Montag, 30. Juni 2014

Sommermode

Ja, es ist mal wieder so weit: der Sommer ist da und ich schwitze wie ein Schwein (können Schweine überhaupt schwitzen? Nicht so gut wie ich auf jeden Fall!).
Denn mein Klimaanlagen-Boykott geht weiter! Für die Umwelt und gegen fiese Sommer-Grippe!
Denn solange ich noch etwas ausziehen kann, soll kein tropfen Öl (wir erinnern uns: Japan hat ja ein paar Probleme mit seinem Kernkraft-Programm) für mich verbrannt werden!

Und wie man stilvoll die Hitze übersteht, kann ich mir ja von den Einheimischen abschauen.
Oder eher nicht.
Einblicke in moderne Japanische Sommertracht.

(Nein, das ist sie nicht!)

Der Anzug tragende Sarariman (von engl: Salary-Man) gehört so fest zu Japan, dass ich mir die überfüllten Rush-Hour Züge gar nicht vorstellen kann ohne Anzug-Sardinen.
Das ist teils historisch bedingt. Als sich Japan nach langer Isolation im 19.Jahrhundert öffnete, erkannten sie schnell dass sie, um von den Westlern ernst genommen zu werden, die westliche Kultur zumindest äußerlich übernehmen müssen. Wer würde schon Leute in Samurai-Kostümen ernst nehmen? Das hatte aber eine problematische Seite: Europäische Mode ist für Europäisches Wetter gemacht. Krawatten haben sich aus Halstüchern entwickelt, und der Falt-Kragen war mal dafür da, damit man ihn bei kälte hochschlagen kann (oder besser gesagt: das runter-schlagen war mal ne tolle Idee weil der Stehkragen manchmal selbst für Nordeuropa zu heiß war).
In Japan ist es im Sommer aber eher tropisch schwül-heiß. Dafür ist der Anzug denkbar schlecht geeignet. Wie die Japaner das früher überlebt haben weiß ich nicht, aber sein ein paar Jahrzehnten haben sie ja Klimaanlagen. Damit können sie auch im Japanischen Sommer "Europäischer Herbst" spielen, mit richtig kaltem Wind zum Kragen hochschlagen.

Dummerweise brauchen Klimaanlagen Strom.
Habe ich schon erwähnt das Japan ein paar Probleme mit seinem Kernkraft-Programm hat? Ja?
Die Regierung hat sich da mal etwas einfallen lassen: "Cool-Biz". Eine Moderichtlinie, nach der Jackett, Krawatte und notfalls sogar lange Ärmel im Sommer zu vermeiden sind.
Wer jetzt denkt: wen interessiert schon was Politiker sagen, kennt die Regel-Liebe der Japaner noch nicht. Die Firmen schreiben das so tatsächlich ihren Mitarbeitern vor. So habe ich jedenfalls für mein Praktikum bei einem großen Konzern eine Einführung erhalten, die mich davon abhalten sollte Jackett und Krawatte zu tragen.
Ich persönlich komme ja eher von der anderen Seite, und trage im Sommer auf der Arbeit gar kein Hemd. Da habe ich dann auch keine Probleme mit Schweißflecken, und die Kolleginnen haben auch was zu gucken. Win-win!
Aber die meisten Japaner haben es nicht so mit deutschem Frei-Körper-Kult...
Also doch wieder Hemd und lange Hosen.




Frauen haben es da besser: da kann man einfach Rock tragen, und so die Stoffmenge gewaltig reduzieren. Aber einige Frauen haben da ein ganz anderes Problem:
Blässe.
Sie wollen gerne so weiß wie möglich sein. So ist hier das Schönheitsideal.
Und natürlich hat die Bekleidungs-Industrie da genau das richtige:
tief-schwarze Strumpfhosen, Handschuhe bis zu den Oberarmen, Hüte mit weiten Krempen, Sonnenschirmchen. Also packen sich die Japanerinnen im Sommer so dick ein, dass es selbst den Islamistischen Fundamentalisten eine Freude wäre. Wie sie das bei der Hitze aushalten weiß ich auch nicht.
Ich will nochmal meine "Oben-Ohne" Technik zur Körper-Klimatisierung vorschlagen!
Aus Umweltschutz- und Gesundheitsgründen!


Natürlich geht es in Japan auch "casual".
Eigentlich sogar zu sehr zu oft.
Ich spreche von Crocks!
Japaner lieben Crocks.
Nicht nur für zu Hause, auch zum Ausgehen sind die gut genug.
Vor allem Jungesellen tragen die Dinger gerne.
Habe ich schon erwähnt, dass ich Informatik studiere?
Ja, ich bin von Crocks umgeben.
Wie so oft hat Japan dann aus den luftigen Latschern gleich mal eine Kunstform gemacht. Da gibt es alle Farben (die sie noch nie an ihren Füßen sehen wollten), Formen (die ihre Füße nie annehmen sollten) und Extras. Es gibt ganze Shops sie ausschließlich Crocks verkaufen, natürlich mit Fachpersonal.
Und im Winter? Wohl etwas zu kalt für Plastik-Latschen.
Aber nicht doch: es gibt selbstverständlich auch gefütterte Crocks, mit warmen Kuschel-Flausch innen. Von außen sehen die immer noch genau so aus....



Montag, 16. Juni 2014

Nachbarn

Korea ist von Japan nur durch ein bisschen Meer getrennt.
Polen ist von Deutschland nur durch ein paar Meter Grenzgebiet getrennt.
Das hat sich für beide (Korea und Polen) bekanntlich als Problem heraus gestellt,
als die anderen beiden (Deutschland und Japan) meinten, sie bräuchten etwas mehr Land.
Die Beziehungen sind seit dem etwas frostig, doch während Willy Brandt sich zum Fugen kitten sogar hingekniet hat, muss man Japanische Politiker bis heute schubsen, damit sie so etwas wie eine Verbeugung machen.

Das finden die Koreaner nicht so toll, und so gibt es bis heute in regelmäßigen Abständen Proteste in Korea, um die Japaner daran zu erinnern, dass es da noch etwas zu kitten gibt. Über die Proteste wird in Japan auch jedes mal Berichtet, aber die meisten Japaner sind eher unpolitisch und nehmen das so hin. Echte Konsequenzen bleiben eh jedes Mal aus.



Aber auch die meisten Koreaner sehen das nicht so Eng. Zumal Japaner als Urlauber sehr willkommen sind: viele Verkäufer sprechen ein paar Brocken Japanisch (mehr als Englisch), und erlauben manchmal sogar das Bezahlen mit Japanischem Geld.

Umgekehrt stellen die Koreaner die größte Einwanderungsgruppe in Japan.
In Osaka gibt es ein Viertel namens Tsuruhashi: "Kranich-Brücke".
Das klingt zwar Ur-Japanisch, ist aber das Koreaner-Viertel, was man vor allem an der enormen Dichte an Koreanischen Barbecue Restaurants merkt.
Die sind zwar lecker, aber für Japanische Verhältnisse nicht sehr sauber, und für Koreanische Verhältnisse ziemlich teuer. (Die schlechte Kombination also).

Das tut der Popularität der Restaurants aber keinen Abbruch. Auch das Besteck nicht:
eigentlich bevorzugen Japaner Stäbchen aus Holz, gerne aus Billig-Holz zum danach-wegschmeißen, oder notfalls aus Plastik.
Koreaner verwenden Stäbchen aus Metall, dünn und trotzdem schwer, was etwas Eingewöhnungszeit kostet...




Auch in der Wissenschaft gibt es nicht viele Reibereien: jedes Jahr werden Austausch-Konferenzen zwischen Japan und Korea abgehalten. Die Professoren scheinen beste Freunde zu sein. Überhaupt scheinen diese Konferenzen mehr dazu zu dienen, mit alten Kumpels zu plaudern (auf brüchigem Englisch beiderseits, obwohl sich Japanisch und Koreanisch sehr viel mehr ähnlich sind als Englisch)... und, ähh.. einen Trinken zu gehen.
Allerdings gibt es in Korea keine große Bier-Kultur, was sie noch weiter verschlimmern in dem sie Kartoffel-Schnaps ins Bier mischen - wahrscheinlich um schneller über den fragwürdigen Bier-Geschmack hinweg in die Trunkenheit zu entfliehen....

Ein Saal voller verkaterter Professoren verschläft meinen Vortrag und wacht erst zum Mittagessen wieder auf - denn ein wichtiger Teil der Konferenz (oder: der wichtigste Teil?) ist sich gegenseitig in Gastfreundschaft zu übertreffen und eigne Kultur bestmöglich zu präsentieren, zumeist in Form von Essen.
Tatsächlich ist der kulinarische Unterschied zwischen Japan und Korea deutlich größer als man meinen sollte. Zwar gibt es Überschneidungen (Koreanisches Sushi heißt: Gimbap), aber auch Essen bei der der jeweils anderen Seite der Mund offen stehen bleibt. Sprich: man kriegt das Essen rein, den Mund dann aber nicht mehr zu.
Ein Japanischer Student erklärte auf meine Nachfrage, was ihm denn am besten Geschmeckt hat dann auch: ...der Reis.
Nein der Koreanische Reis schmeckt nicht anders als der Japanische.




Der Fairness halber bleibt anzumerken, dass in dem umfangreichen, oft leckeren und immer interessanten Menü auch ein paar.... "Spezialitäten" beinhaltet waren. Unter anderem ein eingelegter Fisch der so sehr stinkt, dass selbst unser Skandinavier ihn liegen ließ.
Der war aber die Ausnahme - sonst wird jeder der es etwas schärfer mag Korea sehr genießen.
Mahlzeit.

Montag, 26. Mai 2014

Lauter Verrückte

Wer sich ein bisschen mit Medien beschäftigt, der stolpert über den Begriff des "Common Consensus Narrative". Das ist "die Geschichte, auf die sich alle irgendwie geeinigt haben, dass es die Wahrheit ist".  Nachdem also alle glauben, dass der Hund einer Katze ist, ihn wie eine Katze behandeln und jedes katzenartige Verhalten als Beweis sehen, fängt der Hund irgendwann von selbst an zu Miauen.

Warum erzähle ich dass?
Weil ich irgendwie zwei Blog-Einträge pro Monat zusammen kriegen muss...

Nein, ernsthaft: der Punkt ist, dass Japan den Ruf hat, voller Verrückter und verrücktem Zeug zu sein.
Nicht, dass da nicht irgendwo ein wahrer Kern drin stecken würde, aber... sagen wir's so: ich habe mehr "Verrückte Japanische Fernsehsendungen" gesehen, als ich noch in Deutschland war. Keine Ahnung wo die Exporteure das Zeug auftreiben. Im Fernsehen läuft es jedenfalls nicht.

Wie gesagt: ich bestreite nicht, dass es hier reichlich merkwürdiges Volk gibt. Ich meine: hey, Ich studiere Informatik! Muss ich mehr sagen?
Aber auch in Deutschen Informatik-Kursen habe ich so allerhand gesehen. (Man fängt ja nicht deswegen mit Computern an, weil man sozial so super gut reinkommt, oder?).

Aber wie das so ist mit dem Ruf: die Leute hören ihn und kommen.
Ja, ganz genau: dies ist ein Beitrag über all die verrückten Ausländer hier, die Japan sich eingehandelt hat, und die noch jedes Klischee toppen.



Sie! Sie kam von einer der renommiertesten Unis der Welt. Das half ihr kein Stück, da sie weder wirklich programmieren konnte, noch von Algorithmen oder mathematischen Modellen viel verstand.
Wir mussten ein Projekt zusammen machen; ihr einziger Beitrag war, einmal das Projekt kaputt zu machen. Mehr Produktivität war dann nicht mehr drin. Lernresistent war sie auch.
Warum war sie dann da? Sie liebte Japanische Kultur! Also eigentlich nur die Comics.
Na gut - fast jeder hier findet die mehr oder weniger unterhaltsam.
Aber ihre Spezialität war, nur die Comics zu mögen die keiner kannte. Das betonte sie auch explizit. "Habe ich noch nie von gehört", war ein Satz der immer ein breites Lächeln auf ihr Gesicht zauberte. Comics werden scheinbar schlechter je mehr Leute sie mögen.... oder so...
Aber das konnte doch nicht alles sein, was sie an Japan findet, oder?
Nein: die mochte auch.... Perücken.
Jetzt würde ich gerne erklären, was es damit auf sich hat. Berühmte Japanische Perücken-Qualität oder so. Kann ich aber nicht. Sie trug auch nie selbst Perücken. Ich weiß wirklich nicht, was ich dazu schreiben soll...



Ryu. Das war natürlich nicht sein echter Name, aber so stellte sich den Leuten gerne selbst vor. Das war der Name einer bekannten Video-Spiel-Figur. Er sah kein bisschen aus wie "Ryu". Leute, die ihn dann etwas stutzig anguckten (=alle), erklärte er noch, dass das japanisch für "Drache" sei. Das war auch nötig, denn durch seinen starken Amerikanisiert-Australischen  Akzent klang sein rollendes "Rue-You" nicht im entferntesten wie das japanische Wort "ryu". Als er sich dann so dem japanischen Assistenz-Professor vorstellte (ja, wirklich!), versteht der natürlich kein Wort. Verzweifelt versucht der arme Japaner "Rue-You" zu sagen, und wundert sich, in welcher Sprache das bitte "Drache" heißen soll. Und um die Situation noch absurder zu machen, verbeugt sich Ryu dann zum Gruß, und faltet dazu die Hände vor der Brust, wie man es aus Kung-Fu Filmen (und NUR aus Kung-Fu Filmen) kennt.

Er wird nach seinen Hobbys gefragt. Er bezeichnet sich selbst als "Kampfsportler". Er sieht nicht so aus als würde er überhaupt irgendeinen Sport machen. Lässt sich auch im Fitness Studio nicht blicken. Dafür bringt er jeden Tag eine Gitarre mit ins Labor, spielt nicht darauf, nimmt sie wieder mit Heim, manchmal auch mit in den Unterricht. Laut eigenen Angaben spielt er Schlagzeug. Vielleicht ist "Gitarre herumtragen" teil seines Kampfkunst-Trainings.




Hahahaha, jetzt glauben Sie, ich kann das nicht toppen, richtig? Jetzt denken Sie, da hat er den Bogen überspannt. Na, hören Sie sich das an:
Es gibt in Osaka eine beliebte Gaijin-Bar, die Hauptsächlich von Brasilianern betrieben und besucht wird. Einer der Barkeeper hat sich die (Ex)Freundin auf den Körper tätowieren lassen.
Welche (Ex)Freundin?
ALLE!
Der Mann ist eine wandelnde Galerie aus Frauengesichtern. Da ist Ms X auf der rechten Brust, Fräulein Y auf dem Bauch, eine Dame auf der Schulter...
Nein, kein Witz, keine Übertreibung. Selbst gesehen und bestätigt.
Tja, liebe Leserinnen, bewerben sich sich noch Heute um ihren Lieblingsplatz, bevor da schon eine andere hin kommt.

Haha, und Sie dachten Japaner seien verrückt!

Dienstag, 13. Mai 2014

Ganz neue Töne

Ich hatte ja vor langer Zeit schon mal davon erzählt, dass Japaner gern Lautmalereien in ihrer Sprache verwenden. Da kann ich noch ein paar besonders schöne Fundstücke nachlegen.

Es gibt im Japanischen kein echtes Wort für "klebrig", nur die Lautmalerei: beta-beta. Nein, damit ist nicht das unangenehme Gefühl gemeint, dass Software in der Beta-Phase bei Nutzern hervorruft, wobei das gewisse Ähnlichkeit hat. Beta-beta ist alles, was an der Haut klebt und zusammen-pappt. Gerne verwendet man es als Erklärung warum Natto (die vergorenen Bohnen) total ekelhaft sind: die sind soo beta-beta, dass sie lange Fäden ziehen. Sie haben also stinkende, klebrige Fäden im Mund. Bäääh(ta)!



Ich lerne, dass "puni-puni" etwas weiches, verformbares beschreibt, gerne auch Fettgewebe, ... ähm, "Baby-Speck". Ich finde das irre niedlich! Neckisch drücke ich meinem Mädchen meinen Finger in den Oberarm und grinse sie an: "Puni-puni". Sie grinst zurück, drückt mir ihren Finger in den Oberarm und sagt: "Muki-muki".
Ich falle aus allen Wolken und frage unten angekommen noch mehrfach nach bis ich's glaube. Ja, Japaner sagen zu festen, kaum nachgebenden organischen Stoffen "Muki-muki".
Gehen sie also besser in die Mucki-Bude als in die Puni-Bude!




Wenn etwas sehr flexibel ist, eigentlich zu flexibel, und daher vor sich hin wabert, dann könnte man funya-funya dazu sagen, oder? Tut man aber nicht! Funya-funya ist reserviert für Leute die so flexibel sind, dass selbst ein Fähnchen im Wind noch mehr Rückgrat hat. Wenn Leute mich also Fragen, ob mir ein Termin besser passen würde als ein anderer, sage ich ihnen, dass ich da ganz funya-funya bin und mach die entsprechende Armbewegung, die wohl eine Qualle machen würde, wenn sie denn Arme hätte und ihr alles funya-funya wäre. Die Leute verstehen und lachen.




Kennen sie Mikado-Stäbchen? Ich meine die Dinger die man essen kann, mit Schoko. Genau die!
Die heißen nicht Mikado! Die heißen Pocky. Warum heißen die Pocky? Weil dass das Geräusch ist, dass sie machen wenn man sie bricht: "pokki"! Laut Kennern Japanischer Knabbereien machen auch nur die Original Pocky-Sticks so richtig schön pokki! Das ist also das Qualitätsmerkmal. Kopien knacken vielleicht, aber nur Pocky macht echt pokki.
Ich stelle mir das wie eine Weinprobe vor: Gourmets brechen reihenweise Pocky-Stäbchen, versuchen am Klang den Jahrgang zu erraten (noch frisch oder schon funya-funya?) und werfen die Dinger dann weg, weil: auf Diät.

Mittwoch, 23. April 2014

Was Japaner nicht über Japan wissen

Es gibt eine populäre Buchserie namens: "Nihonjin ga shiranai nihongo".
Zu Deutsch: "Japanisch, das Japaner nicht kennen."
Kernaussage: Japaner haben selbst von ihrer eigenen Sprache keine Ahnung.

Wenig überraschen für Deutsche, die bei Fragen nach Dativ, Genitiv und FuturII ganz schnell das Thema wechseln.

Doch tatsächlich haben überraschend viele Japaner überraschen wenig Kenntnis über Japan, obwohl sie ihr Leben lang da gelebt haben.
Das ist zwar nicht die Regel, aber dafür um so lustiger wenn es mal passiert.




Bei einer Grillparty behauptet ein Japaner steif und fest, mein Japanisch sei besser, als das japanisch junger Japaner heutzutage. Ich halte das für 10 schichten zu dick aufgetragenes Lob, da ich immer noch keine Comics lesen kann ohne das Wörterbuch zu bemühen.
Ein Jahr später häufen sich die Fälle in denen junge Japaner mich nicht verstehen. Kann passieren: mein Schulbuch-Japanisch ist manchmal etwas antiquiert. Daher bin ich meist eher peinlich berührt, wenn jemand meine Wortwahl nicht versteht: hab ich wider Mist aus dem letzten Jahrhundert gelernt.
Als ein junges Mädel (etwa 20) dann mein Wort für "Bestechung" nicht versteht, gehe ich lieber zur Vertrauens-Japanerin und lasse mein Vokabular überprüfen: "Doch, dass stimmt schon so."

In einem Moment der Erleuchtung sehe ich die ganze Situation nochmal vor mir, jetzt ganz klar:
> Ich schreibe gerade an einem wissenschaftlichen Paper...
> Ey, voll krass, Alta! Un des drukkn die dann?
> Klar, wenn ich herausfinde, wen ich dafür bestechen muss.
> Ey, watt issn "bestechen"?
> Uhmm....?

Das hat der Typ auf der Grillparty also gemeint...




Vor dem Tempel gebe ich den Touristenführer:
also beim Eintreten muss man sich rituell Reinigen. Dazu nimmt man diesen langen Löffel, soo das Wasser schöpfen, linke Hand, rechte Hand, ...
Hinter mir: kichern.
Zwei Schulmädchen schauen vergnügt.
"Hab ich was falsches Erklärt?"
"Haben wir noch nie gehört, das!"

Zwei Dutzend Tempel, Info-Tafeln und Reiseführer bin ich sicher:
(a) meine Erklärungen waren richtig, und
(b) die haben einfach keine Ahnung gehabt.




Die Uni bietet extra einen Kurs über Japanische Kultur an - natürlich auf Englisch, an uns Ausländer gerichtet. Das ist mehr Spaßveranstaltung als Büffeln, und tatsächlich höre ich in dem Kurs nichts, was ich nicht schon wo anders gehört habe... und manches was ich für arge Klischees halte.
Trotzdem: leicht verdienter Credit, nicht?
Das dachte sich wohl auch eine Japanerin, die sich da einfach mit rein gesetzt hat.
Clever, ein bisschen arg dreist, aber clever. Das sage ich ihr auch.
Sie kriegt aber gar keinen Credit, sagt sie mir. Sie ist da weil sie sich für Japanische Kultur interessiert.
Nochmal: das ist kein "wir-gehen-in-die-Wagner-Oper" Kulturverein, sondern eine "wir-gehen-mal-in-eine-Kirche-um-eine-Kirche-von-innen-gesehen-zu-haben" Selbsthilfegruppe.
Wir sitzen im Kreis und erzählen plaudern darüber, dass Japaner rohen Fisch essen.
Das Japanische Mädchen guckt aufmerksam.
Naja, immerhin ist sie motiviert etwas zu lernen... oder uns zu verarschen...




Wenn ich Päckchen in die Heimat schicke kommt oft die Frage zurück: "was zur Hölle ist den das?"
Und ich Antworte: "Ich habe keine Ahnung, aber man kann es essen! Zumindest esse ich es ab und zu und lebe noch."
Zwar stehen die Zutaten auf der Verpackung, aber wie man aus Reis einfach alles herstellen kann ist mir unbegreiflich.
Doch mittlerweile kann ich genügend Japanische Freunde fragen: "sag mal was ist das eigentlich?"
"Keine Ahnung."
Es irritiert sie nicht einmal, dass sie gar nicht wissen woraus (oder wie) ihr eigenes Essen gemacht wird.
Solange es gut schmeckt wird es Akzeptiert.
Ich falte einen Origami-Lotus und weil ich das japanische Wort für "Lotus" gerade nicht weiß, erzähle ich den Leuten zu erzählen, dass sein "Renkon". Renkon ist ein populäres Gemüse hier, um genau zu sein ist der der Samenbecher vom Lotus. Das weiß aber keiner.
Wir einigen uns darauf, dass ich "eine Blume" gefaltet habe. Das ist für alle Beteiligten am wenigsten peinlich.

Mittwoch, 16. April 2014

Gibt's ja gar nicht!

Irgendwie habe ich doch einen Bildungsauftrag. Soll keiner sagen können: "jetzt kenne ich schon jemanden der in Japan lebt, und habe trotzdem keine Ahnung".
Und das erste was ich als selbsternannter Oberstudienrat mal machen möchte, ist die gängigen Klischees behandeln, die es so über Japan gibt.
Morgen gibt's dann die Stehgreifaufgabe "Gibt's das oder gibt's das nicht?"




Unterhöschen-Automaten
Ich glaube ja, irgendwo saß mal jemand in einer Werbeagentur (wo bekanntlich alle schrägen Ideen herkommen) und hat versucht aus alten Klischees ein paar neue, verrückte Klischees zu bauen.
Also: was gibts in Japan? Viele Automaten, wo man Zeug kaufen kann. Und komische Fetische.
BAZINNNG! Geboren war die Idee von den Fetisch-Automaten, an denen man getragene Damenunterwäsche kaufen kann.
Also habe ich mich auf die Suche gemacht! Ähh, AUF FORSCHUNGSREISE!
GIBT'S ABER NICHT!
Okay, am Ende meiner Odyssee habe ich tatsächlich einen Gefunden, irgendwo in einer schmuddeligen Gasse in einem schmuddeligen Stadtteil von Tokyo (Tokyo, wo man auch wirklich ALLES irgendwo findet). Und selbst DAS war noch ein transportables Modell, also nicht fest installiert, sondern einfach mal so vor den Laden gestellt.
Um das mal ganz allgemein zu sagen: ich habe in Japan sonst auch nicht viel gefunden, was ich in europäischen Sex-Shops nicht auch gefunden hätte.... auf meinen Forschungsreisen durch Europa....
Das einzig neue ist, dass die Porno Heftchen in Comic-Form gibt, und zwar in jedem Konbini (vergleiche: Tankstelle). Zumindest glaube ich, dass das Pornos sind... so von der Titelseite... die sich versehentlich in der Scheibe gespiegelt hat...




Yakuza
Ahh, die "japanische Mafia", Stoff unzähliger Mythen und Filme. Sonnenbrillen-tragende Anzug-Killer mit Drachen-Tatoos unter den Hemdsärmeln. Wo der Big Boss mit tiefem Kotau begrüßt werden muss, weil sonst: Finger ab! Aber in echt jetzt, gibt's doch gar nicht, oder?
DOCH GIBTS!
Zumindest in größeren Städten kann man durchaus welche sehen, und viele meiner Japanischen Freunde erzählen dass es gerade bei ihnen um die Ecke "so ein Haus gibt".
Da kommt dann die dicke schwarze Limousine vorgefahren und die ungemütlichen Anzugträger stehen sogleich Spalier. Mit tiefer Verneigung und lautem "Osu!" wird dann der Very Important Japaner empfangen. Passanten spielen für die Dauer der Prozedur lieber "Salzsäule" und stieren Löcher in die Luft.
Das beeindruckende ist also nicht, dass es hier organisierte Kriminalität gibt (wo gibt's die nicht?), sondern, dass sie hier so offen zelebriert wird. Da könnten die fast noch ein gutes Geschäft mit Touristen machen...



Verrückte Game-Shows
Erinnert sich noch jemand an Takeshi's Castle? Diese GameShow, wo die Teilnehmer über absurde Hindernis-Parcours geschickt wurden um dann.... okay, okay: erinnert sich jemand NICHT an Takeshi's Castle?
Sind solche schrägen Game-Shows denn die Regel hier?
NEIN, SIND SIE NICHT!
Leider.
Zwar gibt es natürlich Game-Shows, aber die sind meist nicht besonders verrückt. Da hat "Wetten-Dass?" mehr zu bieten.... gehabt...
Erinnert sich noch jemand an diese verrückte Deutsche Game-Show wo Leute aus Klopapier Brücken gebaut haben?



Wirklich komisches Zeug, dass man "Essen" nennt
Na gut, hier muss man halt fragen, was den der Gold-Standard für "Komisches Zeug" ist. Nachdem hier Seetang ein ganz alltägliches Nahrungsmittel ist, kann man schon "ja" sagen.
Aber legen wir die Messlatte mal jenseits von Sushi an... dann war's das auch schon.
Es stimmt zwar, dass man hier an allerhand essbare Merkwürdigkeiten kommt, nur spielen die in der täglichen Ernährung eine Ähnliche Rolle wie die Ochsenschwanzsuppe, die Froschschenkel, die Schnecken, ....
Ja, man kann Qualle essen. Schmeckt nach fast nichts, außer der Soße die man drauf tut.
Man kann Wal essen. Hab ich nicht probiert, aber meine Vorkoster lassen sagen: naja...also für so lausiges Essen braucht man echt keine Wale fangen.
Man kann Kugelfisch essen, am Herzinfarkt über die gesalzenen Preise sterben oder hoffen das einen das Gift davon ablenkt, dass das Ding auch nur nach Fisch schmeckt. (Auch hier verlasse ich mich auf meine Informanten).
Kurz: wir haben bessere Chancen, die Japaner zu schockieren als umgekehrt.
Erzählen sie einfach, dass wir Rehe und Hasen essen, und Tee aus Brennnesseln machen....

Sonntag, 30. März 2014

100Yen Science

Diesen Monat hab ich mir ja mal ziemlich Zeit gelassen etwas zu schreiben.
Das hatte einen guten Grund: ich habe lieber etwas anderes Geschrieben.
Nämlich eine Forschungsarbeit. Ich hab' also das Zeug das ich so mache mal in 10 Seiten gequetscht und stelle dass jetzt zum ersten mal der Fachwelt vor (wenn die es denn auch lesen).

Das war eher stressig. Also habe ich eigentlich sonst nichts gemacht, worüber ich so schreiben könnte.

Tja, Pech!
Schreib ich halt über die Forschung/Uni/was ich so mache wenn ich nicht versuche Spaß zu haben.




Das in unserer Uni Geld nicht zu knapp, aber etwas merkwürdig verteilt ist, habe ich ja hier (weiter unten) schon mal vertextet.
Schön konnte man das letztens wieder sehen als wir (=wir Studenten; weil: Studenten = billige Arbeitskräfte) das Experimentier-Zimmer ausmisten durften. (Aufmerksame Leser erinnern sich: im Japanischen gibt es keine Unterscheidung zwischen "dürfen" und "müssen").
"Experimentier-Zimmer" klingt so als ob da Experimente durchgeführt werden. Haha: Informatiker und Experimente. Nein nein, das ist eher so etwas wie eine Abstellkammer, in der man ab und zu alte Projekte wieder aufbaut um sie Besuchern zu zeigen.
Doch was da alles drin war, war uns nicht klar... bis wir's raus getragen haben.

Angefangen hat's mit mehreren hochauflösende Großformat-Displays. Die dicke Staubschicht juckt nicht nur in der Nase, sonder trifft die Studenten - die ihre Filme allesamt auf Laptop-Displays gucken muss - mitten ins Cineasten Herz.

Dann kam das elektrisches Klavier. Nein, kein Keyboard, ein großes Yamaha Klavier. Niemand im Labor kann Klavier spielen. Vermutlich hat ein Student mal für ein Projekt ein Klavier bestellt. Und bekommen. Und hat seinen Abschluss gemacht. Und ist dann gegangen. Wenigstens finden wir die richtigen Knöpfe, damit das Klavier sich nochmal selbst spielen kann, bevor wir's in den Aufzug verfrachten.

Nicht mehr entfernen konnten wir das Doppel-Projektor Dingen: zwei riesige Trümmer die eher aussehen wie Laser-Kanonen und sonst wohl nur auf Konzerten zum Einsatz kommen. Keiner weiß wie man sie in das Zimmer hinein gebracht hat. Nur, dass man sie jetzt nicht anschalten kann, weil der Raum zu klein ist um darin Projektoren dieses Kalibers zu betreiben. So bleibt dem Ding wenigstens das Schicksal erspart, dahin zu kommen wo der ganze Rest hin kommt: in eine noch abgelegenere Abstellkammer. Wo noch Platz ist.




Ja, man kann allerhand Zeug haben... wenn man Geduld hat oder gutes Timing. So: kurz vor Beginn des nächsten Fiskaljahres ist gut, wenn das überschüssige Budget abgestoßen werden muss.
Kurzfristig was ordern ist eher nicht drin. Am Anfang habe ich noch naiv mitten im Semester nach Draht gefragt - so für Elektronik-Gezeug. Hahahaha. Ich bin dann zu anderen Laboren betteln gegangen, bis mir ein Kommilitone endlich grinsend 20cm Draht in die Hand gedrückt hat.
Da habe ich gelernt: Uni-Geld ist groß und behäbig wie ein Container-Frachter.
Mein Geld ist schnell und wendig wie ein Jet-Ski. Also winzig. Meinen Lötkolben habe ich mir dann aus dem 100Yen Shop geholt. Okay, er hat nicht wirklich nur 100Yen gekostet, aber zu einem 4-Euro-Lötkolben sagt man nicht nein... wenn man sonst nichts hat.

Und so ist mein Arbeitsplatz zu einem Frankenstein-Monster aus Billig-Ramsch und exorbitantem High-Tech geworden. Mein Keyboard ist ein krattliges altes japanisches Teil, das häufig mal die Spracheinstellung am Rechner verstellt. Dann beschwert sich der Compiler, weil japanische Leerzeichen im Source-Code Pfui sind! Ich habe ein neues beantragt, mit englischem Layout, dazu neue Software. Kommt aber nicht.
Beim Plausch mit dem neuen Hilfs-Professor kommt das Thema auf.
Sein Kommentar dazu: "Vergessen Sie nicht, dass die Uni ihnen das beste Paper-Writing-Tool zur Verfügung stellt, dass man für Geld kaufen kann: mich!"
Da kann ich nicht argumentieren mit. Meine Autokorrektur-Software hat mir jedenfalls noch nie Seitenweise Verbesserungsvorschläge und Änderungswünsche erstellt... und so teuer wie er war sie auch nicht.
Andererseits weiß ich bis heute nicht ob er mein Traktat wirklich jemals ganz gelesen hat.

Aber um ganz sicher zu gehen dass wir auch in Zukunft ganz vorne mit dabei sind, hat er erstmal für ein paar hunderttausend Dollar neues Equipment geordert.
Ich geh mir mal nen Keyboard kaufen.