Sonntag, 13. März 2016

Weiterführender Schein

Ihre erste geniale Strategie, die Straßen sicherer zu machen war, die Führerschein-Zulassungsstelle irgendwo im nirgendwo zu bauen, wo man fast nicht hin findet.

Ihre zweite geniale Strategie war, den Führerscheinen ein Verfallsdatum zu geben.

Ihre dritte geniale Strategie war, die Termine für die Führerschein-Erneuerung auf zwei kurze Zeitfenster pro Tag zu beschränken...

Verdammt, verdammt, verdammt, jetzt spinnt auch noch Google Maps!
Ruhig bleiben, nach dem Weg fragen! Einfach irgendwo auf einer Schotterpiste parken - was ich bestimmt nicht darf, aber hier geht's um Leben und Immobilität - und den Rest der Strecke rennen.

Keuchend komme ich gerade noch rechtzeitig an und kriege ein Formular in die Hand gedrückt. Neben dem Üblichen ist auf der Rückseite auch noch ein Satz fragen gedruckt. Irgendwas ob ich in den vergangenen Jahren mal spontan das Bewusstsein verloren habe. (Spontan war das wohl nicht! Habe das doch schon beim zweiten Bier kommen sehen!). Aber weder habe ich die Zeit jetzt hier alle Schriftzeichen zu entziffern, noch das Selbstvertrauen am Ende nicht doch irgendeine Japanische Höflichkeits-Floskel nicht falsch herum zu verstehen. Also mache ich was jeder gute Student tut und tue beim Nebenmann abschreiben. Ahh, dacht' ich mir doch, dass "NEIN" richtig hätte sein müssen.

So gebe ich das Formular noch rechtzeitig am Schalter ab und darf mich setzen. Puhh, geschafft!


Mein Name wird ausgerufen (ich brauche immer zweimal, bis ich auf die Japanische Aussprache meines Nachnamens reagiere) und ich muss zurück zum Schalter.
Sie hält mir das Blatt mit den Fragen vor.
Verdammt, hätte ich besser nicht vom gratligen Opa abgeschrieben!
Ne, das war's nicht: ich hab einfach nur Kreuze gemacht. Keine Häkchen, wie man es hätte machen sollen. Kreuze. Haken, Kreuze, naa, da verkneif ich mir jetzt blöde Sprüche!
Also gibt sie mir ein neues Blatt und diesmal Hake ich ab!

Dann darf ich ein Feld vorrücken und ein Photo gemacht bekommen.

Die vierte Strategie, Japanern den Spaß am Leben zu nehmen war, das "jetzt-holen-alle-ihre-Führerscheine-raus-und-wir-lachen-über-Jugendsünden" - Party-Spiel kaputt zu machen.




Ich werde in einen Raum geführt, der stark an ein Klassenzimmer erinnert.
Auf jedem Platz liegt ein brauner Umschlag....
Ohhhh, Mist! Auf einen Test war ich schon nicht vorbereitet, als ich meinen Führerschein in Deutschland gemacht habe! (Und der war auf Deutsch ...und angekündigt). Ich glaube mir wird schlecht.
Zu unrecht, denn der Inhalt entpuppt sich als eine Sammlung Info-Broschüren. Dazu kriegen wir den passenden Vortrag.
Wie ein Kreisverkehr funktioniert. Zum ersten mal fällt mir auf, dass ich in Japan tatsächlich noch keinen Kreisverkehr gesehen habe. Ist halt auch kein Platz.
Das man sich anschnallen soll. So, so, ja? Wir kriegen ein passendes Video mit Crash-Tests gezeigt. Crash-Test-Puppen-Tochter verwandelt sich ein ein tödliches Projektil, dass Crash-Test-Puppen-Vati den Schädel zerdeppert, bevor sie sich durch die Windschutzscheibe verabschiedet. Ich werde immer meine Tochter anschnallen, entscheide ich.
Dann lerne ich noch, was dieser lustige Aufkleber bedeutet, den viele hier auf dem Auto haben. Nämlich: Senioren am Steuer. Wundert mich plötzlich gar nicht mehr.Die fahrenden Senioren werden hier netterweise "Silver-Driver" genannt. Ich finde das toll! Klingt fast wie ein Super-Held! Der Silver-Driver naht zur Rettung... etwas langsamer als der restliche Verkehr...

Nach knapp zwei Stunden ist der Unterricht vorbei, und ich kriege meinen neuen Schein.
Und als Belohnung dafür, dass ich zwei Jahre lang keinen Unfall gebaut habe, ändert der die Farbe jetzt von Grün nach Blau. Dankschön. Ich lasse mich von einem LKW Fahrer böse anhupen, warum ich auf seiner Schotterpiste geparkt habe, dann fahre ich Heim.

Mein ganzer Stolz. Im Hintergrund, meine Villa. 
Ich sollte endlich mit dem 'rum-Studieren aufhören und mir nen Job suchen.

Freitag, 19. Februar 2016

Meister Wald

"TIEN! Tiefer!"
Shifu.
Das ist nicht sein Name. Aber so nennen ihn hier alle. Shifu.
"Das ist Fundament! Sinken."
Im Japanischen heißt der Meister (oder Lehrer) Sensei. Aber er Unterrichtet Kung-Fu. Das kommt aus China. Wenn Japaner versuchen das Chinesische Wort für "Meister" zu lesen, lesen sie "Shifu".
"Das ist nicht Sumo! Füße gerade! Und tief! Shizumu!"
Er selbst ist Japaner, hat aber lange Zeit in New York gelebt. Außerdem lernt er jetzt Chinesisch. Deswegen muss ich mir jetzt auf drei Sprachen anhören was mit meiner Form alles nicht stimmt.
"Mabuu! Dann Katzen-Fußstellung! Tiefer!"
Meine Oberschenkel brennen wie Feuer. Wenn man lange genug mit tief gebeugten Knien dasteht, hat man irgendwann eh nicht mehr die Kraft aufzustehen. Dann geht es nur noch tiefer.
Noch 3cm. Noch 2... dann knicke ich ein und falle zu Boden.
Er lacht fröhlich.
"Das ist Basics! Muss sein wie Eisen" (er klopft auf seine Schenkel) "und Bambus" (er verbiegt seinen Oberkörper). "Dann, du kannst kontrollieren deinen Körper, kontrollieren deinen Gegner".
Jetzt lebt er wieder in Japan und gibt Kung-Fu Unterricht für Kinder und ältere Damen... und mich.
Sein Name ist... "Wald". Herr Wald. Aber wir nennen ihn Shifu.

Shifu mit Schüler, der gerade einen Preis gewonnen hat.

Als er jung war ging Shifu nach New York. Um Design zu studieren. Aber wohl auch weil er einfach gerne nach Amerika wollte. Er sprach kein Wort Englisch.
Das machte diese Zeit sehr hart für ihn, aber irgendwie half ihm immer jemand aus der Patsche wenn es brenzlig wurde.
Das ist der Grund warum Austausch-Studenten jetzt gratis bei ihm trainieren dürfen. Als Wiedergutmachung sozusagen. Der eine, offizielle Grund. Der andere ist, dass Ausländer in seiner Stunde das ganze attraktiver für Japaner machen. Viele japanische Eltern finden, dass ihre Kinder möglichst früh an andere Kulturen und die Englische Sprache gewöhnt werden sollen. Shifu ist nicht auf den Kopf gefallen. (Meine Kommilitonen schon, sonst wäre ich nicht der einzige, der zum Gratis-Kung-Fu geht.)


Als Shifu sich gerade schön im Big Apple eingelebt hat, kommen zwei Flugzeuge und beißen eine blutende Wunde ins Fruchtfleisch. 9/11.
"Natürlich, du weißt, Menschen sterben. Aber du denkst das nicht."
Ein anderer Tag, eine anderer Uhrzeit, und Shifu wäre da unter den Trümmern gelegen.
Stattdessen liegen da tausende Andere.
Jetzt muss er sich fragen was er mit seinem Leben eigentlich anfangen will.
Und er fängt eine Firma an.


"Wenn Löwe jagt Hase, Hase wird nicht müde! Warum?"
Ich kenne die Antwort schon, aber meine Beine tun zu sehr weh als dass ich Lust hätte zu antworten. Also keuche ich nur ein bisschen und lasse die Weisheit nochmal über mich ergehen.
"Weil, wenn Hase wird müde.... wird gefressen!"
Er zählt die Geschichte nochmal auf Japanisch den Kindern und lacht beim "gefressen werden" Teil. Die Kinder lachen auch.
Das ist die Mentalität.

In New York leitet Shifu seine Design Firma und trainiert Kung-Fu.
Er stellt Leute ein, einer von welchen mit seinem Geld durchbrennt. "Auch das, du hast eine Erfahrung.", sagt er ohne bedauern.
Er freundet sich mit einem anderen Japaner seines Alters an der zur selben Kung-Fu Schule geht. Die beiden trainieren im Central Park, auf einer kleinen Brücke die besonders gute Energie verspricht. (Jahre später habe ich mal die Gelegenheit auf derselben Brücke zu trainieren und kann sagen: ja, wirklich ausgezeichnete Energie.) Die Freundschaft, (halb Konkurrenz), spornt sie beide an härter zu trainieren. Wann immer man aufgeben will blickt man zum anderen hinüber sieht: ne, jetzt kann man noch nicht aufhören.
Sein Freund geht später ins Show-Geschäft: Kampf-Choreographien und Stunts und so.
Shifu baut seine Firma weiter aus.

Besagte Hochenergie-Brücke. Der freundlich lächelnde Mann ist ein alter Kung-Fu Freund von Shifu.


Dann kommt die Krise. Die Große. Die so groß ist, dass sogar riesige Banken ins Wanken geraten.
Shifus Firma übersteht das Erdbeben nicht. Er ist darüber nicht im geringsten bitter.
Wäre er 20 oder 30 Jahre alt gewesen, hätte er sie wieder aufgebaut.
Aber jetzt ist er schon 40. Seine Eltern werden alt, und er will eine Familie. Also geht er nach Hause nach Japan.
Und eröffnet die "New York Kung-Fu" Schule.
Sein Name ist Wald, aber wir nennen ihn Shifu.

Eintopf-Party in Shifu's Haus. Shifu im Hintergrund, Eintopf im Vordergrund.

Mittwoch, 10. Februar 2016

Was zu feiern

Den Unterschied in der Mentalität der Leute kann man ganz gut daran erkennen welche Dinge sie für Feier-Würdig halten.

Amerika feiert seine Soldaten. Mit eigenem nationalen Feiertag.
Natürlich nur die Veteranen. Stubenhocker werden nicht gefeiert.
Vielleicht ist das einer der Gründe für die Auslandseinsätze der USA. Ohne Krieg gäbe es ja irgendwann keine Veteranen mehr zu feiern.

Und auch sonst scheuen sich Soldaten hier nicht sich in ihrer Garde-Uniform ins Nachtleben zu stürzen. Wann haben Sie das letzte mal einen Bundswehr-Soldaten in Ausgeh-Uniform in einer Bar oder im Konzert gesehen? Wann haben Sie überhaupt jemals die BW-Paradeuniform gesehen. Okay, zwei oder drei Leser dieses Blogs haben mich gesehen. Ich hatte das Ding genau einmal an: als ich vereidigt wurde. Immerhin hat mich das etwas vorbereitet darauf in einer Bar plötzlich einem Marine Sergeant gegenüberzustehen. Genug um seinen Dienstgrad zu wissen (von wegen NATO Bündnispatner). Das hat ihn beeindruckt, weil das wohl viele seiner Landsleute trotz Hollywood-Bildung nicht wüssten. Naja, den Tag feiern ist halt einfacher als sich mit der Sache zu beschäftigen.



Japan feiert seinen Kaier!
Beide!
Nein, nicht die Kaiserin. Den Kaiser vor dem Kaiser.
Genau: den Showa-Kaiser Hirohito.
(Ja, der mit dem Weltkrieg.)
Normalerweise wird traditionell nur der Geburtstag des gegenwärtigen Kaiers gefeiert, aber nachdem Hirohito gestorben ist hat man einfach weitergefeiert. Passiert schonmal dass die Party weitergeht nachdem der Gastgeber schon gegangen ist.
Um dem neuen Kaiser nicht auf die Füße zu treten hat man den Tag grün angemalt. Am "Grün" Tag wird dann halt offiziell was anderes verehrt. Natur und so, uns das grüne Gras das übers Grab wächst.
Vor ein paar Jahren war dann genug Gras gewachsen und man fand man könnte jetzt schon wieder zugeben, dass das Kaisers Geburtstag sein soll. Aber jetzt haben sich die Leute halt schon an den grünen Tag mit der Natur gewöhnt. Also ist der "Tag der Ruhe" jetzt der neue "Grüne Tag", und der alte Grüne Tag heißt jetzt "Showa-Tag", und der neue Kaiser hat immer noch Geburtstag.
Mal sehen ob's mit dem nächsten Kaiser wieder eine neue Farbe und einen zusätzlichen Feiertag gibt.



In Amerika war nächste wichtige Fest war dann Thanksgiving. Das ist, so wurde mir gesagt, fast genau so wichtig wie Weihnachten, was den Müttern doppelten Stress auferlegt.Die Geschichte die sich hier über Thanksgiving erzählt wird dreht sich darum, dass die ersten Siedler einmal gemeinsam mit einem Stamm Amerikanischer Ureinwohner gemeinsam die gute Ernte gefeiert, und auch sonst viel paktiert haben.
Die Nachkommen der Ureinwohner sehen das etwas anders und ärgern sich über das Hurra-Amerika gehabe. Dieses Thanksgiving war das doppelt pikant, weil nach den Anschlägen in Paris viele Politiker keine Syrischen Flüchtlinge mit an den Festtagstisch lassen wollen. Naja, vielleicht schließen sie auch von sich auf andere und befürchten, die nächsten "verdrängten Amerikanischen Ureinwohner" zu werden.

Immerhin: das Fest bewegt nicht nur die Leute, sie bewegen sich auch: es gibt nämlich eine große Parade. Die wird zwar vom Kaufhaus Macy's organisiert, erweckt bei den New Yorkern aber trotzdem etwas Lokalpatriotismus und andere warme Gefühle.



Ernte wird in Japan nicht mehr gefeiert: so wie man über die Felder Elektronik-Konzerne gebaut hat, hat man über Erntedank den Tag der Arbeit gebaut. Was ja auch passt, da die wenigsten Japaner Bauern sind und die meisten Lebensmittel importiert.
 
Aber dafür wird die Natur gefeiert, wie man ja schon am grünen Tag sehen konnte.

Aber Moment! Japan ist doch von Meer umgeben! Da ist die Hälfte der Natur doch gar nicht Grün? (Naja, eigentlich, ...)
Aber ja! Dafür gibt's dann den "Meer-Tag", ein nationaler Feiertag in dem man den Ozean feiert, und was man da so zum essen heraus ziehen kann.

Aber Moment! Wo bleibt da der Kaiser!
Aber doch! Der Tag geht zurück auf eine See-Reise des Meiji-Kaisers (der Kaiser vor dem Kaiser, vor dem Kaiser, vor dem Kaiser; der der die Samurai abgeschafft hat).

Aber Moment! Auf der anderen Seite besteht Japan doch im Inland fast komplett aus Bergen.
(Naja, die sind aber doch grün, ...)
Aaach, was solls! Dann machen wir halt noch einen Feiertag für die Berge und was man da so zum Essen runterholen kann.
Ja, ganz frisch und nochniedagewesen ab diesem Jahr.
Wir warten auf einen neuen Kaiser, den wir da dran hängen können.

Mittwoch, 27. Januar 2016

Silber-Schubsen

Ginko.
Nein, nicht der Baum.
"銀行".
Schreibt sich wie "Silber" und "Bewegen".
So nennt man hier Banken.
Und Junge, Junge, bewegen die das Silber!


Anfangen tut's damit, dass ich ein Sparbuch habe. Also: ein richtiges kleines Büchlein. Nix mit Kontoauszug. Ich nehme das Ding mit zum Geldautomaten und stecke es hinein. Ja, die Geldautomaten hier haben einen Slot für Sparbücher. Und dann druckt das Ding da rein was so auf meinem Konto passiert.
Netterweise habe ich auch eine Karte im EC-Format bekommen, damit ich das Ding nicht immer mit mir rumtragen muss.
Aber süß ist das irgendwie schon. Erinnert mich an meine Kindheit, als meine Eltern ein Sparbuch für mich hatten, mich zur Bank mitnahmen damit ich ein Update kriege und ich dann sehen konnte wie meine Ersparnisse langsam wachsen, und davon träumte was für tolle Spielsachen ich mir von dem Geld kaufen könnte.... nur das ich das Geld jetzt halt für andere SachenAAAABER DAVON REDEN WIR JETZT NICHT!



Dafür kann das Konto relativ wenig. So mit Überweisung ist schon wieder nicht ganz so.
Man kann lustigerweise zu einer anderen Bank gehen, und dort ohne ein Konto zu haben am Geldautomaten Geld reinstecken, damit dass dann Überwiesen wird.
Aber andere Banken sind gerade nicht in der Gegend als ich mein Auto kaufen will.
Aber mein Freund der mir die Karre verkaufen will ist ja bei der selben Bank.
Also kein Problem:
Wir fahren gemeinsam in seinem Auto zur Bank.
Ich hebe am Geldautomaten 150.000 Yen ab.
Ich zähle ihm vor: 10.000, 20.000, 30.000, ...
Er steckt die 150.000 Yen wieder zurück in den Geldautomaten (diesmal mit seinem Sparbuch drin).
Wir fahren gemeinsam mit meinem Auto nach Hause.



Aber machen Sie sich nicht vorzeitig über Japan lustig! In anderen Ländern ist das System mindestens genau so kaputt. In den USA zum Beispiel. Wenn sie von Japan nach New York gehen haben Sie also doppelten Spaß.
Wussten Sie bei der Gelegenheit, dass es zwar IBAN (mit "I" wie "International") heißt, das System aber praktisch nur in Europa existiert?
Und so sitze ich da und soll die Kaution für meine Bude im voraus bezahlen. Die Japanische Bank will kein Geld verschicken, in den USA will's keiner annehmen.
Web 2.0 kommt zur Rettung: PayPal erlaubt ja Geldtransfer von Person zu Person, und an der Uni drüben sitzt ein Nerd der auch ein PayPal Konto hat.
Also: von meiner Bank auf mein PayPal Konto, auf sein PayPal Konto (mit netter Gebühr oben drauf, danke auch), auf sein Bank Konto, in seine Hand, in die Hand der Vermieterin.
Aber hey: das muss so kompliziert sein, wegen der Geldwäsche-Gesetze. Sonst könnte ja ein Japanischer Drogenbaron plötzlich Mieten in New York zahlen...


Geld verschieben, zweiter Akt: Geld nach Japan schicken.
Wie gesagt: IBAN ist nicht. Die Japanische Bank gibt einen etwas umständlichen Umweg über eine "Vermittler-Bank" an. Ich frage mal bei meiner Bank nach. Die schicken mir ein paar Unterlagen zum ausfüllen. Ich glaube zwar, dass das die falschen Unterlagen sind, aber ich fülle sie so gut wie's geht aus und schicke sie der Bank. Waren wohl wirklich die falschen Unterlagen, weil: passieren tut nichts.

Zweiter Versuch: wir tun einfach mal so als ob meine Japanische Kontonummer eine IBAN wäre. Zwischen den Zeilen kann man bei meiner Bank rauslesen, dass das klappen könnte.
Also einfach mal mit kleinem Betrag getestet:
Ich überweise: 100 Euronen.
Sie nehmen mir: 132,50 Euronen.
Ankommen tun: 0 Euronen.

Sie müssen verstehen, als Bank heutzutage hat man's nicht leicht. Da muss man schonmal 132,5% Gewinnmarge abziehen. Das verstehe ich schon. Aber immerhin hätte ich gerne eine Aufstellung gehabt. (Eine An-Die-Wand-Stellung wäre auch nicht schlecht...).
Stellt sich heraus dass dero Thaler 12,50 der Bank seien für ihre gnädigen Dienste. 20 Dreckige Dollars nehmen Sie mal mit, falls die Bank drüben geschmiert werden muss. War wohl nicht genug.

Mein Telephon klingelt. Mein Magen kickt die Leber in der freudigen Erwartung gleich einen Schwall Ultra-Höflichkeits-Level Japanisch über mir ausgekippt zu bekommen. Ja, Sie wissen natürlich schon was jetzt kommt, aber mich hat das drei Minuten "Hai? Hai?" gekostet. Also soll ich zur Bank kommen. Dort wissen sie natürlich von nichts. Müssen erstmal in der Zentralstelle anfragen. Irgendwann kriegen sie's dann gebacken und schreiben mir in mein Bank-Buch dass ich jetzt Geld empfangen darf. Also: das schreiben sie da mit Kugelschreiber rein. Super!
Und zwei Tage später ist das Geld tatsächlich da. Zum schlechtesten Wechselkurs den ich den ganzen Monat über gesehen habe. Aber Sie müssen verstehen: als Bank heutzutage...

Sonntag, 20. Dezember 2015

Schwerer Ausnahmefehler

Was folgt sind die Aufzeichnungen, wie ein kleiner Fehler meinen Ausflug nach New York kurz vor Schluss noch mal so richtig.... aber lesen sie selbst.

November:
Für die Forschung braucht man ja Versuchs-Kaninchen. Normalerweise verwendet man dafür Informatik-Studenten. Die sind billig, willig und in großen Stückzahlen vorhanden. (Außerdem beschweren sich Tierschützer wenn man echte Kaninchen verwendet.)
In meinem Fall aber forsche ich an Software für 3D Design, also sind meine Kaninchen Künstler die 3D Software verwenden. Leider hat sich immer wieder herausgestellt, dass solche Leute schwer zu kriegen sind. Schließlich arbeiten sie, und zwar nicht zu knapp, und wenn sie nicht gerade arbeiten, dann haben sie auch was besseres vor. Vor allem etwas besseres als in Nara zu wohnen.
Daran krankte es dann auch mit meinen Publikationen: ich habe einfach keine Nutzer-Daten die ich veröffentlichen könnte. In einem knappen halben Jahr konnte ich nur genau zwei Leute auftreiben.

Schließlich haben wir aber einen Kontakt zu einer Kunsthochschule in Kyoto herstellen, und einige Studenten und Lehrer begeistern können. Es ist schwer zu beschreiben wie ich mich freuen kann über 9 Personen, die gute 1.5 Auto-Stunden von mir entfernt sind. Sagen wir's so: keine Leute = keine Veröffentlichung = kein PhD + mögliche Probleme mit dem Stipendium. Kapiert?

Ich stand also während meiner Zeit in New York in engem Kontakt mit dieser Hochschule, um in der kurzen Zeit zwischen meiner Rückkehr nach Japan und den Weihnachtsferien alles über die Bühne zu kriegen. Mir würde genau ein Tag bleiben um dort alles vorzubereiten. Na, das sollte sich schon ausgehen.

 

Freitag:
Mein letzter Tag an der Columbia-Uni in New York. Dafür habe ich mir etwas besonderes Aufgehoben: in dem kleinen Deli wo ich mir immer meinen Kaffee hole haben sie eine Auslage voller köstlich aussehender Muffins und anderer Amerikanischer Gebäckwaren.
Bisher habe ich mir das immer verkniffen, und gesagt: ein anderes mal. Also heute letzte Chance!
Ich stelle fest, dass ich gar kein Geld mehr im Geldbeutel habe, aber dafür gibt's ja hier überall Geldautomaten.
Der nimmt meine Visa-Karte nicht. Noch ein Versuch. Klappt nicht. Direkt Zahlen mit der Karte funktioniert auch nicht. Ich verlasse den Laden ohne Muffin. Ohne Kaffee. Dafür mit milder Panik.

Stellt sich heraus: meine Prepaid-Kreditkarte ist einfach leer. Ich hatte die Ausgaben für Geschenke usw. einfach unterschätzt. Ich kann sie einfach wieder per Überweisung aufladen, aber in Deutschland ist jetzt schon nach Geschäftsschluss, und bis Montag passiert da gar nix.

Abends besucht mich nochmal ein Freund und wir machen einen Deal: ich zahle für die UBahn (auf meiner UBahn-Karte ist noch etwas übrig), er für das Bier. Wir haben einen netten letzten Abend in Downtown Manhatten. Dabei stelle ich fest, dass mein Handy keine Verbindung mehr kriegt. Ach ja, klar: war ein 1-Monats-Vertrag. Der ist jetzt natürlich genau aus. Kein Problem, brauch ich ja nicht mehr.



Samstag:
Alles war schon gepackt, damit ich Morgens einfach nur noch raus-maschieren muss. Das Geld auf der UBahn-Karte reicht noch um zum Flughafen zu kommen. Also brauche ich jetzt auch kein Geld mehr. Ich komme gut durch und pünktlich am Flughafen an. Also hat doch alles geklappt (bis auf den Muffin). Ende der Geschichte.

Irgendwas stimmt nicht.
Mein Flug hat Verspätung.
Außerdem hat er die falsche Nummer.
Ich gucke nochmal auf meinen Plan. Airport: New York, steht da. Gar nicht "JFK".
Der einzige andere Flughafen in New York ist LaGuardia, und der ist nur national.
Airport: New York, Newark, steht da.
Plötzlicher Druckabfall in meinem Kopf! Wo ist die Sauerstoff-Maske?
Der Rückflug geht von einem anderen Flughafen... in New Jersey...
Ich habe kein Geld, meine Kreditkarte ist gesperrt, meine UBahn-Karte ist leer, mein Handy-Vertrag abgelaufen, mein US-Visum läuft heute Nacht aus und wenn ich übermorgen nicht in Japan bin stecke ich ganz tief im Dreck.

Ruhig bleiben, die Leute am Schalter fragen. Der Flieger der von hier aus geht ist wohl schon voll, außer ich kaufe ein Business-Class ticket. Außerdem reicht die Zeit in Peking zum umsteigen nicht. Ich müsste also den Anschlussflug umbuchen... ist alles etwas schwierig wenn man für nichts bezahlen kann.

Das WLAN am JFK ist auch nicht kostenlos. Für eine halbe Stunde kann man die langsamste Option kostenlos antesten. Ich versuche meine Familie auf Skype anzurufen, aber die Verbindung ist so schlecht, dass kein einziges Wort durchkommt. Schließlich kommt mir die Idee einfach meine Handy-Nummer als Textnachricht zu schicken: vielleicht kann ich ja immer noch angerufen werden.
Bange Minuten in denen das Handy nicht klingelt. Kam die Nachricht nicht an? Kommen sie nicht durch? Endlich vibriert das Drecksding!

Ich erkläre (mit dezent aufgelöster Stimme) die Situation. Nach kurzem Kriegsrat was wir jetzt am besten machen können sie mir online einen anderen Flug buchen, sogar noch am selben Tag. Ich bin gerettet...
Und so beginnen 12 Stunden Wartezeit am Flughafen, mit schwerem Gepäck, ohne Geld und ohne Internet, dafür mit dem Gedanken, dass ich die 720 Euro für das Ticket baldmöglichst zurück zahlen sollte.

Dienstag, 24. November 2015

Vervorurteilt

Also, um ganz ehrlich zu sein: besonders scharf war ich eigentlich nicht darauf, herzukommen.
Soo großer Amerika-Fan bin ich nie gewesen. Zwar war ich schonmal da, und das war auch super, es war aber auch als kleiner Bub, reiner Tourist, und vor dem 11. September 2001.
Alles was ich danach aus den USA gehört habe war eher beunruhigend: Bürgerrechtsverletzungen, Gewalt, Rassismus, Krieg, noch mehr Gewalt, Umweltverschmutzung, Folter, Massenüberwachung.
Dementsprechend waren meine Erwartungen nicht die besten.

Aber das schöne daran trotzdem zu gehen: man kann seine Vorurteile bestätigen!
... wenn man denn kann.


Erster Blick aus meinem Fenster auf den Broadway. Der Broadway ist so lang, dass "am Broadway wohnen" sowohl Luxus als auch Armut bedeuten kann. Je höher die Hausnummer desto schlechter.


"Also da wo du wohnst, da solltest du Abends besser nicht mehr auf die Straße gehen", sagt mir ein Freund, der lange selbst in New York gelebt hat. Ja super: als freiheitsliebende Nachteule ist eine Ausgangssperre genau das was ich hören will. Zu allem Überfluss stecke ich auch noch so lange in der Passkontrolle fest, dass ich erst Nachts ankomme, übermüdet und mit schweren Taschen. Mist. Einen guten Eindruck macht die Gegend auch nicht. Dunkel und dreckig. An jeder Straßenecke lungern Gruppen von Männern herum. Mist, mist, mist, wo ist das verdammte Haus. Zweimal in die falsche Richtung gelaufen. Endlich gefunden! Safe!

Die Vermieterin gefragt ob man hier Nachts vorsichtig sein muss. Muss man scheinbar nicht, wie ich auch noch am selben Abend bei einem entspannteren zweiten Blick feststellen kann.
Die Autos sind hier viel zu schön und unversehrt als dass echte Ghetto-Stimmung aufkommen könnte. Die Leute die an auf der Straße herumlungern tun das wohl aus rein sozialen Gründen. Generell sind alle recht freundlich. Sprechen halt kein Englisch - scheint das Mexikaner-Viertel zu sein. Da muss man halt mit Handzeichen nachhelfen um dem Verkäufer zu sagen wie er das Fleisch schneiden soll. Dafür schneidet er es mir netterweise dann auch genau so wie ich es gestikuliert habe.


Über solche Kellereingänge werden die allgegenwärtigen "Deli" Mini-Märkte bestückt. Fast wie Japanische Konbinis oder deutsche Tankstellen, nur etwas schmutziger. Dafür können sie hier auch kein Englisch. Fühlt man sich also gleich wie zuhause.

Oh, wo wir schon beim Essen waren: Amerikaner sind ja gerne Zielscheibe des Spottes für ihr Übergewichtsproblem. Zumindest hier in New York kann ich das nicht bestätigen. Eher im Gegenteil: die Supermärkte sind voller Health-Food. Besonders der Proteingehalt von Essen ist hier wichtig und oft angepriesen. Protein-Shakes gehören hier zur Standard-Ausstattung jedes kleinen Supermarktes. Bis zu dem Punkt, dass sogar Starbucks Protein-Kaffees verkauft. Das erklärt auch wo die Leute die ich so im Gym treffe ihre Monster Muckis herhaben. Hab ich Monster gesagt? Den RedBull-Ersatz-Energydrink "Monster" gibt es hier auch in einer Protein Variante.


Die $1.39 betreffen den Kaffee darunter. So billig ist das Leben hier nicht.

Okay, natürlich gibt es auch dicke Leute, und genug ungesundes Zeug dass die Essen können. Während Deutsche und Japanische Supermärke immer dieselben 4-5 Schokoriegel anbieten gibt's hier ganze Regale voll von Süßigkeiten die ich noch nie gesehen habe. Und Toast der Praktisch Kuchen ist, komplett mit Rosinen drin. Und zum draufschmieren gibts Marschmellows.
Bevor ich wieder gehe werde mache ich mal einen Fress-Tag wo ich das alles durchprobiere. Wenn ich danach noch tippen kann, berichte ich darüber.


Das ist die Brotaufstrich-Abteilung. Die Schokostreusel da links sind also auch fürs Brot gedacht.

Samstag, 7. November 2015

Fernwest

In Japan wird ja jeder Student der kein Japaner ist als "Austausch-Student" (留学生) bezeichnet, selbst wenn er ganz normal eingeschrieben ist und an überhaupt gar keinem Austauschprogramm teilnimmt, selbst Leute mit Dauer-Visum die schon seit Jahren hier leben. Ist halt so.


Also bin ich, um dem ganzen einen Twist zu geben, mal ins Ausland gegangen, als Austausch vom Austausch (der gar kein Austausch ist), und zwar nach New York.

Und das kam so:


Unser neuer Hilfs-Professor ist.. naja, also... mit dem wird einem nicht langweilig. Und er hat immer große Pläne und feste (neue) Meinungen.

Sein neuester Plan: um weltweit ganz vorn mit dabei zu sein müssen wir regelmäßig Studenten ins Ausland schicken. Ist wohl so eine Networking Sache.
Ich muss dabei an den Geschichtsunterricht denken, als man im Mittelalter Politik betrieben hat, indem die Adeligen ihre Töchter an fremde Königshäuser verheiratet haben um einen Fuß in die Tür zu kriegen. Ich werde also als Prinzessin an einen berühmten Professor an der Columbia University verschachert.
Ist mir recht - etwas Tapetenwechsel kann man gut gebrauchen.


 So einfach geht das aber natürlich nicht. Erstmal muss man sich durch die Bürokratie durchwursten und ein Visum kriegen. Wieso ein Visum? Als Deutscher kann ich doch auch so für ein paar Wochen in die Staaten, oder? Ja, aber dann kann die Uni mich nicht offiziell als Austauschstudenten (genauer gesagt: "Short-term Scholar") annehmen. Nicht dass sie mir Geld zahlen würden (Hallo, Mitgift funktioniert anders 'rum!), aber ohne Papierkrieg macht's keinen Spaß.

Also Formulare ausfüllen, Gebühren zahlen, zum Konsulat gehen.

Vom Konsulat wieder weggeschickt werden weil man was falsch gemacht hat und der Passierschein A38 fehlt. Zwischen zwei Konferenzen im Starbucks sitzen und 99Fragen über mich beantworten, die ich selber gar nicht über mich weiß, und daher meinen eigenen Lebenslauf herauskramen muss.

Wieder zum Konsulat gehen, reingelassen werden. Typisch Amerikanisch ist das Ding eine Festung. Nichmal mein Handy lassen sie mir. Nach 3 Minuten "Interview" (dass mich ne Stange Geld gekostet hat) dann die gute Nachricht: Visum wird erstellt.

Westen, ich komme.


Nur das der Westen hier im Osten ist. Obwohl ich über Peking fliege (Air China war mal wieder billigste Option), ist die Flugroute über Alaska und Kanada der kürzere Weg. Ich fliege also nochmal an Japan vorbei, und komme eine halbe Stunde später in New York an.
Normalerweise fliegen Flugzeuge ja nicht schneller als die Erdrotation, aber da ich jetzt nach Osten fliege (also über die Datumsgrenze) gelingt mir beinahe ein Zeitsprung: Abflug 13:00Uhr, Ankunft 13:30.
Von Sitznachbarn mit kleiner Blase und dauer-weinenden Babys nur unwesentlich angeschlagen stehe ich noch eine gute Stunde in der Schlage um mein Visum angeschaut zu bekommen. Irgendwann zieht mich jemand aus der Reihe und stellt mich in eine extra Schlage: sie wollen die Leute aus dem AirChina Flug endlich durch die Schleuse haben, damit wir unser Gepäck endlich vom Gepäckband nehmen. Naja, mir solls recht sein.

Und so komme ich erst gegen 18:00 in meiner neuen Bleibe an...

(Nein, dass ist nicht meine neue Bleibe.)