Dienstag, 31. März 2020

Boss (27)

Ein beliebter Spruch in der Gründerszene ist: "ein Start-Up gründen ist wie von einer Klippe springen und versuchen auf dem Weg nach unten ein Flugzeug zu bauen". Damit ist gemeint daß Geld verlieren am Anfang normal ist. Solange man halt noch welches hat. Zwei Jahre nach meinem letzen "Aufwind" (Investorengeld) scheint der Boden jetzt unangenehm nahe zu kommen. Dabei gibt es durchaus Zeichen daß sich die Situation langsam verbessert. Nur halt nicht schnell genug. Ich muß irgendwie langsamer Fallen. Nur wie?


Eine Sache die sich im Leben ändert wenn man eine Firma gründet ist, dass man besseren SPAM bekommt. Statt russischer Damen in deiner Umgebung bekommt man jetzt russische Herren. Also Programmierer und andere Dienstleistungen. Einmal habe ich das sogar ausprobiert (also die Herren, nicht die Damen jetzt), war aber mit dem Kosten-Nutzen Verhältnis überhaupt nicht zufrieden. Vielleicht kann ich den Spieß ja umdrehen und selbst mal für hohe Kosten nutzlos sein. Mein Trumpf ist dass ich in Japan bin und Japanisch spreche, also den Japanischen Outsourcing-Markt bedienen kann. Gyomu-Itaku heißt das hier, und nachdem ich nicht weiß wo ich selbst anfangen soll wende ich mich ein eine Vermittler-Firma. Ich schreibe also einen Lebenslauf und fange mal nebenher an mich vermitteln zu lassen. Kann ja einige Zeit und ein paar Versuche dafür bis ich etwas kriege.
Ich brauche genau eine Woche und einen Versuch bis ich etwas habe.
Ich unterschreibe also den Vertrag das meine Firma (ich) einen Angestellten (mich) temporär ins Office einer anderen Firma schicken wird. Ich bin die Hure und ich bin der Zuhälter. Aber natürlich geht nichts im dreckigen Business ohne Schmiere, also sitzen noch zwei "Outsourcing Vermittler" dazwischen. Ja, sind jetzt schon zwei. Mein Vermittler hat mich nur weiter vermittelt an jemanden der mich weiter vermittelt. Jeder hält die Hand auf. Aber hey, am Ende kommt noch mehr Geld bei mir an als meine trägen Verkaufszahlen - was irgendwie deprimierend ist, also denke ich nicht darüber nach.


Mein Tagesablauf ändert sich nun - nicht in absoluter Arbeits-Leistung, aber er wird etwas rigider. Ich stehe um 6:00 auf und arbeite beim Frühstück an unserer Produktpalette. Dann Radel ich noch im Pyjama durch die Sommer-Hitze, dusche im FitnessCenter um die Ecke, Arbeite von 8:30 bis 18:30, renne in unserem Office vorbei um mit dem Team die Lage zu besprechen und Bürokram zu erledigen, auf dem Heimweg wieder im FitnessCenter vorbei, Streß abbauen, dann Zuhause nochmal an die Arbeit solange ich mich noch konzentrieren kann, falle ins Bett, schlafe 6 Stunden und wiederhole das ganze. Freue mich aufs Wochenende wo ich wieder von Zuhause arbeiten kann.
Wie gesagt, von der Arbeitslast her überhaupt kein Problem.
Nur psychologisch ist die Situation etwas schwer verdaulich.
Klar, von einer Seite aus gesehen rette ich meine Firma.
Kann man aber auch anders herum sehen:
Ich arbeite Vollzeit für ein Gehalt von dem ich nur träumen kann, nur um dann in meiner Freizeit noch härter zu arbeiten und dabei alles wieder zu verlieren.
Ich spaße dass ich normale Leute mit meiner Ausbildung und in meinem Alter ja eine Frau und zwei Kinder durchbringen - ich habe halt eine Firma und zwei Angestellte. Aber ein bitterer Nachgeschmack bleibt. Schließlich habe ich die Firma ja auch deswegen gegründet damit ich NICHT Code-Monkey für Cheffe spielen muss.
Jetzt habe ich das schlimmste beider Welten.
Was dem ganzen aber die Krone aufsetzt ist als ich herausfinde dass das Projekt das ich dort übernehme aus öffentlichen Geldern finanziert wird.
Also nochmal: Japans Regierung will das etwas gemacht wird. Also zahlen sie Firma X die Entwickler-Kosten. Firma X gibt einen Teil davon an Outsourcing-Vermittler A, der zahlt Outsourcing-Vermittler B, der bezahlt mich dafür das ich das mache. Das diese Pipeline gewaltig leckt ist wohl klar. In einem Meeting bekomme ich mal das ursprüngliche Dokument zu sehen mit der Firma X sich um die Gelder beworben hat. Und beschließe bei nächster Gelegenheit zumindest mal die Arbeit und den Outsourcing Vermittler zu wechseln. Wie kann die Japanische Regierung glauben dass ein Programmierer im Monat so viel Kostet? Oder... wäre dass das Gehalt dass ich eigentlich hätte haben können wenn ich keine Firma gegründet hätte? Das Leben das ich nie hatte zieht nochmal an mir vorüber. Aber nur kurz - muß noch im Buro vorbei, meine Angestellten aufheitern, Steuerformulare ausfüllen. Noch drei Tage, dann ist endlich Wochenende und ich habe wieder Zeit an unserer Produktpalette arbeiten.

Samstag, 29. Februar 2020

Boss (26)


Oh, ich habe ja nie das Ende der Geschichte von meinem "Box-Kampf wer der beste StartUp CEO ist" fertig erzählt.
Naja, dann spulen wir halt nochmal die Zeit zurück.
Ich werde also nach Portugal geschickt - kein ganz kurzer Trip. Aber ich nutze die Zeit um meinen Pitch zu verfeinern und kräftig zu üben. Zwischen Klo und Kombüse erkläre ich dem 30cm Bullauge in der Tür warum mein StartUp das beste StartUp in diesem Flugzeug ist - mit Flüsterstimme, aber vollem Körpereinsatz. Ich hoffe ich werde nicht für geistig Verwirrt gehalten - oder zumindest nicht mehr geistig Verwirrt als ich mich fühle.



Angekommen, besteht der erste Tag aus Leute treffen - andere Teilnehmer, Veranstalter, und auch die Gewinner vom letzten Jahr sind dabei. Ein energetischer Israeli, der Protein aus Heuschrecken will. Er betont das Heuschrecken sowohl Koscher als auch Halal seien, gesund, kostengünstig und umweltfreundlich zu produzieren. Ich bin schon seit dem Wort "Protein" vollstens überzeugt gewesen. Wo kann ich sein Heuschrecken-Pulver kaufen? Leider verkauft er nur an den Großhandel zur Weiterverarbeitung. Zum Trost gibt er mir eine Heuschrecke. Kannst du so essen, versichert er mir. Ich esse sie so. Sehr trocken, aber vom Geschmack nicht schlecht.

Es gibt auch eine Menge Meetings mit möglichen Investoren. Leider sind wir zu diesem Zeitpunkt nicht auf der Suche nach Investoren. Wir suchen nach Kunden. Kunden werden will keiner. Aber hey, immerhin habe ich eine gratis Heuschrecke bekommen - und noch die Chance Weltmeister im "mit-meiner-Firma-Angeben" zu werden.



Zweiter Tag - die Vorauswahl für's Finale. Morgens früh raus - Joggen. Sport beruhigt die Nerven (und das Gewissen - nach den Übermengen leckerem Essen dass wir am Vorabend serviert bekommen haben). Also renne ich vor Sonnenaufgang durch einen Portugiesischen Vorort.
Der Park um die Ecke hat so etwas wie ein kleines Amphitheater, ein runder Sandplatz mit stufenweisen Steinen auf einer Hälfte, vielleicht 20 Meter im Durchmesser.
Ich bleibe in der Mitte des Platzes keuchend stehen und schaue im Halbdunkel des Morgengrauens über die leeren Sitzreihen.
Ich ahmte tief durch, richte mich auf, und trage meinen Pitch der versammelten Niemandschaft vor.
Tosende Stille.
Ich renne weiter, wiederhole das ganze noch drei mal und fühle mich dann endlich Selbstsicher genug Heim zu rennen und zu duschen.

Auch als ich am Austragungsort ankomme wiederhole ich bis zuletzt meinen Vortrag und mein Arsenal vorbereiteter Argumente in meinem Kopf. Dann ist der Moment da. Die Vorauswahl wird in einer alten Portugiesischen Festung abgehalten. Ich laufe die Stufen vom Austragungsort hinauf. Dort warten schon drei Richter auf mich. Und.... LOS!
Flüssig und Selbstbewußt präsentiere ich mein Business. Die Richter sind nicht schlecht beeindruckt, müssen aber natürlich trotzdem fiese Fragen stellen.
Ha! Hab ich vorbereitet! Ihre Zweifel werden abgeschmettert und umgelenkt sodass sie am Ende noch die Stärken meiner Geschäftsidee hervor heben! DING DING DING! Zeit um.
Easy! Mit angemessener Überheblichkeit laufe ich die Treppe wieder herunter. Da hole ich mir doch erstmal einen Kaffee und etwas Gebäck.


Dann die Zweite Runde - nach der ersten kann das ja nicht mehr schief gehen. Oder?
Obs daran lag dass ich nicht mehr bis zuletzt an meinem Kopf geübt habe? Oder an der Hitze? Gleich beim Einstieg lege ich einen Fehlstart hin - Mist! Aufrappeln und nochmal von vorn! Verhaspel mich aber in der Mitte gleich nochmal. Was ist plötzlich los mit mir?! Die Fragen kriege ich zwar noch halbwegs beantwortet, aber mein Showmanship ist dahin - DING DING DING verdammt!

Als dann Abends die Ergebnisse der Vorauswahl verkündet werden, sind zwei Dinge klar.
Ich werde nicht im Finale antreten. Und ich habe mir den Sonnenbrand meines Lebens geholt.
Naja, dafür gibt’s hier ja unbegrenzt kostenlosen Alkohol. Mein Japanischer Landsmann der Schwede ist hat's auch nicht geschafft. Da bin ich wenigstens nicht der einzige der Harakiri begehen muss wenn wir Heim kommen.
Und überhaupt, dafür dass ich nie überhaupt nur an diesem Event teilnehmen wollte habe ich's relativ weit geschafft und einen kostenlosen Trip nach Portugal bekommen.
Also genieße ich den letzten Tag mit meiner Mutter in Lissabon. Mit Portugiesischem Essen - nicht Heuschrecken.



Freitag, 31. Januar 2020

Boss (25)

VR ist ein schlechter Markt. Nicht an sich, sondern weil er groß angekündigt war als "das nächste große Ding". Sprich: jeder hat sich einen Ozean vorgestellt - mit Millionen begeisterter Kunden und massiv Kapital. Bekommen haben wir ein Planschbecken. Jetzt sitzen wir also eng gedrängt in unserem Kinder-Becken und gleichen den Wassermangel mit Schweiß aus.
Auf der Software Seite bedeutet das dass niemand mit dir redet weil jeder in dir den Todfeind sieht der ihm auch noch die letzten zwei Kunden klauen will.
Auf der Hardware Seite ist es umgekehrt: jeder in dir den Heiland der ihm Endlich Kunden bringen wird. Schließlich, wenn ihre Hardware mit deiner Software funktioniert, dann werden alle deine Kunden ihre Hardware kaufen, oder?
Von der Gegenseite (also: meiner Seite) sieht's genau so aus: wenn die Werbung machen für ihre Hardware werden sie wohl sicher gefragt, mit welcher Software man das verwenden kann. Da wäre es schon gut genannt zu werden, oder?
Oder?



Eine oertliche Firma baut kleine Kameras die man sich vorn an seine VR Brille kleben kann. Das Bild wird dann in der VR Brille gezeigt - man sieht also gleichzeitig die wirkliche Wirklichkeit und den virtuellen Kram darin. Augmented Reality nennt sich das. Die legen uns bei einem Treffen mal nahe, dass wir ihre Hardware auch mal unterstützen sollen. Ironischerweise tue ich das schon, weil ich während meinem Studium genau deren Kameras für meine Forschung verwendet habe. Super, da muss ich ja nicht mehr viel machen - nur ein bißchen aufpolieren hier und ein paar neue Videos da und die neue Partnerschaft bewerben. Ist ja auch eigentlich voll cool seine (virtuelle) Arbeit in der Realität zu sehen. Finde ich. Findet sonst wohl keiner. Keiner verwendet die Kameras mit unserem System. Naja, das heißt, einen wichtigen Kunden bekommen wir aber! Eine nicht zu kleine Japanische Firma. Haben sie bestimmt auch schon von gehört. Die hat uns die Kamera-Firma vermittelt. Die kaufen also eine Lizenz. Nutzen sie aber nie - der Eintrag auf unserem Aktivierungs-Server steht für immer leer. Naja, so spare ich mir dir Zeit für weitere Updates und Support.


Ein Hersteller einer Fuß-Kontrolle (also: ein mit den Füßen betriebenes Eingabegerät) kontaktiert mich und nach kurzem gegenseitigen Beschnüffeln (und beweihräuchern als wäre das Turibulum ein Morgenstern) schickt er uns ein Gratis-Exemplar damit wir das auch unterstützen. Mach ich auch gleich. Und dann mach ich ein tolles Video davon wie das einem die Arbeit erleichtern kann und stelle das Online. Ich will fast schon wieder herunter nehmen weil ich das schallende Gelächter persönlich nehme. "Braucht doch keinen Mensch den Mist". Naja, vielleicht habe ich uns wenigstens etwas Publicity gemacht, als Clown. Der CEO der Firma ist jedenfalls begeistert und schlägt uns gleich den nächsten Deal vor: wir sollen in Japan Re-Seller für sein Produkt werden.
Ne, danke, Clownsnase gibt's nur noch zum Fasching.


Jedenfalls werden die Hardware Partner immer professioneller - wir lassen das Start-Up Land hinter uns und werden von immer etablierteren Firmen kontaktiert. Irgendwann ist er ein Internationaler Multi-Millionen-Dollar Konzern der uns neue Gratis-Proben zur Entwicklung schickt. Ich fange sicherheitshalber an immer "vom Team" zu reden. Müssen die ja nicht wissen dass ich momentan der einzige Entwickler bin und die anderen nur Marketing machen. Immerhin ist es zum ersten Mal ein Produkt das die Infrastruktur und den Markennamen hinter sich hat um Massentauglich zu werden. (Naja, so viel "Masse" wie VR halt haben kann).
Der große Launch kommt. Und ja, super, wir stehen tatsächlich als offizieller Partner drauf! Recht weit unten aber, weil alle unsere Konkurrenten auch "Offizielle Partner" sind. Kann ich denen natürlich nicht vorwerfen, aber die Hackordnung so ins Gesicht geballert zu kriegen, da hätte ich jetzt gerne eine dämpfende Clownsnase auf gehabt.
Aber naja, immerhin gratis... Dingsbums... gekriegt... das jetzt bei mir Zuhause rumliegt, weil ich mit dem Management unseres Shared-Office aneinander geraten bin - wir haben da mit unserem Kruscht zu viel Platz eingenommen.
Vielleicht sollte ich ein Kuriositätenmuseum eröffnen....

Dienstag, 31. Dezember 2019

Boss (24)

Nun sind wir also nur noch zwei - von zwischenzeitlich mal 5 Leuten sind noch ein Programmierer (ich) und eine ein-Mann Marketing Abteilung übrig.
Allerdings ist die Leistung damit nicht sauber 50/50 aufgeteilt.
Nicht nur das ich ein paar Jahre mehr Erfahrung habe in dem was ich tue, ich arbeite auch deutlich mehr - so zwischen 60 und 80 stunden die Woche, je nachdem wie man rechnet.
Und obwohl unser Produkt besser und besser wird, und der VR Markt kräftig wächst verkaufen wir nicht mehr.
Langsam kriege ich das Gefühl, daß ein Japaner, frisch aus der Uni, vielleicht nicht die Kapazitäten hat, VR Software weltweit zu vertreiben. Zumindest nicht für einen Preis der uns am Leben erhalten würde.
Um so bitterer zu sehen für was für einen Schrott Leute sonst so alles Geld ausgeben - gottseidank hab ich eh kaum Zeit und Geld zum Shopping. Wird man ja nur depressiv.
"Du brauchst einfach jemanden der Leuten gut Zeug verkaufen kann", stimmt mir ein alter Freund zu.
Vielleicht ist es das ja. Und eine Person die sich gut verkaufen kann kenne ich sogar.
Schnell mal ein Telephonat angeleiert. Er ist auch richtig interessiert an der Sache. Könnte er denn bei uns einsteigen?
Nein.
Er hat schon einen Job, und daneben nicht viel Zeit für andere Dinge.
Tja, wer sonst? Inserat? Wo soll ich in Japan einen Marketing Guru finden der sich nicht auf Japan spezialisiert hat und auch bezahlbar ist?









Ausländer in Japan haben die Angewohnheit in "Communities" zusammen zu kleben.
Das liegt of an der Sprachbarriere und kulturellen Unterschieden. Es plaudert sich einfach leichter mit jemandem der fließend Englisch spricht und auch Amerikanische TV Serien guckt und über dieselben Probleme in Japan gestolpert ist - gemeinsames lästern stärkt das Gemeinschaftsgefühl.
Natürlich gibt es englischsprachige Chat-Groups zu so ziemlich jedem Thema. Naja, zu manchen Themen mehr als andere. Können Sie sich ja denken. Ja, Sie wissen schon worauf die Story hier hinausläuft, also erspare ich mir jetzt die Beichte in welcher dieser Gruppen ich gerade Zeit vertrödelte als mein zukünftiger Marketing-Guru die Frage in Raum warf "kann mir jemand einen Job vermitteln"?
Ich kannte ihn schon. Ich wußte das er freischaffend Online-Marketing macht. Ich wußte daß er Leuten zeug verkaufen kann, weil er mir schonmal Zeug verkaufen konnte.
"Ja, wenn du meine Firma retten kannst", schreibe ich, noch halb im Scherz.
"Kannst du wirklich ein Arbeits-Visum für Japan beschaffen?"
"Die letzten 2 mal hat's jedenfalls geklappt..."
Einen Monat später schickt er mir ein "Pitch Deck" - also eine kurze Powerpoint Präsentation, wie er glaubt unser Produkt an den Mann zu bringen.
Er hat sich wirklich die Mühe gemacht ziemlich genau zu schauen was wir eigentlich verkaufen und hat ein paar gute Ideen. Und überhaupt: alles ist besser als weiter vor sich hin zu siechen und auf den finanziellen Tod zu warten.





Also nochmal den Papier-Krieg ein Arbeitsvisum für einen Ausländer zu beantragen.
Wir planen so einen Monat ein bevor er mit dem Arbeiten anfangen soll.
Zweieinhalb Monate später immer noch keine Antwort vom Amt. Das ist blöd weil ich ihn gerne für die Krankenversicherung angemeldet hätte, aber die schicken mich jedes mal wieder weg. Kein Visum, keine Versicherung. Ich frage mal unseren Buchhalter-Berater.
"Ja, das ist blöd. Die Einwanderungsbehörde ist wohl momentan überlastet".
"Und wie ziehe ich dann den Krankenkassen-Beitrag von seinem Lohn ab?"
"Du darfst ihm überhaupt keinen Lohn zahlen. Das wäre Schwarzarbeit."
"Was? Aber ich kann ihn doch nicht für umsonst arbeiten lassen!"
"Naja, du kannst ihm ja ein Darlehen geben, aber arbeiten darf er dafür nicht."
Ja super, statt Gehalt und Visum hat er jetzt Schulden und kein Visum. Er nimmt das erstaunlich gelassen und beginnt schonmal auf eigene Faust unsere Marketing Strategie zu überarbeiten.
Während ich also noch warte ob ich bald im Gefängnis lande lerne ich mehr darüber wie Facebook und Google dazu verwendet werden können Leuten Zeug zu verkaufen. Beides macht meine Nächte nicht geruhsamer...

Samstag, 30. November 2019

Boss (23)

Die Finanzierung unserer Open-Source Anstrengungen machen wir über "Crowd Funding".
Das funktioniert so:
Leute "versprechen" einen gewissen Betrag beizusteuern, zahlen aber erstmal nichts.
Wenn der versprochene Gesamtbetrag an Tag X über einem bestimmten Limit liegt, zahlen alle und wir kriegen das Geld.
Liegt der versprochene Gesamtbetrag darunter, zahlt keiner und wir kriegen nichts.
Keine Ahnung auf welcher Merkwürdigkeit der menschlichen Psychologie das basiert, aber diese Deadline und "Alles-oder-Nichts" Denken ist wirklich populär. Also spielen wir da auch mir.

Was wir nicht wußten: Leute können bis zum Tag X ihr Versprechen auch wieder zurück ziehen. Und das tun sie auch gerne. Ein besonders lustiger Typ verspricht wiederholt hohe Beträge, nur um Tage später seine Meinung scheinbar zu ändern.
Ich denke schon das muss bewußte Sabotage sein - der wird 5 Minuten vor Schluß wieder abspringen und das ganze Projekt zum scheitern Bringen.
Ich habe also das genaue Gegenteil von einem eBay-"3-2-1-meins"-Erlebnis und bange die letzten Minuten vor meinem Computer Bildschirm. 3... 2... 1... KEINER ABGESPRUNGEN! Wir haben die Sache durchbekommen und einen (kleinen) Batzen Geld für unser Open Source Projekt eingesammelt.






Wir Entscheiden uns allen Leuten die mehr als etwa 10 Euro spenden eine Postkarte zu schicken.
Je höher die Spende desto schöner und aufwendiger die Postkarte.
Natürlich Handgeschrieben, weswegen ich oft Abends dasitze und dieselbe Dankesrede immer wieder abschreiben muß.
Eine überraschend schöne Arbeit. Ich sollte ein Dankespostkarten-Versende-Business aufmachen.




Aber da ist ja noch die Entwicklungsarbeit. Die Teilen wir auf:  ich bleibe bei der alten Produkt-Linie, und Programmierer Nummer 2 im Team kümmert sich um die Open Source Linie.
So kommen wir uns nicht in die Quere. Und wir haben ja noch einen Praktikanten der ihm zur Hand geht.
So kann die Arbeit beginnen und das Jahr relativ positiv zu Ende gehen. Ich lade alle zur Weihnachtsfeier zu mir nach Hause ein, koche Deutsches Essen und jeder kriegt noch ein kleines Geschenk - ein Dankeschön für die Arbeit dieses Jahr.
Über die Feiertage mache ich Pläne fürs nächste Jahr - 2019 starten wir endlich durch! Ich bereite schonmal eine motivierende meine Neujahrs-Ansprache vor.
Programmierer Nummer 2 kommt mir zuvor: er verläßt das Team um woanders zu arbeiten, Tschüss auch.
Was? Aber wir haben gerade erst von vielen Leuten einen Batzen Geld für Open Source Entwicklungsarbeit bekommen. Die können wir doch jetzt nicht enttäuschen! Wir nicht, er schon.
Und der Praktikant? "Also eigentlich habe ich die Stunden schon voll um mein Praktikum Akkreditiert zu kriegen". Moment, da war aber ne ganze Menge nicht-Arbeit dabei! Egal, zählt für die Akkreditierung.
...und das ich dir eine Wohnung bereit gestellt und mich um dein Visum gekümmert habe? Zählt nicht für die Akkreditierung. Zählt gar nichts. Arbeit ist aus, Tschüss Chef.
Also muss ich mich jetzt auch noch um die Open Source Entwicklung kümmern -  die letzen Wochen Zusammenarbeit mit Programmierer Nummer 2 werden in weitgehend in angespanntem Anschweigen abgehalten. Praktikant kommt nur noch einmal vorbei um sein Zeugnis abzuholen.
Das Jahr fängt schonmal gut an.
Naja, dafür sind die Firmenausgaben jetzt deutlich niedriger.


Donnerstag, 31. Oktober 2019

Boss (22)


Wir sind also jetzt frisch gebackener Open Source Entwickler.
Sprich: wir geben nicht nur das Programm für umsonst her, sondern auch den Quellcode.
Das muß den Leuten doch gefallen!
Und vielen tut's das auch. Wir bekommen einen Haufen positiver Kommentare, und langsam kommen auch ein paar Spender zusammen die die Entwicklung unterstützen wollen.
Jeder der mehr als 20 Euro gibt bekommt von uns eine handgeschriebene Postkarte - herzlichsten Dank und viele Grüße aus Japan!


Aber allen gefällt's dann auch nicht.
Manchen ist "alles ist frei" noch nicht frei genug.
Um das nochmal klar zu machen: unser eigener Code ist frei verfügbar.
Wir verwenden lediglich - gezwungenermaßen - die VR Schnittstellen der Hardware Hersteller.
Lässt sich halt nicht verhindern wenn man deren Hardware verwenden will.
Allerdings basiert unser Program halt auf anderer Open-Source Software, und da ist fest gelegt dass auch alle Derivate Open Source sein müssen. Naja sind wir ja auch.
Sicherheitshalber verpacken wir's nochmal getrennt um niemandem auf die Füße zu treten.
Der erste Teil der die Schnittstellen der Hardware Hersteller verwendet ist 100% von uns und Open Source. Verwendet halt "unfreie" Schnittstellen.
Der zweite Teil auf anderer Open Source Software aufbaut verwendet ist auch 100% Open Source und verbindet sich mit dem ersten Teil - wenn der Nutzer das will.
Man muss beide Teile getrennt herunter laden.

Ich bin vielleicht etwas paranoid und pessimistisch das so aufwendig zu trennen, und extra nochmal einen Online-Kurs in Copyright und Software Lizenzen zu absolvieren.
'Etwas' paranoid und pessimistisch.
Besser ich wäre 'etwas mehr' paranoid und pessimistisch gewesen.



Die ersten Nörgler sind schnell zur stelle.
Ich erkläre dass wir nur etwas beisteuern wollen und das absolute Minimum an Geld zum Selbsterhalt sammeln. (Eigentlich ist bald klar dass es nicht mal dafür reicht).
Interessiert sie nicht. Sie nörgeln weiter.
Ich erläutere die Rechtslage.
Glauben sie mir nicht.
Ich weise sie auf genau die Stelle im Lizenztext der Basis-Software hin wo steht dass wir das Recht haben zu tun was wir tun.
Sie widersprechen mir.
Schließlich reicht's mir - wer seid ihr überhaupt!? Anonyme Rechthaber ohne Rechte.
Solange ihr nicht den eigentlichen Autor der Software vertretet könnt ihr von uns mal gar nix verlangen!
Tut ihr das?
Schweigen.
Dann eine Email.
Vom ursprünglichen Autor der Software.
Ihm sei da zu Ohren gekommen dass Leute in der Community "besorgt" seien über das Projekt.
So so, "besorgt" sind sie also?
Hallo Author. Dir hab ich vor einem halben Jahr schonmal geschrieben und dich ausdrücklich  gefragt ob's Probleme gibt mit unseren Plänen.
Damals, du so: ja ja, wie auch immer.
Und wir halten uns auch an die Lizenz. Schau.
Achso, ja dann... aeh... wie auch immer.
...Dankeschön....



Also wieder zurück die Leute zu engagieren die unser Projekt positiv sehen und unterstützen. Kommen ja genug positive Kommentare und Fragen rein. Nur Antworten kann ich nicht mehr. Man hat uns aus dem Forum verbannt.
... Dankeschön auch!

Immerhin war dass das letzte mal das wir von den Entwicklern der Basis-Software gehört haben. Alle unsere Versuche mit ihnen ins Gespräch zu kommen (ob sie nicht etwas von unserem Source Code mal übernehmen wollen - könnte ihnen ja die Arbeit ersparen das später selbst zu schreiben) bleiben unbeantwortet.



Montag, 30. September 2019

Boss (21)

Ich war immer ein grosser Fan von Open Source.
Die Vorstellung auf der Arbeit anderer Programmierer aufzubauen, etwas beizusteuern, sich gegenseitig zu kontrollieren, und die Software an die eigenen Vorstellungen anpassen zu können ist einfach großartig für jeden Bastler.
Ich sage "Vorstellung" weil wirklich an Open Source Projekten teilgenommen habe ich nie.
Meine eigenen Projekte waren immer zu klein und spezifisch als das sie jemanden interessieren würden.
Die größeren Projekte von der Arbeit durfte ich nicht veröffentlichen.
Also habe ich die "Open Source Commmunity" nie kennengelernt.
Sah von außen aber immer toll aus.



Als ich also meine eigene Software veröffentlichen wollte, war ich am überlegen das ganze Open Source zu machen.
Doch könnte ich dann auch davon leben das ganze weiter zu entwickeln?
Es gibt ja genug Firmen die Open Source machen, aber wie machen die das? Und vor allem: wie ist das als einzelne Person.
Also kontaktiere ich erstmal den Autor einer Open-Source Videobearbeitungs-Software die ich gerne verwende - und zu deren Entwicklung ich gerade erst etwas Geld gespendet habe.
Seine Geschichte zwingt mich fast nochmal mehr Geld hinterher zu spenden - er scheint wirklich fast überhaupt kein Geld zu machen, obwohl seine Software wirklich populär ist.
Also ist das keine gute Option - gut dass ich gefragt habe. Mein Source Code bleibt geheim. War wieder nix mit Open Source Community.


Zwei Jahre später - Software und Team sind reichlich gewachsen - und wir diskutieren in welche Richtung wir uns weiter entwickeln wollen.
Wir wollen nicht mehr so abhängig sein von der Basis-Software auf der wir aufbauen und mehr Leute erreichen.
Also schauen wir welche anderen Design-Tools wir unterstützen könnten.
Die nächsten größeren Produkte gehören aber alle derselben Firma von der wir gerade etwa unabhängiger werden wollen. (Hallo? Monopol-Behörde?)
Der Rest ist etwas "Nischen-Software", ... und die eine große Open Source Alternative. Es gibt immer eine Open Source Alternative.
Wäre dass nichts für uns? Klingt schon spannend, aber auch machbar?
Das heißt:
1) Ist das technisch machbar?
2) Ist das finanziell machbar?
3) Ist das zwischenmenschlich machbar?

Um (1) die technische Machbarkeit zu überprüfen, stürzen wir uns einfach mal in den Source Code - ist ja frei verfügbar.
Ist zwar alles nicht ganz so einfach wie erhofft aber nach ein paar Wochen haben wir einen funktionierenden Prototypen. Yay!

Bei der (2) finanziellen Machbarkeit schaut's etwas düsterer aus.
Spenden-basierte Open-Source Entwicklung scheint nichtmal genug abzuwerfen um einen von uns das bescheidene Gehalt zahlen zu können.
Also Alternativen suchen. "Crowd-Funding" ist ein System bei dem Leute für die Entwicklung eines Produktes zahlen, noch bevor die Entwicklung startet.
Kommt nicht genug Geld zusammen, wird das Produkt nicht gebaut. (Und oft genug wird's auch dann nicht gebaut wenn genug Geld zusammen kommt - die Liste der vergeigten oder betrügerischen Crowdfunding Projekte ist lang).
Klingt fair. Nicht wirklich profitabel aber vielleicht tragbar - VR hat zwar nicht viele Nutzer, aber die Nutzer die's hat sind bereit Geld auszugeben.



Die (3) zwischenmenschliche Machbarkeit, also ob unsere Arbeit in der Community anerkannt wird und wir niemandem auf die Füße treten.
Spüren ein paar Leute auf die mal über so etwas irgendwo in irgendwelchen Foren oder Konferenzen gesprochen haben und Kontaktpersonen im Entwickler-Team und kontaktieren sie einfach. Wie geht's denn bei denen voran?
Die Antworten sind meist kurz und abwiegelnd. Jaja, steht auf dem Plan, wird gemacht, aber momentan geht da nichts voran. Keine Zeit, kein Geld, kein Interesse.
Also fragen wir ob das denn willkommen wäre wenn wir uns darum kümmern würden.
Da hören die Antworten auf. Zwar scheint keiner daran arbeiten zu wollen, aber den Ball abgeben will auch keiner. Schließlich fragen wir sogar den berühmten Gründer der Design Software. Direkt: geht das okay?
"Wir sind Open Source - jeder ist willkommen Teilzunehmen und Beizusteuern."
Das reicht uns.
Wir veröffentlichen den Prototypen, starten das Crowd-Funding, und nennen uns ab heute: Open Source Entwickler! Wo bleibt unsere Willkommens-Umarmung?
Ähhh....also...