auch nicht immer einen geschlossen Zaun bilden.
Auf den Aufstellern steht dafür dann auch in großen, freundlichen Schriftzeichen: 安全第一 an zen dai ichi: Safety first!

Das ist, glaube ich, als Aufforderung zu verstehen.

Mittwoch, 4. April 2012

Über den Wolken...

.. muss die Strahlung wohl grenzüberschreitend sein.

Zumindest hört man immer wieder, dass Flugpersonal wohl spezielle Vorschriften einhalten muss, wie oft sie der Sonne zu nahe kommen dürfen.
"Immer wieder"? Naja, wenn man sie immer wieder fragt, dann sagen sie es auch immer wieder. Sie beharren also darauf.

Aber wenn man schon mal 10 Stunden im Flugzeug sitzt und nicht schlafen kann, dann kann man das ganze auch einfach mal nachprüfen.
Dazu nimmt man einfach von Zeit zu Zeit sein Gamma-Dosimeter (das man natürlich immer dabei hat) und misst.

- Flughöhe: ~10000m (hab ich leider nicht jedes mal genau mitgeschrieben)
- Steckte: ~9200km
- Flugdauer: ~10h

Hier die Messdaten:

























Ort:Zeit: (h:m)Strahlung: (µSv/h)Gesamtbelastung: (µSv)
Leipzig0:201.30.3
Warschau0:501.61.0
Minsk1:201.71.8
Moskau2:151.73.2
Jekaterinburg3:101.64.6
Omsk4:001.66.0
Nowosibirsk4:401.66.9
Irkutsk5:501.59.0
UlanBator6:451.410.5
Seoul8:501.413.5
Hiroshima9:200.614.2
Osaka9:500.314.3

(Der leere Bereich wurde von blogger.com automatisch eingefügt, um die Spannung zu erhöhen.)

Und weil ich ja irgendwas mit Medien studier(t)e: hier das ganze als Info-Graphik (alles Augenmaß)


Wir beobachten folgende Phänomene:

  • Kosmische Strahlung ist auf der Tag-Seite und der Nacht-Seite der Erde annähern gleich stark.

  • Auch der Breitengrad hat kaum Einfluss - zumindest nicht in diesen Breiten.

  • Flughöhe ist der entscheidende Faktor (Überraschung!)

  • Nach Japan zu fliegen ist Gefährlicher als in Japan zu wohnen
    (in Osaka hab ich dieselbe Belastung wie in München)

  • Flugzeuge steigen deutlich schneller als sie sinken. (Das macht Hoffnung)

  • Mehr als zweimal die Woche fliegen ist ungesund.

  • Schönen Gruß an die Besatzung der ISS!



Die Kommentar-Funktion ist offen für Diskussionen. Beglücken sie uns mit Posts wie:
"Die Sonne strahlt ja stärker als ein Atomkraftwerk!
Solarkraft? Nein Danke!"

oder
"Auf dem Rückweg hältst du das Gerät nach unten
und zeichnest russische Atom-Silos auf!"


Achso:
für alle die das nicht eh schon wussten oder aus dem Kontext ablesen konnten:
ich bin wieder in Japan.
Aber davon ein anderes mal.