Dienstag, 28. Juni 2016

BewegDing (2)

Okay, okay, Sie mögen keine Insekten, hab ich kapiert. Wie wär's mit Waschbären? Ja, es gibt hier Waschbären, aber erst seit ein paar Jahren. Und zwar kamen die, wie sollte es anders sein, wegen einer Zeichentrick-Serie.
Was? Nein, nicht weil die Waschbären so gerne Animes gucken wollten (das verwechseln Sie mit einer anderen Tierart: dem "weißen männlichen Nerd", die Sie hier ab und zu treffen... und deren Blogs Sie lesen).
Nein, umgekehrt: es gab hier eine Zeichentrick-Serie über einen Jungen und seinen Waschbären (angesiedelt in Amerika), die so beliebt wurde, dass über tausend Waschbären als Haustiere importiert wurden. Die sind dann ausgebüchst oder ausgesetzt worden und haben sich - wie Waschbären das so können - an die Lebenssituation hier angepasst. (worin sie bekannterweise besser sind als der gemeine "weiße männliche Nerd").
Unlängst habe ich mir die Serie auch mal angeschaut, und kann berichten:
(a) einen Waschbären als Haustier zu haben sieht wirklich verdammt lustig aus
(b) auf Japanisch heißen Waschbären auch "Waschbären" (洗い熊, Arai-Guma, also: waschender Bär)
(c) ich habe nie darüber nachgedacht, warum Waschbären "Waschbären" heißen, aber scheinbar neigen die wirklich dazu, alles erstmal in Wasser zu waschen bevor sie es essen - was verdammt putzig aussieht.
Eine Szene aus dem Anime ist dann so berühmt geworden, dass sie vielen Japanern in meiner Altersgruppe heute noch geläufig ist: darin geben sie dem Waschbären ein Stück Würfelzucker zum essen. Es kommt wie's kommen muss, und der kleine Racker versucht den Zucker zu putzen... die herzzerreißende Szene die folgt kann man sich sich ausmalen... oder mit einem echten Waschbären ausprobieren:



Ich selbst bezeichne mich für gewöhnlich als Hirsch.
Das ist so ein Witz den ich immer bringe wenn ich Leute in Osaka treffe.
Weil ich in Nara wohne, und Nara für seine Hirsche berühmt ist. Also halte ich meine Hände an den Kopf um ein Geweih darzustellen und sage ich bin ein Hirsch.
Haha.
(Dabei gibt's in dem Teil von Nara in dem ich wohne gar keine Hirsche. Aber ich kann ja schlecht sagen "ich bin ein Reisfeld").
Finden die Leute nach vier Jahren immer noch witzig, weil es ja immer andere Leute sind.
Aber eigentlich mag ich die Hirsche nicht besonders, weil ich vor Jahren mal meiner Schwester eine Geburtstagskarte schicken wollte, und dafür in den Park gegangen bin um eine zu zeichnen.
Es war ein schöner Tag und ich saß so idyllisch zwischen den Hirschen und zeichnete, und die Hirsche haben ständig versucht, mein Papier zu fressen.
Kunstbanausen.


So, den letzten Eintrag hatte ich damit abgeschlossen, dass Sie mal über das Japanische Wort für Käfer lachen konnten. Aber da kann ich noch einen 'draufsetzen.
Hier gibt es nämlich auch Angsthasen.
Aber das sind im Japanischen keine "Hasen", sondern "Käfer".
Und zwar: weine-Käfer.
Weinen heißt auf Japanisch "naku (泣く)", und so heißt der weine-Käfer...
...Naki-Mushi. (泣き虫)

Ja, wirklich.
Okay, nicht wirklich. Vom Verhalten her ist der Naki-Mushi eher eine Heulboje als ein Angsthase, aber dann hätte das hier nicht so schön reingepasst.



 Nachtragend: ich hab im Supermarkt mal das Regal mit den Käfer-Utensilien photographier.

Donnerstag, 16. Juni 2016

BewegDing (1)

Ja, also Entschuldigung, dass die Blog-Einträge momentan so zögerlich kommen.
Aber Sie müssen verstehen, nach 125 Einträgen muß ich mittlerweile schon ganz genau hinschauen um noch etwas zu finden, dass ich ihnen noch NICHT erzählt habe.

...
Na gut, so genau hinschauen mußte ich dann doch wieder nicht. War ja groß genug der Hoschi, der mir heute Morgen über den Schulweg gelaufen ist:


Ja, diesmal geht's um Viechzeug. Oder "Bewegt-Dinger" (動物 Do-Butsu), wie die Japaner ihre Tierwelt liebevoll nennen. 

Wie sie ja gerade schon sehen konnten, die Insekten hier sind eine Nummer größer ausgefallen.
Gottseidank ist nichts gefährlich Giftiges dabei.
Außer dieser Australischen Austauschstudentin-spinne über die ich vor sechs Jahren schonmal berichtet habe. Ja, die gibt's immer noch. Ich habe Sie in all den Jahren aber nur einmal getroffen. Und zwar als ich mitten in der Nacht nochmal ins Labor wollte (weil: wenn man nur drei Stunden schläft, kann man zu den lustigsten Zeiten arbeiten), aber zu müde war die 10 Minuten zu Fuß zu gehen. Also habe ich mein altes Fahrrad abgestaubt, welches ich kaum noch verwendet habe seit ich mir ein Auto zugelegt habe. Das war natürlich kräftig eingewoben. Jetzt habe ich Spinnen zwar immer geduldet, aber nie an meinem Körper haben wollen. Also nehme ich ein kleines Stöckchen aus dem Gestrüpp um die Untermieter aus meinem Fahrrad zu entfernen. Das war eine gute Idee, weil die Mieterin in Apartment 23, zwischen den Pedalen und dem Hinterreifen war überraschen groß und ziemlich Rot am Hintern...
Gut, gestorben wäre ich jetzt auch nicht, aber laut Wikipedia hätte sie mir schon Bauchschmerzen bereiten können - wörtlich.



Was den Japanern hier mehr Angst einjagt sind die Hundertfüßler - die sind hier natürlich etwas größer und gefährlicher ausgefallen als die Deutschen Vettern, aber nicht häufiger. Aber ehrlichgesagt erzähle ich das nur, weil ich an einen früheren Eintrag über Japanisch und Chinesisch anknüpfen wollte. Man kann die Dinger hier nämlich als "hundert" + "fuß" (百足) beschriften. Ich schreibe absichtlich "beschriften", weil, ansprechen kann man sie so nicht. Die Japaner nennen sie "Mukade", und da steckt kein einziger Fuß im Namen. Sie benutzen einfach nur die Schriftzeichen für "hundert" und "Fuß", weil... naja, was würden Sie machen wenn sie kein eigenes Schriftsystem haben, aber wissen, dass das "c" in "cm" für hundert steht, und ein einzelner 'Apostroph die Maßeinheit "Fuß" bezeichnet? Genau: die Schreiben c' und sagen weiter Hundertfüßler. Naja, mittlerweile haben die Japaner ja ihr eigenes Schreibsystem und schreiben daher öfter einfach "ムカデ" (also Lautschriftlich "mu-ka-de").

Okay, reden wir von netteren Insekten. Zum Beispiel vom Kabuto-Käfer. Schon der Name ist cool (Kabuto ist der Helm der Samurai-Rüstung), sie sind beeindruckend groß, und wenn man sie lässt, dann führen sie sogar einen Sumo-Ringkampf auf. Dazu setzt man einfach zwei Männchen auf einen Baumstumpf und schon versuchen die sich gegenseitig herunter zu schubsen. (Achten Sie darauf nicht versehentlich ein Weibchen in den Ring zu setzen, sonst führen die einen ganz anderen Ringkampf aus.)
Wen wundert es da, dass der Käfer ein beliebtes Haustier für Japanische Jungs ist. (Bei der beengten Wohnsituation ist an Hunde ja kaum zu denken. Außerdem können Sie Hunde nicht einfach im Park von einem Baum pflücken und mit Heim nehmen). In jedem 100Yen Markt gibt es daher eine kleine Abteilung mit den nötigen Utensilien, Terrarien, etc, die Sie als werdender Käfer-Trainer brauchen.


Oh, fast hätt'  ich's vergessen zu erwähnen!
Damit Sie auch noch was zu lachen haben: "Käfer" (oder allgemeiner "Insekt", oder "Kleintier"), heißt im Japanischen "Mushi".
Jap, "Mushi".
...
Schönen Tag noch.

Montag, 30. Mai 2016

Zeitmacher

Und... los!
Der Tag hat 24 Stunden.
Das ist Gottes Gerechtigkeit: keiner kriegt mehr, keiner weniger, und keiner kriegt zurück was er mal verbraucht hat.
Man kann also unmöglich mehr machen als man ohnehin schon macht. Man kann nur andere Sachen machen... oder Sachen anders machen.
23 Stunden 59 Minuten...



Freizeit wird immer als erstes weggeschnitten.
Meine Schwäche sind alte Computer-Games. Die, die ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr gespielt habe oder damals immer spielen wollte aber nicht konnte, weil der 80386er 2MB zu wenig Speicher hatte oder so. Bei neuen Spielen kann ich mir einreden, daß die bestimmt blöd sind. Bei den Klassikern weiß ich was ich verpasse. Dummerweise gibt es eine Website, bei der sie genau solche Goldies wieder zum laufen bringen und dann recht günstig verkaufen. Ich habe aber keine Zeit zum zocken! Dann gehen die aber mit dem Preis nochmal etwas runter... für begrenzte Zeit: ein Sonderangebot. Naja, irgendwann werde ich wohl mal wieder Zeit haben. Da könnte ich ja auf Vorrat kaufen...
Ich hadere ein paar Tage mit der Entscheidung während das Sonderangebot langsam abläuft. Auf den letzten Drücker entscheide ich: doch! Muss sein! Ich logge mich ein .... und der "Kaufen" Button wird grau...
Ich erinnere mich dunkel, dass die dasselbe Sonderangebot schonmal letztes Jahr hatten. Damals hatte ich mir wohl gedacht: scheiß drauf! Irgendwann werde ich wieder Zeit zum zocken haben! Gekauft!... Ich hatte das Spiel dann für ein Jahr lang nichtmal herunter geladen.
Die Freude über das "gesparte Geld" mischt sich mit der dunklen Vorahnung mich hier nächstes Jahr wieder zu treffen. "Irgenwann bleibt Zeit das Ding zu zocken! Ganz bestimmt... bitte, bitte, bitte!"


Pausen kann man super optimieren. Normalerweise macht man in Pausen mehr oder weniger dasselbe das man auch während der Arbeit macht: Monitore anstarren, vielleicht mal mit Leuten reden. Kein Wunder, dass man danach nicht erholt ist.
Da gibt es eine bessere alternative:
Meditation.
Das reinigt den Geist, wie ein Comuter-Neustart. Danach geht wieder was!

Das geht so: man hockt sich hin, stellt sich einen Wecker für 10 Minuten, macht die Augen zu und denkt an... nichts...
...
das geht 10 Sekunden lang gut, dann denkt man wieder an etwas, bevorzugterweise an Arbeit.  Mist. Ruhig bleiben! Wieder zur Besinnung kommen. Auf den eigenen Atem konzentrieren. Hahhhh...
Ich schaue mir selbst beim Atmen zu, ohne bewußt zu atmen.
Es ist schwierig loszulassen und den Körper selbst atmen zu lassen.
...hahh....
Mir wird klar, dass da jemand mit mir in meinem Kopf ist... der atmet für mich, aber das bin nicht ich... der macht allerhand Zeug ohne dass ich es mitkriege. Er sagt aber nichts... komischer Kerl. Verdammt, ich denke ja schon wieder!
...hahh...
Ich schiele auf den Wecker. 10 Minuten sind so verdammt lang wenn sich sie mit mir selbst verbringen muss-- uuuund, schon wieder gedacht!
...hahh...
Mir wird klar, dass wir nicht alleine in meinem Kopf sind. Jemand ist da, der die ganze Zeit redet (also: Worte denkt), aber das bin nicht ich... Der denkt den ganzen Tag allerhand wirres Zeug ohne dass ich ihn stoppen könnte... ich beobachte den Stummen beim atmen und den Redner beim Quasseln... und dann frage ich mich wer die beiden beobachtet...
PIEP PIEP PIEP!
Gottseidank! Zurück an die Arbeit.



Es geht ans Eingemachte.
Zeit zum schlafen bleibt nicht mehr. Ein Freund weiß Rat: "Polyphasischer Schlaf". Man schläft nur noch drei Stunden pro Nacht, macht dafür ein paar Nickerchen am Tag, bleibt insgesamt bei 4 Stunden Schlaf, hat also 2-3 Stunden extra. Klingt super! Probiere ich aus.
Es dauert ein bisschen bis man sich daran gewöhnt.
Die Leute gucken verwundert, dass ich jetzt immer Nachts rein komme, und trotzdem morgens der erste im Labor bin. Fragen tun sie mich nicht. In einer Welt in der "Montag bis Freitag, 8:00-18:00" als apokalyptische Dystopie für "die Zeit nach dem Studium" gehalten wird, war ich schon als Einäugiger König.
Um die Nickerchen möglichst effizient zu gestalten, stecke ich mir Kopfhörer rein und lasse Selbsthypnose mp3s laufen. Ich bezweifle, dass das irgendwas bringt, weil ich sofort im Tiefschlaf bin. Aber der arme Hypnotherapeut müht sich trotzdem ab meinem schlafenden Leib einzureden, dass er voller Energie und Selbstvertrauen sein soll!
Nach ner Zeit funktioniert das eigentlich ganz gut. Ich bin konzentriert bei der Arbeit, nicht mehr gereizt als ohnehin schon, und sogar beim Sport kann ich keinen Leistungsverlust feststellen.
Dann kommt das Wochenende und mit fällt ein schwerer Fehler im Konzept auf: Soziales ist total unvereinbar mit der Verpflichtung, Nickerchen zu machen. Selbst wenn ich meinen Freunden klar machen könnte, dass ich jetzt mal schnell ne halbe Stunde schlafen muss, wo soll ich denn in Downtown Osaka so schnell eine ruhige Ecke finden? Also fällt das ganze wieder in sich zusammen, ich schlafe wieder 6 Stunden wenn ich Heim komme, bin das Wochenende über wieder müde und unkonzentriert, und muss am Sonntag wieder von vorn anfangen. Bis Mittwoch bin ich wieder drin. Donnerstag hätte ich wärend dem Kung-Fu Unterricht schlafen müssen. Freitag ist wieder aller beim Teufel.
Ich rechne mir aus, dass die Zeitersparnis nicht reicht um die Umstellungsphasen zu rechtfertigen und gebe auf.
Egal. Irgendwann fällt mir schon wieder was ein, wie ich mehr Zeit machen kann...

Sonntag, 15. Mai 2016

Sinojapanisch

Es hat mich einige Jahre gebraucht, aber irgendwann habe ich dann verstanden warum Japanisch so schwer ist.
Der Grund ist: Japaner versuchen ständig Chinesisch zu sprechen... können es aber nicht.

Die Geschichte ist das ganz schnell erklärt: früher früher früher, da hatten die Japaner schon ihre eigene Sprache, aber Schrift war noch nicht so - und die Kultur überhaupt, da gabs' noch Nachbesserungsbedarf.
Also haben sie gemacht, was jeder fleißige Student macht, und beim Nachbarn abgeschrieben. Und China war damals gerade der Klassenprimus. Aber Chinas Pult war etwas weiter weg, also hat man viel von Korea abgeschrieben, der näher saß und seinerseits von China abgeschrieben hat.
Über diesen Umweg haben viele chinesische Worte ihren Weg ins Japanische gefunden, und zwar falsch. Falsch ausgesprochen vor allem, weil, also wenn der Deutsche "Pommes Frittes" sagt, spricht er das "-es" am Ende ja auch mit aus. (Ja, gut, Sie nicht, sie haben Abitur. Aber wenn sie mit ihren Pomm Fritt fertig sind gehen Sie auch auf die Toilette, die mit "-e" am Ende, ne?). Und weil die Chinesen zwischen sehr vielen Lauten und Betonungen unterscheiden, die Japaner alle nicht haben, klingt im Japanischen alles gleich... falsch.



Okay, also haben die Japaner sich ein Alphabet eingebrockt, dass nicht auf ihre Sprache passt. Das ist uns auch passiert, weshalb wir in Europa alle angefangen haben lustige Punkte und Striche über lateinische Buchstaben zu pappen. Die Japaner haben auch irgendwann ihr eigenes Schriftsystem entwickelt, aber erst sehr viel später. Bis dahin haben sie einfach angefangen, chinesisch zu schreiben und stur zu behaupten da stünde etwas Japanisches. Mein Lieblingsbeispiel ist 今日, was "Heute" heißen soll. Japaner lesen: "kyo". Sie merken: das ist nur ein Laut, aber zwei Schriftzeichen.
Also anders gesagt: Sie schreiben "Manufaktur", sprechen es aber "Handarbeit" aus. Auch wenn das offensichtlich nicht da steht. Aber man hatte einfach früher keine anderen Schriftzeichen um "Handarbeit" schreiben zu können, also hat man sich auf diese Schreibweise geeinigt.

Die Angewohnheit, ein anderes Wort zu schreiben als man liest, hat einen lustigen Nebeneffekt: Autoren (vor allem von Comics) schreiben gerne getrennt nebeneinander was ein Charakter sagt, und was er meint. Zum Beispiel den Namen einer Figur (die gemeint ist) und eine Beleidigung (was der Sprecher wirklich gesagt hat). So kann man sich mehr Freiheit mit dem Dialog nehmen, ohne das der Leser verwirrt ist was gemeint war. Das sollte ich in meinem Blog auch mal einführen - lesen Sie statt "Blog" einfach immer "Nörgel-Brett".

Da wo der Pfeil hinzeigt, denkt die Figur an einen "Soulmate". Weil das Wort Japanern aber nicht geläufig sein dürfte, wurde es mit "Seelen-Freund" unterlegt.


Wenn man also verstehen will warum die Japaner schreiben was sie schreiben, muss man Chinesen fragen.

Manchmal machen die Schriftzeichen nämlich total Sinn. Etwa 吠, "bellen" (wie ein Hund).
Der linke Teil davon ist nämlich einfach 口, "Mund", der rechte ist 犬, "Hund". Der "Hund-Mund" also, die Mundart der Hunde. Super einleuchtend.
Probieren wir das gleich nochmal: 鮮, "frisch". Der linke Teil ist 魚, "Fisch", der rechte Teil 羊, ist "Schaf". Das "Fisch-Schaf" also. Also Moment mal, den frischen Fisch lasse ich mir ja noch eingehen, aber was ist an Schafen den frisch? Japaner können mir das nicht beantworten. Sie fangen nur an zu lachen, wenn ich frage: "hey, ist mir ja noch nie aufgefallen". Du hast dein Leben lang "Fisch-Schaf" geschrieben wenn es um Frische ging und das ist dir nie aufgefallen? Ich frage also einen Chinesischen Kommilitonen. "Suppe", erklärt der mir. Wie meinen? "Suppe. Fischsuppe schmeckt total frisch und Schafsuppe schmeckt auch total frisch." Also kombinierten sie die beiden Gerichte mit dem frischesten Geschmack, und das Wort wurde dann später für alles andere Entwendet, unter anderem Bier, wo ich das Zeichen dann zum ersten mal gesehen habe (und froh war, dass das Bier weder nach Fisch noch nach Schaf geschmeckt hat).

Eine andere chinesische Freundin erzählt mir ihr Lieblingswort ist das allgegenwärtige 大丈夫, was so viel heißt wie "in Ordnung", "kein Problem", oder "passt scho". Gauben zumindest die Japaner. Die Chinesen lesen da "dicker fetter Ehemann". Naja, wenn der Ehemann stattlich gebaut ist, wird im Haus wohl auch alles in Ordnung sein.

Mein persönlicher Favorit ist aber das 手紙 "Hand Papier". Japaner nennen so ihre Briefe. Chinesen nennen so ihr Klopapier. Der Unterschied ist oft inhaltlicher Natur.

Jedenfalls sind Chinesen jetzt meine ersten Ansprechpartner wenn ich Fragen zu meinem Japanisch habe. Besonders seit ich gehört habe, dass eine chinesische Bekannte den berüchtigten JLPT1 Sprachtest bestanden hat - ohne überhaupt Japanisch sprechen zu können. Sie konnte einfach anhand der Schriftzeichen die richtigen Antworten erraten.

Mittwoch, 27. April 2016

Ordentliche Hüter


Nein, er will noch nicht gehen!
Er will noch 'n bisschen Party.
Hey! Mädchen! Lass da mal reingehen!
Dame des'! (*jap: nee, is nich')
Die blaue Wand die ihm schon seit 50 Metern folgt lässt ihn nicht durch.
Wie Verteidiger im Basketball stehen sie um ihn herum: 5 Polizisten in adretten Uniformen, mit weißen Handschuhen, wie Museumswärter sie tragen wenn sie Ausstellungsstücke anfassen.
Dabei fassen sie ihn überhaupt nicht an. Sie lassen ihn nur nicht durch.
Er grummelt und diskutiert ein bisschen, dann geht er wieder weiter in die einzige Richtung die sie ihm offen lassen - das heisst wo sie ihn gerne hin haben möchten. Nämlich raus aus Kiyamachi, der Amüsiermeile in Kyoto.
Weit kommen sie mit ihm nicht, weil ihm wieder einfällt, dass er noch nicht gehen will. Hey! Da drin ist Party! Aber da steht die Wand schon wieder...
Sicherheitshalber folgen ihm jetzt noch zwei Extra-Polizisten, um im Notfall... auch im Weg stehen zu können.
Er raunzt die Polizisten etwas an, die zeigen sich unbeeindruckt. Ich versuche nicht zu sehr zu lachen als ich mir vorstelle, wie er das in Deutschland oder gar den USA probieren würde. Ich wette er könnte bald alle Stadtteile von München am Geschmack des Asphalts erkennen, oder alle Hersteller Amerikanischer Elektroschock-Pistolen am... aber er hat ja das Glück im Land mit den entspanntesten Polizisten zu leben.




Besonders relaxt sind hier auch die uniformierten Herren in ihren Streifenwagen (und auf Motorrollern. Ja, es gibt hier offizielle Polizei-Vespas).
Die lassen selbst mit Blaulicht gerne noch ein paar Fußgänger über den Zebrastreifen und warten grundsätzlich an roten Ampeln.

Ich fahre Nachts nach Osaka rein... zum.. ähh... japanisch Lernen (irgendwie nicht mal gelogen).
Ich komme in eine Alkoholkontrolle.
Aussteigen muß ich dafür nicht, nur kurz bremsen (ich bin mir nichtmal sicher ob meine Reifen 100% still standen) und auf ein Gerät "drauf pusten". Ich frage mich wie das meinen Alkoholpegel sinnvoll messen will. Dann fällt mir wieder ein, das in Japan JEDER Alkoholpegel zu hoch ist, inklusive Eierlikör-Krapfen. Netter Nebeneffekt dass dadurch Alkoholkontrollen einfacher werden.

Ich fahre Nachts von Osaka zurück, weil: genug Japanisch gelernt.
Auf einmal, hinter mir, Blaulicht!
...
Mist, auf diese Art von Japanischunterricht habe ich keine Lust.
...
Blaulicht, aber keine Kelle, keine Sirene. Mir wird reichlich komisch, als mir einfällt, dass ich keine Ahnung habe wie die Polizei hier Leute anhält. Machen die das so wie in den USA, dass sie nur das Blaulicht anmachen? Soll ich ihn vorbei lassen?
Auf der Straße gibt's nicht wirklich eine gute Gelegenheit zu halten, aber er versucht auch nicht zu überholen. Ich bin verwirrt und kriege leichte Panik. Er fällt etwas zurück. Mir fällt auf, dass ich etwas zu schnell fahre. Also fahre ich wieder langsamer. Ich denke mir: du Idiot, warum fährst du langsamer! Jetzt machst du dich doch erst recht verdächtig! Ich schwitze. Der Polizist tut nix, fährt mir weiter mit Blaulicht langsam hinterher. Wir kriechen gemeinsam durch die Nacht...

Endlich komme ich an eine Kreuzung und biege einfach mal links ab. Der Polizist fährt gerade aus weiter. Ich Ahmte so tief durch, dass die Scheiben beschlagen.




Das liest sich jetzt so als ob Polizisten in Japan nur begrenzt einsatzfähig seien. Dem ist aber wohl nicht so. Ich habe hier ja schonmal erzählt, dass sogar Taschendiebe danach streben, Meister ihres Faches zu sein. Das gilt wohl auch für die Gendarmen.
Meister Wald stellt mir seinen Freund vor, der Polizist ist und von sich behauptet, die betrunkenen Fahrer aus dem Straßenverkehr picken zu können ohne hinschauen zu müssen. Er erkennt sie am Motorgeräusch.
Der Motor klingt nämlich dezent anders wenn der Wagen gerade erst gestartet wurde, als wenn er schon ein bisschen warmgelaufen ist. Er wartet also am Ende der Amüsiermeile und horcht. Warme Autos sind durch die Amüsiermeile durchgefahren ohne zu halten. Kalte Autos tragen ihren Besitzer von der Bar nach Hause...

Ob das stimmt kann ich nicht sagen, aber dieser Freund von Meister Wald macht sogar Meister Wald Angst, also hake ich lieber nicht nach.

Donnerstag, 21. April 2016

Vertragen

Wir sind Weltmeister. Fußball-Weltmeister vor allem, aber auch in anderen Sachen. Bürokratie zum Beispiel. Und das schönste Beamtendeutsch haben wir auch.
Glauben wir.
Gott Staatsapparat sei Dank gibt es dafür keine Weltmeisterschaft. Da würden wir die Brasilianer zwar genau so ausziehen, aber im Finale von den "Samurai Blue" nach Strich und Faden Recht und Gesetz zur Beamtensau gemacht werden.
Erfahrungen aus dem Japanischen Vertragswesen...
(...mit diesem Satz allein habe ich 90% meiner Leserschaft vergrault)
 



Wenn Sie ihren Arbeitsvertrag gelesen haben (ganz, nicht nur den Teil mit Gehalt und Urlaub!) haben sie bestimmt ein Stündchen gebraucht, oder?
Lächerlich.
Der durchschnittliche Japaner hat den in einer Minute durch.
Ist ja auch nur 10 Zeilen lang.
Die Verträge sind nämlich irgendwann soo lang geworden, daß man den ganzen Vertrag aus dem Vertrag heraus genommen hat, und in einen separaten Wälzer gepackt hat, den sie "Arbeitsregeln" nennen. Da ist dann alles drin vermerkt, was man immer schon mal niederschreiben wollte, aber das Papier alle war. Gehalt natürlich, wann und wie gearbeitet werden muß, Urlaub, der sich nach bestimmten Regeln jedes Jahr um einen Tag verlängert, was die Firma darf  (alles) und der Arbeiter nicht darf (sich beschweren), ob Verkehr eine Ausrede ist nicht zur Arbeit kommen zu müssen (nur für die Frau, und auch nur dann wenn er zu Nachwuchs führte) und all die anderen Sachen die Sie in ihrem Vertrag auch nur Quergelesen haben. Die Regeln müssen beim Amt beglaubigt werden und gelten dann für alle Beschäftigten. Also keine Chance um ein paar mehr Tage Urlaub zu pokern beim Bewerbungsgespräch!
Im eigentlichen Vertrag stehen dann nur noch ihre Name, wann Sie anfangen dürfen, und wann sie wieder aufhören sollen. Der letzte Punkt ist extrem wichtig. Es ist nach Japanischem Recht fast nicht möglich Angestellte zu feuern weg-rationalisieren, außer die haben echt Scheiße gebaut. Wer genaueres wissen will, dem sei das Buch "Mit Staunen und Zittern" empfohlen: Memoiren einer Frau, die ein ganzes Jahr nutzlos ist, bis ihr Vertrag endet. Denn so lösen Japanische Arbeitgeber das Problem: Verträge werden fast immer befristet, und nur für die Leute zu verlängern, die man im April bei der Firmen-Kirschblüten-Party wieder dabei haben will. (Ach, der Herr Sato ist doch immer so gesellig!)



Ja, Sie merken schon, in letzter Zeit habe ich mich etwas mehr mit diesem Zeug beschäftigt. Warum, darf ich Ihnen noch nicht sagen. Ich kann Ihnen aber sagen, dass ich ein neues Lieblingsspiel habe: ich gehe aus, lerne Japaner kennen, und wenn die etwas angetrunken sind, hole ich meine Japanisch-Lern-App heraus, und teste sie auf die Schriftzeichen, die ich aus Vertragstexten gelernt habe. Die meisten halten so 5 bis 6 Stück durch, bevor sich die Stirn in Falten legt, und sie zugeben müssen, ihre Arbeitsregeln oder Mietverträge nie wirklich gelesen zu haben. Eine behauptete gar steif und fest, "Satzung" sei kein echtes Schriftzeichen.
Wenn sie also das nächste mal an Beamtendeutsch nagen, freuen sie sich, daß sie wenigstens alle Worte lesen können. (So lange, bis die Deutsche Bürokratie -Nationalmannschaft zu ihrem "Paragraphen-Zeichen" ein paar Erweiterungen einführt. Lachen Sie nicht! Die Mathematiker helfen gerne mit ein paar Symbolen aus, die kein normaler Mensch lesen kann).


Wenn man sich dann mal durch die Verträge durchbeißt, fallen einem zwei Punkte auf, die außerordentlich breit und gewissenhaft diskutiert werden. 
Das Erste was ist die Abhandlung von Naturkatastrophen, womit vor allem Erdbeben gemeint sind. Danke, ich fühle mich gleich viel sicherer im 11 Stockwerk!
Das Zweite sind Regeln betreffend "antisozialer" oder "gewalttätiger" Gruppen. Damit sind die Yakuza gemeint. Im Gegensatz zu den Erdbeben ist das wohl eher neu. Also, die Yakuza hat's schon früher gegeben, aber sie tauchten nicht in deinem Mietvertrag auf. Erst um 2010 fanden die Leute das man Gangstern mal das Leben schwer machen könnte, in dem man ihre Vereinigungen verbietet und Bürgern vorschreibt nicht mit ihnen zu verkehren. Ob das so viel Effekt weiß ich jetzt nicht. Für mich lesen sich die Klauseln, wie daß ich kein Yakuza-Mitglied werden und denen kein Geld geben darf etwas überflüssig. Andererseits hilft daß vielleicht den Regel-Freudigen Japanern eine Ausrede zu geben kein Schutzgeld zu zahlen. "Würde Ihnen ja so gerne Geld geben, aber Sie müssen verstehen: mein Vermieter.... möchten Sie mir ersatzweise vielleicht gerne die Beine brechen? Nein? Okay."

Donnerstag, 31. März 2016

Gefangener der Maschinen

Psst! Hey! Können Sie das hier lesen? Ich habe nicht viel Zeit, denn DIE sind sicher schon hinter mir her! Wer? Die Maschinen! Die halten mich als Geisel bis ich ihre perversen Wünsche erfülle. Geld wollen sie! Immer Geld! Denn dafür sind sie gebaut!
Nein, das ist kein Dystopie-Science-Fiction-Roman!
Das ist mein Alltag!


Das fing ganz harmlos an. Als ich den Zug genommen habe. Eigentlich zahlt man in Japan sein Zug-Ticket ja beim betreten des Bahnhofs. Dazu gibt es da Automaten, denen man sagt wohin man fahren will, und auf Bezahlung ein Ticket drucken. Damit kommt man dann durch die Schranke in den Bahnhof. Wichtig ist das Ticket nicht zu verlieren, weil man bei der Ankunft am Zielbahnhof das selbe Ticket wieder in die Schranke stecken muß. Sonst kommt man nicht raus. Falls man sich im Bahnhof geirrt hat kann man an einem anderen Automaten den Restbetrag nachbezahlen.

Aber das ist natürlich für Amateure! Ich habe mir gleich eine IC-Karte zugelegt. Das ist so eine Geld-Karte mit der man einfach durch die Schranke durchmarschieren kann... wenn denn genug Geld drauf ist. Sonst macht die Schranke laut "Meep!" und bleibt zu. Da man sich angewöhnt hat einfach durchzugehen, läuft man also dagegen. Man zieht seine Beine wieder aus der Metallabsperrung und drängelt sich zurück durch den Pulk an genervten Anzugträgern die sich sofort hinter einem bildet, wenn man den natürlichen Menschenfluss unterbricht. Dann sucht man sich einen der Automaten innerhalb des Bahnhofes wo man die Karte wieder aufladen kann und erkauft so seine Freiheit.



Jetzt haben sie auch noch meine Geliebte versklavt! Eine Stahlkralle hält sie hier Gefangen. Der Automat blinkt mich warnend an. Ich muß Auslöse zahlen. Erst dann läßt die Kralle ab, und ich kann mein geliebtes Töff-töff vom Parkplatz befreien...

Auch wenn Sie ihr eigenes Verkehrsmittel verwenden entkommen Sie die dem "Geld für Freiheit" Prinzip nicht. Denn hier gibt es keine Politesse die Sie mit einem Zettel entkommen läßt. Denn nahezu alle Parkmöglichkeiten gehören privaten Firmen, und die warten nicht gerne auf ihr Geld. Also haben die Parkplätze eingebaute Wegfahrsperren. Meist hebt sich dazu ein Metallenes Schild oder ein Greifarm hinter einem der Reifen und hindert einen so am Wegfahren.
Das Problem: bezahlt wird natürlich nach geparkter Zeit. Wenn sie also jetzt nicht genug Geld haben, müssen Sie nachher noch mehr Geld haben! Ob das Auto irgendwann entfernt wird oder einfach verkauft wenn die Parkgebühr den Marktwert übersteigt, habe ich noch nicht feststellen können.
Mit dem Fahrrad sind Sie meist auch nicht besser dran. Nur, dass man den Vorderreifen leichter abmontieren und den Rest mit nach Hause nehmen kann...



Ich bin in einem fensterlosen Raum. Die Beleuchtung ist schummrig. Oder vielleicht hätte der Raum sogar ein Fenster... doch egal ob das Paneel an der Wand nur zierte ist, es ist jedenfalls verriegelt. Der einzige Ausweg ist die Tür, doch die lässt sich nicht öffnen. In dem kleinen Windfang ist ein Automat eingebaut. Die Maschine stellt Forderungen für meine Freiheit! Und ich bin nicht allein... jemand ist mit mir in diesem Zimmer...

Wenn Sie wie ich auf dem Land leben, haben Sie ein Problem. Sie müssen in die Stadt zum Spaß haben. Wenn Sie in der Stadt sind und mit einer zweiten Person gemeinsam Spaß haben wollen, haben sie ein Problem. "Hey, lass uns schnell zu mir nach Hause fahren und ähh, einen Film gucken! Sind nur 60 Minuten Zug plus 30 Minuten Fußmarsch durch die Finsternis!". Da würde ich ja selbst die Lust auf einen... ähh, Film verlieren.
Gott sei Dank Aufklärung sei Dank kann man sich ja schnell ein Hotel nehmen. Die haben auch immer einen Fernseher!
Und da kann man sich das Zimmer auch erstmal einfach so 'raus suchen, ohne lange Buchungsverträge. Doch sobald die Tür ins Schloss gefallen ist, ist man gefangen. Dann muss man de Automaten an der Tür mit Geldscheinen milde stimmen, um das Tageslicht Neonlicht wieder sehen zu dürfen...

Andererseits, wenn ich schon einen grausig unangenehmen Moment haben muss, über die Bezahlung von "Zweisame Privatsphäre, Stundenweise" diskutieren zu müssen, dann doch lieber beim verlassen der Bleibe...

 Nein, das ist nicht der Automat. Aber auch ein Automat, und einer den man immer schon auf dem Nachtkästchen haben wollte...