Montag, 28. Mai 2018

Boss (5)

In der Start-Up Welt gibt es eigentlich nur zwei mögliche Ergebnisse für neue Firmen und ihre neuen Produkte:
(A) niemand will das - irgendsowas entfernt vergleichbares gibt's schon, und das was daran neu ist wird niemand je benutzen wollen.
(B) das ist so offensichtlich der nächste logische Schritt, dass Tech-Giganten wie Google das selber machen. Gegen deren Milliarden-Budgets kommst du nicht an.
Beides wird einem so oft ins Gesicht geworfen dass man irgendwann beides gleichzeitig glaubt. (Double-Think.)
Warum gebe ich nicht einfach auf?
Weil ich gesagt habe, dass ich es tun werde. Jedem habe ich es gesagt. Vor allem mir selbst habe ich es gesagt.
Nicht irgendwann mal sagen zu müssen: "Ich hätte fast mal eine Firma gegründet!" ist mir schon das Geld Wert.
Also, bringen wir's hinter uns!

Der Anwalt:
Keine Ahnung wie man eine Firma gründet (also rechtlich jetzt). Dafür gibt es hier in Japan eine spezielle Form von Anwalt: Gyosei-Shoshi.
Keine Ahnung wo ich einen Gyosei-Shoshi finden soll. Ich frage mal das Deutsche Konsulat in Osaka ob sie Empfehlungen haben.
Email kommt prompt: Empfehlungen haben sie keine, aber sie haben mal schnell recherchiert und senden ein paar die einen guten Eindruck machen.
Gezeichnet: der Generalkonsul.
Man scheint reichlich Freizeit zu haben als Konsul. Vielleicht sollte ich meine Karriere überdenken.
Ich suche einen raus der gerade hinter den Bergen in Osaka arbeitet.
Eine knappe Stunde Fahrzeit durch eine enge gewundene Bergstraße.
Erste Beratung kostenlos.
Erste Erkenntnis: ich brauche eine Firmenadresse.



Das Bureau:
Es ist eher schwierig Bureauräume zu mieten - viel Geld habe ich nicht, dafür ein Studenten-Visum.
Auf einem Start-Up Event treffe ich Leute von Hankyu, einer großen Eisenbahngesellschaft. Die haben ein "Start-Up Office" aufgemacht und vermieten da Tische.
Lage ist super. Atmosphäre auch. Bin sofort dabei.
Die Andere Seite läßt sich Zeit. Zögert. Kann das Legal sein? Als Student ne Firma gründen?
Ich bettle ein bißchen und sende den Schrieb von meinem Anwalt der glaubt dass das Okay geht.
Schließlich lassen sie sich zu einem Meeting mit ihrem Anwalt breitschlagen, der glaubt dass ich das ganz bestimmt nicht darf.
Das muß ich irgendwie gemeistert kriegen - doch wie soll ich einen Japanischen Anwalt dazu überreden dass er vor allen Leuten seine Meinung ändert, weil ein Student und Ausländer das so will?
Ich breite mich vor, drucke meine gesammelten Schriebe aus, und bin extra-früh da.
Ihr Anwalt ist auch zu früh da.
Wir machen Small-Talk. Er mag Deutschen Fußball. Pluspunkt. Dann zum Punkt:
"Ich habe ja keine Ahnung davon, aber mein Anwalt hat mich da beraten und mir diese Unterlagen gegeben..."
Er schaut sich die ausgedruckten Email an. Hmm...
Die Leute von der Eisenbahn kommen schließlich und das Meeting beginnt.
Es ist ein kurzes Meeting.
Der Anwalt erläutert dass das Okay sein sollte, solange ich in der Woche nicht mehr als 28 Stunden  arbeite (28h/W ist die Obergrenze für's Studenten-Visum).
Also soll ich von jetzt an buchführen wann ich etwas für die Firma arbeite.
Gern!
Verbeugen, verbeugen, Stempel drauf.
Zurück zu meinem Anwalt.



Die Firma:
Da liegt es nun vor mir. Gesellschaftsvertrag. Dazu der Siegel-Stempel. "合同会社M█████" (GmbH).
Es ist echt und offiziell und wirklich eine Firma.
Meine erste (und vielleicht letzte?) Firma.
Ich wollte unbedingt ein Photo machen, vergesse es aber in der Aufregung.
Der Anwalt der wohl jeden Monat Hebamme für ein Dutzend Unternehmer spielt hat die Unterlagen gleich wieder verpackt um sie ans Amt zu schicken.
Ich fahre die enge Bergstraße zurück zu meiner Uni.
Ich habe eine Firma gegründet.
Ich habe eine echte Firma gegründet.
Ich bin Eigentümer und Geschäftsführer eine japanischen GmbH.
Ich bin ...
...
Egal wie lange man auf etwas hingearbeitet hat, wenn der Tag dann kommt fühlt man sich als ob man das gar nicht so ernst gemeint hätte.
Als ob das nur so eine fixe Idee war, mit der jeder mal spielt aber die niemand wirklich umsetzt.
Aber ich werde ewig sagen können: ich hab's wirklich getan!
Ob für ein Jahr oder einen Tag, die Firma hat existiert! Schwarz auf Weiß!
Wofür sonst hätte ich das Geld auch ausgeben wollen?


Sonntag, 29. April 2018

Boss (4)

Ein Team ohne Mitglieder ist kein Team.
Ein Team ohne Konkurrenten ist wohl noch nicht mal auf dem Spielfeld angekommen.
Also: Wer steht auf deiner Seite? Wer steht auf der anderen Seite?

Die andere Seite ist leicht auszumachen. So ein Ungetüm weit weg im Nebel, so groß daß ich es über den ganzen Pazifik in Seattle sehen kann. Microsoft.
Die haben ein Video auf YouTube hochgeladen, wo sie gerade diese Idee die ich Umsetzen will bewerben. Eins-zu-eins. Zu kaufen gibt's noch nix, aber die Tech-Demo sieht schonmal toll aus und bekommt nen Haufen Aufmerksamkeit.
Ich weiß nicht recht wie ich damit umgehen soll. Ich lese in einem Buch für angehende Unternehmer, dass Konkurrenz normal und kein Problem ist. Man muss sich halt nur Differenzieren.
Also suche ich mir eine Ausrede "was die alles falsch machen", und ignoriere sie. Keine Ahnung wo ich plötzlich den Mut
die Überheblichkeit
die Ignoranz her habe. Hab' ich aber.

Microsoft hat das Produkt immer noch nicht auf dem Markt. Letztens habe ich von einem Insider gehört dass das Video 100% Fake war. So etwas war nie in Entwicklung. Sie wollten nur den Eindruck erwecken dass es für ihre "Hololens" Hardware ganz viele tolle Anwendungen gibt.




Ich gehe auf Start-Up Events in der Hoffnung begeisterungsfähige Junggesellen (das heißt: Leute die noch nicht mit ihrer Arbeit verheiratet sind) zu treffen.
Treffe ich auch. Sein Name ist P████.
Er findet die Idee toll und möchte mitarbeiten. Programmiererfahrung hat er auch. Halt auf dem Mac, aber das passt ja nicht schlecht. Dann kann er an der Mac-Version arbeiten. Ich kaufe ein neues VR-Headset für ihn und gebe ihm eine Einführung ins Projekt.
Da wir kein Office haben arbeitet er.... keine Ahnung wo immer er gerade ist. In unserer Projekt-Management Software taucht hier und da seine Tüfteleien auf. Nicht viel, aber braucht halt auch immer Zeit sich einzuarbeiten. Nach ein paar Wochen will er sich wieder unterhalten.
Wir treffen uns auf einer Brücke, Downtown Osaka.
Zu meiner Überraschung drückt er mir das VR-Headset in die Hand.
Er geht nach Tokyo, sagt er. Um an einem anderen StartUp mitzuarbeiten.
Er schüttelt mir die Hand, wünscht mir Glück, und verschwindet.
Die Packung für das VR-Dingen ist noch originalverschweißt...

Das "Andere StartUp" hat wohl nie auch nur eine Website online bekommen. P████ arbeitet jetzt bei einer sehr großen Firma.
Sich "auf der Brücke zu treffen" ist in Osaka normal, einfach weil die eine Orientierungshilfe ist. Rückblickend aber auch schön für die Dramatik des Augenblicks.


Andere Teams kriegen da mehr hin.
Auf Deutsche ist da immer Verlass.
Natürlich ist das erste Konkurrenz-Produkt dass auf den Markt kommt aus Deutschland.
Berliner.
Aber hey, nur weil's Sau-Preissen san müssen's ja noch keine schlechten Leute sein.
Ihr Produkt ist technisch unterlegen, bekommt dafür aber offizielles Sponsoring von Autodesk.
Ich schlucke meinen Neid und kontaktiere sie einfach mal.
"Moshi moshi, hier spricht Japan!".
Sie Antworten sogar und beglückwünschen mich zu meinem Projekt. Dann verweisen sie mich weiter an einen Professor an einer Deutschen Hochschule der bestimmt Interesse hat.
Ich bin verwirrt.
Aeh, wollt ihr nicht euer Produkt auch weiterentwickeln? Wir hätten hier Kapazitäten...
Weiterentwickeln? Ne, wer sollte sowas wollen?
Kapiere nicht was sie meinen. Wollen die das Produkt so wie's ist liegenlassen?
Ich kriege keine Antwort mehr.
Naja, wenn ich Microsoft ignorieren konnte, dann kommt's auf zwei Berliner mehr oder weniger auch nicht an.

Über die Jahre entwickeln sie ihr Produkt nur noch minimalst weiter. Bekommen aber trotzdem fleißig Unterstützung von verschiedenen Seiten. Es wird still.
Mittlerweile haben sie auf ihrer Website neben ihrem "Kauf unser tolles Produkt für teuer Geld!"-Butten einen "Bitte spende Geld damit wir unser Produkt weiterentwickeln können"-Button.




Ich probiere das mit dem "neue Teammitglieder finden" nochmal.
Kratze meine Ersparnisse zusammen und offeriere eine Entschädigungszahlung. (Gehalt zahlen kann ich offiziell noch nicht).
Finde auch jemanden namens C███. Ich kaufe ihm einen neuen Rechner (aua, sagte der Geldbeutel) und gebe ihm wieder die Einführung.
Diesmal kommt tatsächlich nützliches dabei heraus! Brauchbare Funktionen, und auch an der Website arbeitet er fleißig mit. Ab und zu liegen wir etwas im Clinch - er nimmt das ganze ein bißchen zu locker für meinen Geschmack. Immerhin versuche ich einen professionellen Eindruck zu machen und Qualitätsware zu entwickeln. Da stört es mich doch sehr wenn er aus Unachtsamkeit oder Faulheit kaputte Versionen veröffentlicht. Bin ich zu pedantisch? Wir bügeln dass schon aus.
Ich gucke mal wieder was die Konkurrenz so macht. Auf ihrer Website haben sie 1:1 denselben Slogan wie C███ auf unserer Website veröffentlicht hat.
Ich bin... irritiert... wer war jetzt zuerst?
Warum sollten die unseren Slogan klauen?
Warum sollte C███ deren Slogan klauen?
Ich frage mal C███. Der droht sofort das Team zu verlassen. Meine Verwirrung und Irritation steigt.
Er sagt er kann es nicht ab, so einer Sache verdächtigt zu werde. Ich beruhige ihn. Dann frage ich mal die Konkurrenz-Firma. Keine Antwort.
Ich würde C███ ja glauben, wenn es nicht so perfekt ins Bild passen würde...
Ich lösche einfach unseren Slogan. So toll war der eh net. Ist es nicht wert darüber zu Streiten.
Danach ist die Team-Einigkeit merklich angeschlagen. Geht im VR-Markt eh nicht viel voran und ich muss mich auf meine Uni-Arbeit konzentrieren.
Irgendwann hole ich den Rechner von ihm ab. Wir plaudern noch etwas, er drückt mir die Hand und wünscht mir viel Glück. Er will bei irgend einem BitCoin start-up mitarbeiten.
...keine Ahnung was da je draus geworden ist.

Freitag, 30. März 2018

Boss (3)


Von da an beginnt die Doppel-Belastung Begeisterung: nicht nur muss ich mich ranhalten meine Forschungsarbeit voran zu bekommen, auch um den Prototypen bis zur Marktreife zu bringen bedarf extra Anstrengungen. Jede Design-Entscheidung wird nun mit der Frage unterlegt: "wenn andere Leute (mögliche Kunden) das Ding nutzen würden, wie müsste das dann gemacht werden?"
Dass macht alles etwas schwieriger. Leute außerhalb der Uni haben ja den ganzen Kruscht nicht, auf den ich hier Zugriff habe - und auch nicht die Geduld sich damit auseinanderzusetzen. Es muss also alles trotzdem funktionieren - ohne extra Hardware. Also keine speziellen Eingabegeräte. Muss auch mit der Maus funktionieren. Muss mit einem einzigen Mausclick zu installieren und zu starten sein. Muss auch auf allen anderen Versionen der benötigten Hardware und Software laufen. Koste es mich auch meine Wochenenden - ich muss es zum Laufen bringen...
Mehr als einmal will ich aufgeben: das kann einfach nicht gehen. Keine Chance. Game over. Diesmal gibt es keine Lösung. 
Jedes mal komme ich nochmal mit einer neuen Idee zurück. Jedes mal findet sich dann doch ein Weg. Nicht weil ein Wille da ist, sondern weil es keine Alternativen gibt.

Ironischerweise werde ich nie von einem User hören, der das Ding mit der Maus verwendet. Stattdessen werde ich den Maus-Modus für eine Studie verwenden, die mir den Doktortitel einbringt.




Sonntag, und ich gehe trotzdem ins Labor (da steht der ganze Kram ja rum den ich brauche).
Der Aufzug geht nicht.
Achja, da war ja was:
zweimal im Jahr wird bei uns am Campus alles abgestellt. Routineuntersuchungen.
Dann halt die Treppe in den 8tn Stock. Dabei fällt mir auf, dass es im Treppenhaus gar keine Notbeleuchtung gibt. Gut zu wissen, sowas, falls wirklich mal was passieren sollte.
Allein im Labor.
Ich setzte mich an die Arbeit.
Die Stunden vergehen.
Ich habe Durst.
Leitungswasser ist abgestellt.
Ich saufe den Wassertank aus der Kaffeemaschine leer.
Schmeckt etwas abgestanden.
Zurück an die Arbeit.
Stunden vergehen.
Der Notbook-Bildschirm dimmt sich - Strom ist weg.
Noch zwei Stunden Akkulaufzeit.
Ich arbeite weiter.
Dann sagt der Laptop lebewohl.
Weiter auf Schmierpapier.
Die müssen sich schon was besseres ausdenken als mir den Saft abzudrehen...



Die dritte Front ist Japanisch - also die Sprache.
Um den anstehenden Papierkrieg mit dem Japanischen Beamtenapparat zu bestehen muss ich aufrüsten.
Es gibt kaum Bücher für "Rechts-Japanisch", und selbst wenn liegen die wohl weit entfernt von meinem Anwendungsfall.
Besser ist: Lernen von der Originalquelle. Also suche ich im Internet nach Beispiel-Verträgen und Gesetzestexten.
Vorteil: man lernt auch gleich die Rechtslage mit.
Nachteil: Kopfschmerzen. Was zur Hölle soll dieser Satz jetzt aussagen?!
Mühsame Analysearbeit resultiert schließlich in einem neuen Satz der zur fortgehenden Wiederholung in meiner Lern-App gespeichert wird.
Sollst du durch ewige Wiederholung in mein Gehirn gebrannt zu werden.
Eine Stunde jeden Tag büffeln mit der App - das ist die Regel.
Ausnahmen zur Regel sind nicht vorgesehen.
Auf der Konferenz suche ich mir ein ruhiges Eck, packe meine Verträge aus und pauke.
Plötzlich steht der Professor hinter mir.
Ein Moment angespanntes Schweigen wahrend ich mich frage ob solche Fremdbeschäftigung einer Genehmigung bedurft hätte.
Er guckt.
Dann lacht er.
Dann geht er.
Ich lerne weiter.
Im Steinbruch der Vertragsvorlagen haue ich die Ziegel für meinen Justizpalast...

Der Nebeneffekt ist dass ich jetzt eine Form von Japanisch verstehe die Japaner nicht mehr verstehen, dafür aber keinen Schritt weiter bin die Japaner zu verstehen.
Das macht Parties gleich noch mal lustiger...

Dienstag, 27. Februar 2018

Boss (2)

Das Konzept für die Firma ist bald gefunden. Nach der Lektüre eines Buches für Angehende  Unternehmer Millionäre und durcharbeiten der Check-Liste für geniale Geschäftsideen ist klar:
ich muss einfach den Prototypen den ich für meine Forschung baue bis zur Marktreife voran bringen. So kann ich meine Zeit in der Uni auch gleich doppelt produktiv nutzen, und Interesse an der Materie ist auch genug vorhanden.
Doch das bringt ein neues Problem auf den Plan:
Um auf diesem Wege zum Boss zu werden muss ich erstmal mit dem Boss sprechen.
In diesem Fall ist Boss der Professor. Wenn der nicht will, kann der ganze Plan im Rohr krepieren. Dann muss ich die Uni verlassen bevor ich überhaupt eine Firma Gründen kann - was heisst dass ich wieder arbeiten müsste um mich über Wasser zu halten. Was heißt dass ich keine Zeit mehr hätte eine Firma zu Gründen...
Also muss der Professor zustimmen!




Drei Tage lange gehe ich das Gespräch in meinem Kopf durch. Ich reserviere mir dafür jeden Tag eine Stunde Zeit. Immer wieder sehe ich mich in sein Buro gehen, mich hinsetzen, meine Rede halten. Es ist vermutlich das Gespräch dass ich am häufigsten in meinem Leben geführt habe - noch bevor ich es je wirklich geführt habe. Der Professor in meinem Kopf kommt mit allen Einsprüchen die ich mir vorstellen kann. Drei Tage lang finde ich die besten Antworten. Verwerfe Argumente, finde neue Wege meinen Standpunkt zu vermitteln. Dann fühle ich mich bereit, mich der Realität zu stellen!


Ich weiß nicht zum wievielten mal ich das Gespräch führe, aber es das Beste dass ich je geführt habe. Der Professor hat keine wirklichen Einsprüche. Von meinen cleveren Gegenargumenten und verbalem Kung-Fu brauche ich, genau gar nichts. Ihm gefällt die Idee auch so. Ich hätte fast enttäuscht sein können, aber dafür bin ich happy und aufgeregt. Bleibt noch der zentrale Knackpunkt: wem gehört das Zeug, dass ich während meiner Studienzeit tippe? Mir? Der Uni? Dem Lab? Halbe-halbe? Bei meinen Nachforschungen hatte sich ein gemischtes Bild ergeben, indem ich mit der Uni über die Auslöse verhandeln muss.
"Das gilt für Angestellte der Uni. Du bist kein Angestellter. Du bist Kunde der Uni", erklärt er mir lächelnd.
Will er denn gar kein Stuck vom Küchen?
"Wenn du eine Millionen machst, dann will ich nichts. Wenn du 10 Millionen machst, dann will ich was!", sagt er und lacht.
Und damit war alles geklärt und die Bahn frei.
Er warnt mich nur, dass es sehr sehr sehr viel Arbeit sein wird.
Kein Problem. Lieber hart arbeiten als wieder Arbeiten.
...dachte ich...

Mittwoch, 31. Januar 2018

Boss (1)

Ich habe einen kleinen Aktenkoffer. Voller Geld. Deswegen habe ich ihn auch mit Handschellen am Arm festgekettet. Dazu wachsen mir kleine Hörner aus dem Schädel.
Es ist Halloween 2013, und ich versuche ich als Teufel auf Seelen-Kauftour. (Oder Banker. 2013 kann man beide Begriffe synonym verwenden.) Den Japanern ist nicht wirklich klar was das Böse und Geld miteinander zu tun haben - ist wohl einer dieser kulturellen Unterschiede. Doch davon lasse ich mir den Abend auf den Straßen von Osaka nicht verderben.


Es wird spät.
Es wird feucht.
Es passiert so allerhand.
Irgendwann wache ich auf.

Ich bin irre sauer.
Ich koche vor Wut.
Ich schreibe einem Freund eine lange haßerfüllte SMS darüber was alles falsch ist mit dieser Welt. Dann gehe ich Heim.

Langsam beruhige ich mich und frage mich, warum ich überhaupt so wütend war.
Es ist nichts schlimmes passiert. Eigentlich ist sogar recht viel Gutes.
Und überhaupt, noch zwei Jahre zuvor wäre ich überglücklich gewesen überhaupt in Japan sein zu können und dort Halloween zu feiern.
Warum also?
Weil es einfach nicht genug war.
Es ist nie genug.
Es ist nicht die Gier nach immer mehr, sondern weil mein Leben ein Ablaufdatum hat: Regelstudienzeit.
Ich habe nur noch ein weiteres Jahr. Da kann man gar nicht genug erleben. Und dann?
Ich habe keinen Plan, was ich danach machen soll. Das hatte ich schonmal. Damals habe mir ein Diploma in die Hand drücken lassen und bin Heim gegangen; habe mir einen Job gesucht; und zum ersten mal seit dem Abitur wieder darüber nachgedacht, dass das Leben nicht so lebenswert ist dass man sich das unbedingt bis zum Ende anschauen muss. Dass das echte Leben jetzt vorbei ist, und ich jetzt nur noch den Rest absitzen muss. Der Teil in dem nichts mehr passiert.
Nicht das die Arbeit schlecht gewesen wäre. Hab halt Computerprogramme geschrieben. Nicht weil ich wollte, sondern weil ich konnte. Ich kann sonst nichts und sonst kann's keiner. Solche Leute nennen wir "Code Monkey". Programmier-aeffchen schreibt fleissig Code für Boss. Boss trotzdem sauer weil... weiß nicht. Also schreibt Code Monkey mehr Code. Wochenende. Montag. Code Monkey write happy code. Code no good. Boss happy. Code Monkey sad. Dienstag. Code hilft dabei Filme zu machen. Code Monkey mag die Filme nicht sehen, die Code macht. Mittwoch. Wüsste auch gar nicht mit wem ich gehen sollte. Wenn Code Monkey nicht vor dem Computer sitzt, dann sitzt Code Monkey vor dem Computer. Donnerstag. Anderen Leuten scheint das nichts auszumachen dass sie nichts Neues erleben, niemand neues kennenlernen, keine Herausforderungen im Leben haben. Freitag. Sie wollen nichmal mich kennen lernen. Kennen schon genug. Wochenende. Nichts passiert. Montag...




Noch einmal habe ich mich ins Student-sein zurück gerettet. Aber für wie lang? Der Druck die Zeit bestmöglich zu genießen wird so groß, dass ich die Zeit nicht mehr genießen kann.
Es bleibt der einzig logische Ausweg:
Ich schaffe die Deadline ab!
Ich gehe einfach nie mehr zurück in das Leben des kleinen Code-Monkey.

Ich beschließe drei Vorsätze:
1: Ich werde endlich lernen meine Gehirn und meine Emotionen unter Kontrolle zu bringen, positiver sein, dankbar für alles was ich habe und erlebe.
2: █████ ████████, ███████ ████ ████.
3: Ich werde meine eigene Firma gründen.
Ja, ich nehme mein Leben selbst in die Hand.
Werde mein eigener Boss.
Gestalte mein Leben wie's mir gefällt.

Und um mich immer daran zu erinnern, schreibe ich meinem Freund gleich nochmal.
Und dann allen Freunden auf Facebook.

So beginnt die lange Reise zu einem neuen Ich...



Montag, 30. Januar 2017

Der Mann aus Hochbergen

Klingt alles so schön exotisch hier.
Ist es aber nicht.
Also, für uns schon, aber für die Leute hier natürlich nicht.

Das Problem darin sich vorzustellen wie Japan für Japaner aussehen muss liegt darin, dass alle Worte die sie verwenden für uns fremd klingen - selbst wenn sie ganz mundane Dinge beschreiben.
Geisha zum Beispiel. Klingt doch super, oder? Ist aber auch nur eine Künstlerin. Das ist genau dass, was das Wort "Geisha" bedeutet: Gei=Kunst, Sha=Person.
Irgendwie gehen darüber die tatsächlich interessanten kulturellen Unterschiede oft verloren, wie zum Beispiel dass man hier Alleinunterhalter(innen) mieten kann, und dass auch keiner für besonders Merkwürdig hält.

Hier also mal zum Test: eine Geschichte die sich ungefähr fast so zugetragen hat, in den Worten die Sie gewohnt sind.



Er musste sich reichlich früh auf den Weg machen. Nicht weil er frühzeitig ankommen musste, sondern weil er in Hochbergen [1] wohnt. Von Hochbergen aus braucht man immer lange um irgendwo hin zu kommen, egal wo. In Langfeld [2] machte die UBahn erstmal eine kurze Pause: der Zug mußte von einer Bahngesellschaft an die andere Übergeben werden. Das Personal der neuen Firma stellt sich über Lautsprecher vor: "Mein Name ist Mittenfluss, ich bin der Zugfuehrer. Der Schaffner ist Unterfeld [3]. Danke, dass Sie auch heute wieder mit der UBahn fahren." Der Zug fuhr weiter und kurze Zeit spaeter betrat ein Mann den Waggon, der wohl Herr Unterfeld sein musste - erkennbar an der adretten Uniform, den weißen Handschuhen und der Verneigung beim Betreten des Waggons. Derweil fuhr der Zug weiter unter den Straßen der Stadt Grosshang [4] hinweg.

Schließlich erreichte er den Bahnhof Neu-Grosshang und stieg in den Schnellzug der Neuen Stammstrecke [5].
Fuer die knapp 500 Kilometer nach Oststadt [6] brauchte er so nur zweieinhalb Stunden. Das stand mal wieder in keinem Verhältnis zu den 60 Minuten die er für die 23 Kilometer von Hochbergen bis in die Stadt gebraucht hat. Aber immerhin musste er diesmal nicht den Nacht-Bus nehmen.

[1] Takayama (高山) wortlich: "hoch" und "Berg"
[2] Nagata (長田) "langes Feld", Stadtteil im Osten von Osaka
[3] Nakagawa (中川) und Shimoda (下田) - die meisten Familiennamen hier sind Ortsbeschreibungen, nicht Berufsbezeichnungen wie in Deutschland.
[4] Osaka (大阪) woertlich "Grosser Huegel" oder "Grosser Hang"
[5] Shinkansen (新幹線), die neue Haupt-Linie
[6] Tokyo (東京), "östliche Hauptstadt"




In Oststadt angekommen traf er auf die Organisatorin der Veranstaltung - die ironischerweise Grosshang hiess. Er war zunächst einen Moment überrascht: aus dem Briefverkehr hatte er nicht erkennen können, dass sie eine Frau ist [6]. Dem Vornamen nach hätte sie auch ein Mann sein können, weil sie ihn in den Emails nur in Lautschrift geschrieben hatte. Das hätte ja alles mögliche heißen können. Vielleicht hatte sie auch einfach keine Schriftzeichen für ihren Vornamen. Kommt in letzter Zeit häufiger vor. Allerdings ist die dafür ein bißchen zu alt. Naja, egal.

Jedenfalls mußten erstmal mit allen Leuten Visitenkarten ausgetauscht werden. Dabei fiel ihm auf wie schnell er sich durch seinen 100er Pack durchgefressen hatte. Bei jeder Veranstaltung so viele Karten, die meisten davon landen doch er in der Schublade. Er hatte es sogar schon erlebt, dass ihm Leute die Karte aufdrängten die danach alle Versuche zur Kontaktaufnahme ignorierten. Aber Verhalten, dass mehr auf Gebräuchen und Höflichkeit beruht als auf Logik ist hier nicht fremd.

Das Symposium ging dann recht unspektakulär vorüber. Zum Mittagessen wurden Lunch-Box und grüner Tee bereit gestellt. Normalerweise nahm er sich immer Zeit die Gedichte auf der PET-Flasche Tee zu lesen aber heute hatte er dafür keinen Kopf. Er ging lieber im Kopf nochmal seine Präsentation durch. Nicht den Inhalt, den konnte er schon, sondern um das richtige Level an Höflichkeit zu treffen. Ob er es richtig gemacht hatte wusste er wie immer nicht - die Leute sagen einem nie wenn man einen Fehler macht. Manche macht man deshalb Jahrelang und gibt sie auch weiter.

Wie üblich musste nach der Veranstaltung erstmal getrunken werden. Also gingen alle gemeinsam in in eine Schänke [7] um die Ecke. Auf dem Weg kamen sie an einer kleinen Kapelle vorbei die dem heiligen St. Petrus geweiht war [8]. Es standen schon zwei oder drei Leute davor Schlange um um Beistand zu beten - was sich ja immer gut zwischen zwei Meetings quetschen lässt: Münze in den Klingelkasten, die Glocke läuten, klatschen, verneigen, fertig.
Im Lokal angekommen brachte der Kellner gleich Waschlappen [9], und wahrend sie sich die  Hände abrieben bestellten sie schonmal eine Runde Bier.
Dazu gab's allerhand Snacks: Eingelegtes, fritiertes Hähnchenfleisch, rohen Fisch und sogar etwas rohes Pferdefleisch. Mußte wohl doch ein besonderer Anlaß sein. Dazu wurde frei gesprochen und gespaßt - obwohl je die Hälfte von zwei getrennten Firmen waren (also bestimmt ein Faktor Firmenpolitik mitgespielt hat). Wenn Bier fließt muss man die Höflichkeit auch mal sein lassen.
Nach drei oder vier Runden Bier verabschiedete er sich dann um Nachts noch Rechtzeitig wieder in Hochbergen anzukommen. Nachts fahren ja keine Züge mehr.


[6] Namens-Suffixe wie "Herr/Frau" sind im Japanischen Geschlechtslos.
[7] Izakaya (居酒屋), wörtlich: "Alkohol-Laden (in dem man sich aufhalten kann)"
[8] Ebisu (恵比寿), Shinto-Gottheit und Schutzpatron der Fischer (und Händler); das erste Zeichen steht für "gesegnet" (benedeit), könnte also auch der heilige St. Benedikt sein
[9] Oshibori (お絞り), Erfrischungstücher, wörtlich: Ausgewrungene

Mittwoch, 30. November 2016

Du japanisch, Ich höflich

Wenn man anfängt Japanisch zu lernen, fällt einen recht schnell auf wie sehr sich der Lehrer damit quält einem nicht die Worte fuer "Du" oder "Sie" beizubringen. Man soll den anderen doch lieber mit Namen + "san" ("Herr" oder "Frau" - Japaner unterscheiden da nicht) anreden.
Das fühlt sich für Europäer reichlich blöd an. Hätten Herr Lehrer noch andere Wünsche?
Also gibt der Lehrer bald nach und sagt, man soll den Banknachbarn halt "Anata" nennen, und zu sich selbst "Watashi". Klingt ja umständlich.

Das Problem ist nicht, dass Japaner keine Worte für "ich" und "du" haben, sondern dass sie zu viele haben, und die Höflichkeitsregeln nicht einfach zu durchschauen sind. Mal ein paar Beispiele:



Also erstmal zu mir. Ich bin Watashi... wenn ich mit Geschäftsfreunden oder meinem Professor spreche. Sollte ich mal Politiker werden oder sonst reden halten, könnte ich sogar zum Watakushi werden - das extra "ku" macht's nochmal formeller.
Um vom Watashi zur Atashi zu werden wäre schon eine größere Operation nötig, denn nur Frauen können das "w" fallen lassen - müssen sie nicht, tun sie aber wenn sie niedlich sein wollen.
Unter Freunden werde ich zum Boku. (Das können Frauen jetzt wiederum nicht, ätsch-bätsch). Eigentlich müßte ich zum Ore werden, traue mich aber oft nicht, weil ich nicht 100% weiß wem gegenüber das zuu selbstbewußt erscheinen könnte. Boku ist da auf dem halben Weg zum Watashi schon sicherer.
Wenn ich über 60 wäre könnte ich auch ein Ware sein. Nicht, dass das Wort alten Herren vorbehalten ist, es ist nur so aus der Mode geraten sich selbst als Ware zu bezeichnen, dass nur überlebende der "guten alten Zeit" noch darauf zurückgreifen.
Oh, und weil ich in der Gegend von Osaka / Kyoto wohne werde ich gelegentlich zum Uchi (lies: Utschi). Das klingt fuer Leute aus Tokyo genau so bescheuert wie für Sie jetzt.



Aber kommen wir jetzt mal zu Ihnen.
Die Japanische Nationalhymne heißt: "Kimi-ga-yo" (君が代). (Voll vom Thema abgekommen... ne doch nicht, denn:) In diesem Fall spricht man mit dem "Kimi" den Kini Kaiser an. Es ist also die höchst mögliche Ehrerbietung einer Anrede.
Das Schriftzeichen lässt sich auch "kun" lesen. Dann kann man etwa ShoKun (諸君) sagen, was eine sehr förmliche Anrede für eine Gruppe Menschen ist. "Meine hochverehrten Damen und Herren". Zumindest müssen das nicht alles Kaiser sein.
Man kann damit auch einzelne Personen anreden, indem man es an ihren Namen anhängt. Aus Tanaka-san wird dann Tanaka-kun. Das spart man sich aber lieber für den Sohn von Herrn Tanaka, denn es impliziert dass man mindestens mal deutlich älter und eigentlich auch höher in der Rangordnung steht als der "-kun", oder dass man zumindest sehr gut befreundet ist. Außerdem kann man nur Jungs so ansprechen. Mädchen sind kein "-kun". Oh, aber wie am Anfang gesagt kann man das Schriftzeichen ja "kimi" lesen. Das kann man anstelle des Namens auch als "du" verwenden. Wenn man denn in der Hierarchie wirklich sehr deutlich über dem Kimi steht. Gute Freunde sind kein "Kimi". Die eigene Freundin aber schon, denn Maedchen sind fast immer "Kimi" bis sie das Arbeiten anfangen und "Tanaka-san" werden. Das ist nicht herablassen oder so. Naja, eigentlich irgendwie schon, aber es gibt sonst keine Möglichkeit seine Freundin anzusprechen. Sie "Anata" zu nennen ist so als würde man sie Siezen. Oh, aber natürlich sagt sie zu ihnen "Anata" (oder "Anta" wenn sie wieder niedlich sein will).

So, jetzt versteht der Herr Leser warum Leute gerne diesem Minenfeld entkommen indem sie auf "ich" und "du" möglichst verzichten.